Hilfe für Schulverweigerer

Gevelsberg. (je) Mal ein Stündchen „blau“ gemacht, das hat während der Schulzeit vermutlich wohl fast jeder. Im besten Falle musste man den Unterrichtsinhalt nachholen, im schlimmsten gab es eine Standpauke von Lehrern oder Eltern sowie einen „blauen Brief“ – sodass man künftig dann doch lieber dem Unterricht treu blieb.

Doch wie ist es mit Kindern, bei denen das Fernbleiben vom Unterricht die Regel ist? Bei denen mahnende Worte von Lehrern und auch Eltern keine Wirkung zeigen – oder gar nicht erst erfolgen? Für diese Kinder und Jugendlichen, die im Behördendeutsch als „aktive Schulverweigerer“ gelten, hat die Stadt Gevelsberg gemeinsam mit der Awo nun eine neue Beratungs- und Anlaufstelle im Rahmen des Programms „Jugend stärken im Quartier“ eingerichtet.

Glücksgriff

Etwas versteckt und unscheinbar liegt der Eingang zum Büro der Pädagoginnen Mona Kalle und Gertrud Stachevski zwischen zwei Häusern an der Hagener Straße. Dort, wo erst seit einigen Wochen auch das neue Büro der Awo-Drogenberatung angesiedelt ist. Rolf Kappel, Bereichsleiter Arbeit und Qualifizierung der Arbeiterwohlfahrt, ist sich sicher: „Es war ein Glücksgriff, das Angebot mit in diese Räume zu integrieren“.
Denn wie auch bei der Drogenberatung gehen Stadt und Awo in Gevelsberg bei dem Jugendförderprogramm ganz neue Wege der Zusammenarbeit mit anderen Städten: „Jugend stärken im Quartier“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ennepetal, Gevelsberg und Schwelm.

Einmalig

„Das ist einmalig in Deutschland – von 190 im Rahmen des Projektes geförderten Standorten sind wir der einzige, der sich über mehrere Städte erstreckt“, so Kappel. „Kommunale Grenzen können nicht unsere Arbeitsgrenzen sein, schließlich bewegen sich die Kinder und Jugendlichen auch zwischen den Städten, Kirchturmdenken bringt nichts.“ Der Standort an der B 7 wurde bewusst gewählt, denn dieses ist in allen drei Städten eine eher problematische Wohngegend, die dennoch den höchsten Anteil an Kindern aufweist.

Doch nicht nur um die klassischen „Schulschwänzer“ will sich das gemeindeübergreifende Team, zu dem beispielsweise auch Streetworker gehören, kümmern, auch „passiven Schulverweigerern“ gilt die Aufmerksamkeit. Damit sind Kinder und Jugendliche gemeint, die zwar im Unterricht anwesend sind, diesem jedoch nicht folgen und im schlimmsten Falle ihn gar permanent stören.

Einbeziehen

Und so betont Manuel Ashauer, Leiter der städtischen Kinder- und Jugendhilfe, ganz ausdrücklich: „Jeder dieser Fälle ist eine Notsituation. Schuldzuweisungen helfen nicht, daher wollen wir alle Beteiligten, also nicht nur die Kinder sondern auch Eltern und Lehrer, einbeziehen.“

Um die Kinder und Jugendlichen sozial und persönlich zu stärken, sie vor kriminellem Verhalten zu schützen und ihnen eventuell den Weg zu individuell passenden Ausbildungsmaßnahmen zu zeigen, wird es künftig Gruppenangebote geben, aber auch Aktionen direkt in den Schulen. So wird etwa in Kürze an der Hasencleverschule das Kompetenztraining „Fit for life“ starten.

Außerdem sind die beiden Ansprechpartnerinnen in der Hagener Straße 63 immer zur „offenen Sprechstunde“ donnerstags von 13.30 bis 15.30 Uhr sowie per E-Mail an jugend-staerken-gev@awo-en.de für Kinder und Jugendliche, aber besonders auch Eltern, Lehrer und Erzieher erreichbar.

Tabuthema

Bürgermeister Claus Jacobi resümiert bei der symbolischen Übergabe des Schlüssels für das neue Büro: „Mit Schulverweigerung wird hier ganz klar ein Tabuthema angefasst. Wir sehen es aber als eine tollen weiteren Baustein zu den vorbeugenden Maßnahmen in Gevelsberg.“ Diese beruhen vorwiegend auf dem 2009 und 2010 erstellten Armuts- und Integrationsbericht der Stadt.

„Der Bericht war ein mutiger Schritt“, so Jacobi. „Denn: nur wer seine Probleme kennt, kann auch langfristige Lösungen finden.“