Gevelsberg. (ME/ce) Die längste Regierungsbildungsprozedur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist endlich abgeschlossen: Nun „darf“ wieder gearbeitet werden. Die Öffentlichkeit hat mitunter staunend vernommen, mit welchen Schwierigkeiten die Suche nach einer tragfähigen Regierungsmehrheit verknüpft war.

Schon begriffen?

Daran erinnerte Bundestagspräsident a.D. Norbert Lammert (CDU) am Sonntag, 11. März in, Gevelsberg. Auf Einladung von Bürgermeister Claus Jacobi war Lammert, einer der besten deutschen politischen Redner der vergangenen Jahre, zum Jahresempfang der Stadt ins Tal der Ennepe gekommen, um über „Gefahren für unsere Demokratie“ zu sprechen. Seine Rede wurde mit großer Spannung erwartet.

Ein Thema, das Lammert gleich zu Beginn seiner Ausführungen mit Nachdruck vor Augen führte: „Wir stehen vor Veränderungen, von denen wir nicht wissen, ob sie von uns allen schon begriffen worden sind.“ Manchen B

ürgern ginge die Veränderung hin zur „digitalen Gesellschaft“ nicht schnell genug, doch es gäbe andererseits auch viele Menschen, die die bestehenden Zustände „mit Wut verteidigen“.

Unterschiede aushalten

Gleichwohl müsse aber auch festgestellt werden, dass die meisten Länder reihum froh wären, wenn sie „nur“ unsere „Luxusprobleme“ hätten.

Ein Markenzeichen der Demokratie sei es gerade, dass Parteien unterschiedliche Auffassungen hätten. Lammert verwies auf China, wo es nur eine Partei gebe, die „mal eben“ beschließen könne, Staatschef Xi zum Machthaber auf Lebenszeit zu ernennen. Ebenso verwies er auf Italien, wo es nach der unlängst erfolgten Wahl wahrscheinlich extrem schwierig werde, überhaupt eine Regierung zustande zu bringen. Und er erinnerte sich an Belgien, wo es 2010/11 immerhin eineinhalb Jahre brauchte, um eine Sechs-Parteien-Koalition zustande zu bringen.

Kunstvoller Rahmen

Das Publikum im frühlingshaft geschmückten Zentrum für Kirche und Kultur an der Südstraße lauschte der Lammert-Rede mit höchster Konzentration. Sein Plädoyer für gelebte Demokratie, Toleranz, Mut zur Zukunft und bürgerliches Engagement auf der politischen Ebene fand am Ende starken Applaus.

Es folgte eine Podiumsdiskussion mit Norbert Lammert, Bürgermeister Claus Jacobi, dem heimischen Bundestagsabgeordneten René Röspel und drei Gevelsberger Schülervertreterinnen. Umrahmt wurde der Neujahrsempfang mit Musik der „Peanuts Big Band“ der städtischen Musikschule und vier Nachwuchs-Pianistinnen, die jeweils vierhändig spielten. Die Malschule Maldumal präsentierte die Ergebnisse ihres Kindermalprojektes. Bürgermeister Claus Jacobi ehrte zudem das „Gevelsberger Urgestein“ Fritz Sauer anlässlich dessen 90. Geburtstages.

Zum Abschluss des Empfangs trug sich Norbert Lammert noch ins Goldene Buch der Stadt Gevelsberg ein.

(Fotos: Claudia Eckhoff)