„Manchmal fühle ich mich wie im Zoo“

Rubensfrau Annika Meinen lässt sich von abwertenden Bemerkungen über ihre Figur nicht unterkriegen. Die attraktive 30-Jährige möchte sich nicht verstecken und geht gern auf Partys. (Foto: Frank Schmidt)

EN-Kreis. (zico) „Man könnte mich in einen Zoo stecken und Eintritt verlangen“, sagt Joy Krüger, Kleidergröße 56/58, 159 Kilogramm, auf die Frage, wie sie sich von der Gesellschaft wahrgenommen fühlt: „Man dreht sich überall nach mir um und blickt kritisch, abwertend auf mich.“ Und ihre Freundin Annika Meinen, Kleidergröße 58, 150 Kilogramm, fügt hinzu: „Ich fühle mich wie ein Exot; ich falle auf, werde negativ betrachtet. Ich entspreche nicht den Maßstäben.“

Mit diesem Gefühl müssen die 32-jährige Joy und ihre 30-jährige Freundin Annika leben – Tag für Tag. Auch die Sprüche, die sie zu hören bekommen, haben es in sich. „Fette Sau!“ – „Deutsche Panzer rollen wieder.“ „Warum geht die zum Sport, die soll doch fressen.“ Nur eine kleine Auswahl an „Nettigkeiten“, deren Urheber sich zum Teil nicht einmal die Mühe machen, so leise zu sprechen, dass ihre Zielscheiben den von Hass getragenen Spott nicht mitbekommen. „Manchmal fotografiert man mich auch, wie für eine Idiotensammlung“, berichtet Joy, die wegen ihres Erscheinungsbildes sogar schon in einem Kaufhaus von Jugendlichen Tritte in den Hintern kassierte.

Trotz solcher Erlebnisse haben sich Joy, Annika und andere Frauen, die ihre Erlebnisse teilen, genug Selbstvertrauen aufgebaut, um mit dieser befremdlichen Art des menschlichen Umgangs zurecht zu kommen. „Ich will mich nicht verstecken, auch wenn mir manchmal danach zumute ist“, sagt Annika Meinen, die den mehr oder weniger unverhohlenen Tuscheleien, den Blicken, den Bemerkungen mitunter offensiv begegnet. „In einem Tapeziermarkt hat vor kurzem eine Frau ihren Mann auf mich hingewiesen, so nach dem Motto ,guck mal, die da’. Und dann haben sie sich über mich mokiert. Ich bin dann in einen Gang abgebogen, hinter den beiden wieder aufgetaucht und hab freundlich gefragt, ob es ein Problem mit mir gibt. Da haben sie sich richtig geschämt und gestottert.“

Aus der anonymen Zielscheibe, dem Objekt ihres Spottes, war plötzlich ein Mensch mit einer Stimme geworden, mit dem sich das Paar Auge in Auge auseinander setzen musste.

Gesundes Selbstbewusstsein hat sich auch Anna Stoya, Kleidergröße 52, 110 Kilogramm, aufgebaut. Die 59-Jährige hat auch im Berufsleben die Erfahrung gemacht, dass sie mehr leisten muss als Frauen mit „Normalgewicht“, um im Berufsleben anerkannt zu werden: „Die Gesellschaft stellt mollige Frauen als faul und träge dar, als Menschen, die sich nicht im Griff haben. Andere Frauen gewinnen durch ihr Äußeres; ich musste immer erst einmal gegen das Image anarbeiten, dass mir wegen meiner Figur aufgedrückt wurde. Als Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes ist es mir aber immer gelungen, meine Kompetenz nachzuweisen, und an die Stelle von Abneigung ist oft Sympathie getreten.“

Anna Stoya findet es schlimm, dass Menschen wegen ihres Gewichtes ausgegrenzt werden von Leuten, die sich gar nicht erst mit der Persönlichkeit auseinander setzen wollen, die im jeweiligen Körper steckt. Und als ebenso schlimm empfindet sie es, schon molligen Kindern zu vermitteln, dass sie wegen ihres Gewichtes nicht geliebt werden: „Wenn Du fünf Kilo abnimmst, dann bekommst Du ein Spielzeug – mit solchen Sprüchen signalisiert man den Kindern doch nur, dass sie nicht in Ordnung sind, so wie sie sind.“

Joy Krüger hat gelernt, sich zu akzeptieren, wie sie ist, und feiert mit Leidenschaft in schicken Outfits. (Foto: Frank Schmidt)

Erstaunlich erscheint vor dem Hintergrund allgemeiner gesellschaftlicher Ablehnung gegenüber „Rubensfrauen“, wie Mollige von jenen genannt werden, die üppige Frauen mögen, eines: Seriöse Statistiken beziffern die Zahl der, die dick schick finden, auf mittlerweile rund 50 Prozent. Vor circa zehn Jahren lag der Anteil der „Rubensfans“ noch bei einem Drittel – schon dies ein recht hoher Wert, der offensichtlich noch gestiegen ist. „Aber die meisten Männer stehen nicht dazu, weil es ihnen an Selbstbewusstsein fehlt. Die wollen lieber ein Vorzeigepüppchen“, konstatiert Anna Stoya ohne Bitterkeit.

Diese Erfahrung machte auch Annika Meinen, die feststellt: „Männer wollen dicke Frauen nur fürs Bett und nicht fürs Leben.“ Sie nennt als Beispiel „das schlimmste Date“ ihres Lebens: „Ich bin mal zu einer Verabredung mit einem jungen Mann gefahren. Wir kannten uns aus dem Internet, und ich mochte ihn sehr. Es war bei einem Osterfeuer mit seinen Freunden; unser erstes persönliches Treffen. Nach kurzer Zeit hat er mich einfach stehen lassen, fünf Stunden lang ließ er sich nicht mehr blicken. Ich bin da ziemlich hilflos herumgelaufen, kannte dort ja keinen Menschen. Dann kam er endlich wieder, und wir sind zu ihm gefahren, wo mein Wagen stand. Hinterher hat er mir ne E-Mail geschrieben, er und seine Freunde hätten entschieden, mein Hintern sei zu dick für die Sportsitze seines Autos. Trotzdem schreibt er mir noch heute und will sich mit mir treffen; man kann sich denken, wozu. Aber natürlich nur bei mir, denn vor seinen Freunden würde er sich ja für mich schämen.“

Trotz solch bitterer Erfahrungen lassen sich Anna Stoya, Joy Krüger und Annika Meinen ihre Lebensfreude nicht nehmen. Sie verstecken sich nicht, gehen feiern und tanzen, machen sich hübsch für gesellige Anlässe. Sowohl im Freundeskreis als auch in Diskotheken, aber auch auf Veranstaltungen wie etwa „Ü100-Partys“, die es mittlerweile speziell für mollige Frauen und ihre Verehrer gibt, haben die Rubensfrauen ihren Spaß.

„Ich habe irgendwann gesagt, ihr könnt mich mal – entweder ihr mögt mich, wie ich bin, oder ihr lasst es“, akzeptiert Anna Stoya heute ihr Erscheinungsbild. Und Annika Meinen bestätigt: „Ich habe meinen Frieden mit meinem Körper geschlossen; es ist nicht mehr mein größter Wunsch, schlank zu sein. Es kommt auch darauf an, ob man selbstbewusst oder eher duckmäuserisch auftritt. Dann wird man schneller zum Opfer.“ Und Joy Krüger lässt sich von abwertenden Sprüchen und geringschätzigem Verhalten so leicht nicht mehr unterkriegen: „Aber die Gesellschaft macht es uns Dicken schon sehr schwer. Ich würde mir wünschen, dass man anders mit mir umgeht.“