Menschlichkeit und Hilfe im Zeichen tickender Uhren

Ein Blick auf den Pflegeplan verrät der stellvertretenden Pflegedienstleiterin Veronika Lorenz, was zu tun ist. Landtagsabgeordneter Hubertus Kramer staunt über die Fülle der Aufgaben. (Foto: Diakonie Mark-Ruhr)

Gevelsberg. (Red.) Noch bevor der Berufsverkehr früh morgens einsetzt, ist das Team der ambulanten Pflege der Diakonie Mark-Ruhr schon auf den Beinen. Draußen ist es noch dunkel, als sich die Mitarbeitenden der Diakoniestation Haspe zur morgendlichen Besprechung treffen. Heute steht eine Kaffeetasse mehr auf dem Tisch: Der heimische Landtagsabgeordnete Hubertus Kramer (SPD) begleitet das Team der Diakoniestation einen Tag lang als „Praktikant“, um hautnah und direkt mitzubekommen, was es bedeutet, in der ambulanten Pflege tätig zu sein.

Im Rahmen der Aktion „Mehr Zeit für Pflege“ der Landesarbeitsgemeinschaft der NRW-Wohlfahrtsverbände hat sich die Diakonie an die Landespolitik gewandt, um für eine angemessene Vergütung und vor allem für mehr Zeit in der Pflege zu werben. „Die meisten Menschen möchten auch dann zu Hause wohnen bleiben, wenn sie pflegebedürftig werden beziehungsweise Leistungen der häuslichen Krankenpflege benötigen. Auch die Losung der Politik lautet seit Jahren: ambulant vor stationär. Doch damit der gesellschaftspolitisch gewollte Vorrang der Versorgung im eigenen Zuhause und im gewohnten Umfeld gelebte Realität sein kann, muss die Situation in der ambulanten Pflege dringend verbessert werden“, sagt Regina Mehring, Geschäftsführerin der Evangelischen Pflegedienste der Diakonie Mark-Ruhr.

Der Landtagsabgeordnete Hubertus Kramer lernte an seinem Praktikumstag bei der Diakonie Mark-Ruhr den Pflegealltag kennen. Gemeinsam mit der stellvertretenden Pflegedienstleiterin Veronika Lorenz besuchte er die Patienten. (Foto: Diakonie Mark-Ruhr)

Abgerechnet wird bei der häuslichen Pflege nach der Art der Leistung – unabhängig von Zeit und Aufwand, die zum Beispiel bei einem Verbandwechsel anfallen. „In den letzten zehn Jahren sind die Kosten in den ambulanten Diensten stark gestiegen. Arbeitsverdichtung bei den Pflegekräften, engere Tourenplanung und damit immer weniger Zeit für Patienten sind die Folge dieser Unterfinanzierung der Pflegedienste. Trotzdem sind wir zu jeder Zeit sehr bemüht, die erforderliche Zeit für unsere Patienten zu finden, denn letztlich stehen sie mit ihren Bedürfnissen klar im Vordergrund“, so Regina Mehring.

Wie das in der Praxis aussieht, erfährt Hubertus Kramer an diesem Tag hautnah. Gemeinsam mit der stellvertretenden Pflegedienstleiterin Veronika Lorenz führt ihn der erste Weg zu einer Patienten, die nach einem Schlaganfall auf die Pflege angewiesen ist. Eine knappe Dreiviertelstunde soll der frühmorgendliche Besuch dauern. Doch schon bei der Parkplatzsuche vergeht wertvolle Zeit. „Ich habe mir im Vorfeld gar keine Gedanken darüber gemacht, dass selbst solch vermeintliche Kleinigkeiten wie die Parkplatzsuche zu einer echten Stresssituation für die Mitarbeitenden werden können“, so Hubertus Kramer.

Nachdem die 90-Jährige fit für den Tag gemacht ist, geht es mit schnellem Schritt zurück zum Auto – die nächste Patientin wartet darauf, dass ihre Kompressionsstrümpfe gewechselt werden. Der medizinischen Pflicht schließt sich noch ein kleiner Plausch im Wohnzimmer an – mitunter sind die Kräfte von Pflegediensten oder „Essen auf Rädern“ die einzigen Menschen, die eine hilfsbedürftige Person am jeweiligen Tag zu sehen bekommt. Der Spagat zwischen Menschlichkeit und tickender Uhr bedeutet für die Pflegekräfte mitunter selbst eine psychische Belastung.

In der nächsten Wohnung steht ein Verbandwechsel auf dem Programm – ohne die ambulante Pflege müsste der Patient hierfür jeden Tag extra ins Krankenhaus fahren, und das über Wochen. Ohnehin wird an diesem Tag einmal mehr deutlich, welch große Wertschätzung die Mitarbeiter der ambulanten Pflege bei ihren Patienten für ihre unverzichtbare Arbeit genießen.

Nach einem anstrengenden und langen „Pflegetag“ hält Hubertus Kramer fest: „Ich habe heute einen neuen Einblick erhalten, und mein Bewusstsein für den Pflegeberuf wurde geschärft. Man muss sich in der Tat überlegen, wie man die ambulante Pflege besser aufstellen kann und wie man Patient, Beschäftigten und Träger in einen guten Einklang bringen kann. Es ist beachtlich, was geleistet wird, aber auf Dauer wird das so nicht weiter funktionieren“, erkennt der SPD-Politiker: „Wir müssen uns überlegen, wie wir uns Pflege in Zukunft vorstellen, auch mit Blick auf die demographische Entwicklung.“

Ein weiteres Problem haben Veronika Lorenz und Pflegedienstleiterin Christiane Schmadel gegenüber dem Abgeordneten ebenso angesprochen – das hohe Maß an Bürokratie: „Wir müssen jeden einzelnen Handgriff dokumentieren, das kostet viel Zeit.“ Laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2009 muss ein Pflegedienst von vier Stellen fast eine Stelle für Verwaltungstätigkeiten gegenüber den Kassen aufwenden. Diese Zeit wird nicht von den Krankenkassen bezahlt und fehlt wiederum den Patienten.

„Dinge wie ein Getränk holen oder mal ein Stück Kuchen mitbringen schreiben wir gar nicht erst auf, das machen wir gern, weil wir durch die Bank ein gutes und enges Verhältnis zu unseren Patienten pflegen“, hebt Bereichsleiter Marc Asbeck in diesem Zusammenhang noch einmal hervor, dass es der Diakonie keineswegs ausschließlich darum geht, Gewinne zu erzielen. „Aber unserer Arbeit muss sich unterm Strich tragen“, stellt er eine bescheidene Forderung: „In den vergangenen Jahren sind Personal- und Sachkosten gestiegen, aber zusätzliche finanzielle Mittel sind dafür nicht geflossen. Trotzdem sind wir unseren hohen Qualitätsstandards gerecht geworden. Aber eben nur unter erheblichen Zeitproblemen.“

Das soll sich künftig ändern – im Sinne der Beschäftigten und vor allem im Sinne der Patienten. Eine Notwendigkeit, die Hubertus Kramer seinen Landtagskollegen nun aus erster Hand schildern kann…