Gevelsberg. (ce) Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht gut genug lesen, wobei die Schere zwischen starken und schwachen Schülern immer weiter auseinander geht. Nur diesen Schluss lässt die aktuelle „Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung“ (IGLU) zu.

„Daran kann man doch etwas ändern“, das ist die feste Überzeugung von Klaus-Richard Wortmann. Er hat am 1. Oktober 2013 den Verein „Mentor – Die Leselernhelfer Gevelsberg“ in seiner Heimatstadt ins Leben gerufen und wirkt als erster Vorsitzender.Vorbild war ihm der visionäre Buchhändler Otto Stender, der schon 2004 die erste „Mentor-Leselernhelfer“-Gruppe in Hannover gegründet hatte. Vierzehn Jahre später engagieren sich bundesweit derzeit rund 11.000 Mentoren als Leselernhelfer an 1400 Schulen in 71 Städten. Auch die Gevelsberger Gruppe arbeitet nun schon seit fünf Jahren daran, Kindern die Welt des Lesens und der Bücher zu erschließen.

Zeit für ein Fazit

„Zu unserer Gruppe gehören derzeit rund 110 Mentoren“, berichtet Klaus-Richard Wortmann. „Wir betreuen 125 Kinder an allen neun Gevelsberger Schulen, zumeist aber Grundschulkinder aus den zweiten bis vierten Klassen.“ Die Kinder empfinden ihrer wöchentliche Lesestunde mit ihrem Mentor als Wohltat, fast als eine besondere Auszeichnung. Hier kommt ein wohlwollender Erwachsener in ihre Schule und nimmt sich eine Stunde lang Zeit nur für sie allein, um mit ihnen zu lesen, was ihnen gefällt und sie interessiert.

„Die Kinder kommen meist schon in der Pausenhalle auf ihre Mentoren zugestürmt“, lacht Klaus-Richard Wortmann. In jeder Schule steht eine Bücherschatzkiste, aus der die Kinder und ihre Mentoren sich bedienen können. Ob Fußball- oder Tiergeschichten oder gar Nachschlagewerke – wichtig ist, dass die Kinder am Inhalt ihre Liebe zum Lesen „entzünden“ können. Alles, was Spaß macht, ist erlaubt, bis hin zum Comic. Elternwünsche bleiben dabei außen vor. Das Kind entscheidet. „Die Lesestunden mit den Mentoren sollen nicht als Nachhilfestunden missverstanden werden“, sagt Klaus-Richard Wortmann. „Und sie ersetzen auch nicht das abendliche Vorlesen in der Familie, das den Kindern so gut tut oder tun würde.“

Die Lehrer wählen in ihren Klassen die Kinder für die Förderung aus. Der Bedarf ist riesig, doch der Gevelsberger Mentoren-Verein kommt an seine Grenzen. Schade auch, dass nur ein Viertel der Leselernhelfer Männer sind. „Dabei brauchen viele Kinder heute gerade einen männlichen Ansprechpartner oder ein männliches Vorbild“, weiß Klaus-Richard Wortmann.

Lesen macht stark

Das gemeinsame Lesen-Lernen stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder, fördert das Selbstvertrauen, hilft beim Übergang zur weiterführenden Schule, baut Hemmungen ab, öffnet Türen und Welten, ermöglicht Integration für alle Kinder und besonders für die mit Migrationshintergrund. Studien zeigen auch, dass von „Mentor“ geförderte Kinder weniger zu Gewalt oder zur Gewaltverherrlichung neigen. Was wird aus einer Gesellschaft, in der 61 Prozent der 15-Jährigen freiwillig kein Buch in die Hand nimmt und in der „funktionaler Analphabetismus“ immer weitere Kreise zieht?