Mutmacherbuch für Menschen mit MS

Ennepetal. (zico) „Eigentlich wollte ich nie ein Buch über meine MS-Erkrankung schreiben“, sagt Britta Kummer, die schon einige Druckwerke verfasst hat. Sowohl unterhaltsame Kindergeschichten als auch Kochbücher hat die temperamentvolle 43-Jährige seit 2007 zu Papier gebracht, doch auf ihre Krankheit reduziert werden wollte die so lebensbejahende Frau auf keinen Fall. Erst ihr Umfeld überzeugte sie, dass gerade ihre positive Einstellung zum Leben auch anderen Betroffenen viel Auftrieb geben könne. Und so ist es denn auch „ein Mutmacherbuch geworden“, wie Britta Kummer und ihr Vater Reinhold sagen.

Die Beine wollten nicht mehr so…

Denn Britta Kummers Eltern sind ebenso an dem Werk „Plötzlich MS. Das Leben mit einer heimtückischen Krankheit“ beteiligt. „Das Buch beschreibt meine Geschichte aus meiner Sicht und aus der Sicht meiner Eltern“, erklärt Britta Kummer, die schon im Alter von 19 Jahren an MS erkrankte.

„Ich war ein absoluter Sportfreak und in der vollen Blüte meines Lebens. Ich wollte mein Leben genießen und kennenlernen, und dann kam alles anders. Auf einmal wollten meine Beine nicht mehr so, wie ich es mir wünschte. Das Laufen fiel mir immer schwerer. Ich hatte Gleichgewichtsstörungen und schwankte durch die Gegend, als wenn ich zuviel getrunken hätte. Meine Augen zeigten mir Doppelbilder, die ich bisher auch noch nie gesehen hatte. Erst ignorierte ich diese Signale. (…) Aber es nutzte alles nichts. Die Symptome wurden nicht besser, sondern eher schlechter, also blieb mir nicht anderes übrig, als einen Arzt aufzusuchen“, hat Britta die Anfänge ihres Lebens mit MS im Buch skizziert.

Erschreckende Informationen

Auch die Eltern bemerkten, dass da was nicht stimmte mit ihrer Tochter. Vater Reinhold sprach mit einem Arzt aus der Nachbarschaft über die ersten Symptome, und dessen Vermutung lautete: „Multiple Sklerose“. Nun war ein Gespräch mit der Tochter unausweichlich. Darüber schreibt Reinhold Kummer: „Das Gespräch mit Britta lief völlig aus dem Ruder. Es ist uns nicht gelungen, ihr begreiflich zu machen, dass sie vermutlich an „Multiple Sklerose“ erkrankt ist. Mit dieser Erkrankung ist nicht zu spaßen. Aber sie blockte all unsere Besorgnis ab. Es ginge ihr gut und sich fühle sich wohl. Wir sollten doch wegen der wenigen gesundheitlichen Störungen nicht einen solchen Aufstand machen. Sie wollte davon nichts wissen. Hier stand wohl ihr westfälischer Dickkopf im Weg.“ (…) Wir waren davon überzeugt, dass die gesundheitlichen Probleme wieder auftreten. Also ergriffen wir die Initiative und fingen an, uns über das Krankheitsbild kundig zu machen. Die Informationen waren sehr erschreckend, nein, schlimmer, zum Fürchten!“

Und in der Tat – die Krankheit ließ sich nicht durch Ignorieren wegschieben oder aussitzen. „In einer Reha fiel plötzlich der Groschen“, erinnert sie sich. Britta Kummer musste lernen, mit MS zu leben, ob sie wollte oder nicht. Und das tat sie – mit ihrem Temperament, mit ihrem Lebensmut und oft auch mit einem Schuss Humor. „Ich lebe mit MS, nicht MS mit mir“ – das wurde ihre Philosophie.

Krankheit prägt nicht die Persönlichkeit

Britta Kummer lernte, mit den Blicken ihrer Mitmenschen ohne Handicap umzugehen. Sie fand Ärzte, die sie nicht gängelten, sondern sie und ihre Gefühle, ihre Befindlichkeiten und Fragen ernst zu nehmen. „Aufgeben gibt es nicht, ich habe Ziele“, sagt sie heute ohne jede Verbitterung und meistert ihr Leben. Sie wohnt in einer barrierefreien Wohnung auf dem Gelände des Curanum-Seniorenzentrums Voerde, pflegt engen Kontakt zu ihren Eltern, unternimmt weite Reisen nach Kanada oder in die USA. Über solche Erfahrungen berichtet das Buch ebenso wie über Rückschläge, den Verlust von Freunden etwa. Vor allem aber über die Kunst, den Mut nicht zu verlieren. Und viel Auftrieb hat ihr das Schreiben gegeben – ihre Bücher erfreuen sich guter Nachfrage.

„MS ist nicht heilbar und hat 1.000 Gesichter. Ich bin davon überzeugt, dass man die Krankheit auch vom Kopf her aufhalten kann. Vor allem aber möchte ich nicht, dass Multiple Sklerose meine Persönlichkeit prägt“, sagt Britta Kummer, und aus ihren Augen blitzt die Lebensfreude. Von der ist auch das beeindruckende Buch „Plötzlich MS. Das Leben mit einer tückischen Krankheit“ (Rosengarten-Verlag, ISBN 978-3945015-03-2) geprägt, das nicht nur für Betroffene lesenwert ist.