Nachnutzung des Schwelmer Brauereigeländes

Schwelm. (zico) Die Regularien waren schnell abgehandelt, damit das politische Schaulaufen rasch beginnen konnte: Eine gut aufgestellte Werbegemeinschaft Schwelm benötigte bei ihrer Jahreshauptversammlung im Westfälischen Hof weniger als eine Stunde, um die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. Bei der Politik geht’s deutlich gemächlicher zu: In diesem Jahr wird’s nichts mehr mit einer Belebung des ehemaligen Brauereigeländes – darin waren sich die von Wahlkampf und langer Sommerpause gebremsten Fraktionsvorsitzenden, die im Anschluss an den offiziellen Teil im Rahmen einer Podiumsdiskussion ihre Argumente austauschten einig.

Vielfältige Aktivitäten

Zunächst gab Vorsitzende Daniela Weithe einen Überblick über die vielfältigen Aktivitäten des Jahres 2013, die mit zwei Trödelmärkten, dem Weihnachtsmarkt, Verteilaktionen mit rosen und Ostereiern, Gewinnspielen, dem erstmals mit der TG Rote Erde organisierten Stadtlauf, der Teilnahme an der Aktion „Schwelm putzt sich“, der Verleihung des Mundartpreises im Rahmen des Heimatfestes und vielem anderen schon gewohnt reichhaltig ausfielen. Im Unterschied zur Politik, die dem Bürger in diesem Jahr Wahlen zum Rat der Stadt, zum Europaparlament, zum Kreistag und zum Integrationsrat aufträgt, musste bei der WGS nur ein Kassenprüfer ausgetauscht werden – Jürgen Ranft ersetzt den zwei Jahre tätigen Ulrich Beck. Da Kassierer Oliver Niehaus eine korrekt geführte Kasse mit einem Zugewinn von gut 2.500 Euro vorwies, erfolgte die einstimmige Entlastung von Kassenwart und Vorstand.

Altstadt als Trumpf

Unter der Moderation des ehemaligen Sparkassen-Vorstands Roland Zimmer diskutierten anschließend die Ratsfraktionsvorsitzenden Gerd Philipp (SPD), Oliver Flüshöh (CDU), Jürgen Kranz (Schwelmer Wählergemeinschaft), Marcel Gießwein (Die Grünen), Dr. Christian Bockelmann (Bürger für Schwelm) und Michael Schwunk (FDP) lebhaft über die Stadtentwicklung – mit im Bunde als einzige Dame war mit Johanna Burbulla auch eine ebenso echte wie frischgebackene Bundesvorsitzende, nämlich die der in Schwelm aus der Taufe gehobenen Partei „Die Bürger“, während „Die Linke“ keinen Vertreter entsandt hatte. Nach wie vor aktuelles Streitthema war die Nachnutzung des ehemaligen Brauereigeländes.

In seinem Eingangsbeitrag betonte Gerd Philipp, dass man die Entwicklungspotentiale der Innenstadt nutzen müsse: „Wir dürfen der Stadt keinen musealen Deckel aufsetzen.“ Es werde viel Lamento zur Innenstadt vorgebracht, doch das Problem einer armen Stadt wie Schwelm sei, mit wenig (Geld) viel bewegen zu wollen. Jürgen Kranz forderte, stärker auf das Kapital einer historischen Altstadt sowie auf das Konzept kostenloser Parkplätze zu setzen, während Dr. Christian Bockelmann anregte, das Handicap von für manche Branchen zu kleinen Ladenlokalen mit größeren Geschäftsräumen auf dem Brauereigelände zu lösen.

Anbindung des Neumarkts

Michael Schwunk kritisierte, der Rat habe dem potentiellen Brauerei-Investor zu viel zugemutet und mit der Vorgabe für Einzelhandel im Erdgeschoss einen zu engen Rahmen gesetzt. Johanna Burbulla forderte einen stärkeren Dialog mit den Bürgern, den ihre Partei bereits begonnen habe. So wünschten sich viele Schwelmer eine bessere Anbindung des Neumarkts an die Fußgängerzone. Das sah auch Marcel Gießwein so, der in weiteren Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, in größeren Ladenlokalen und der Ansiedlung eines großen Frequenzbringers geeignete Maßnahmen zur Innenstadtentwicklung ausmachte. Oliver Flüshöh zog den Vergleich zu den Nachbarstädten – in Hagen sei der aktuelle Bau einer weiteren Arcade mit Umzügen von Geschäften von dem alten Einkaufszentrum in den Neubau sehr fragwürdig, und auch das viel gelobte Gevelsberg beklage im Unterschied zu Schwelm Leerstände. Einzelhandel auf dem Brauereigelände sei unbedingt nötig, da dieses Areal die Drehscheibe für alles andere in der Schwelmer Innenstadt sei. Notwendig sei an diesem Standort auch Gastronomie, die für die notwendige Aufenthaltsqualität sorge.

Politik muss gestalten

Besonders empört von seinen Ratskollegen kritisiert wurde Michael Schwunk, dem eine widersprüchliche Argumentationslinie vorgeworfen wurde. Gerade er, so sei es auch heute noch in den Sitzungsprotokollen nachzulesen, habe doch klar für großflächigen Einzelhandel auf dem ehemaligen Brauereigelände plädiert; nun bemängele er entsprechende Vorgaben. Im Übrigen müsse die Politik ihre Gestaltungsaufgabe wahr nehmen, was in Schwelm noch investorenfreundlich und moderat geschehe, meinte Oliver Flüshöh. Marcel Gießwein wünschte sich dagegen einen Vorhaben bezogenen Bebauungsplan mit genauen Vorgaben, der im kooperativen Zusammenspiel mit einem möglichen Investor festgezurrt werden solle.

Bewegen freilich werde sich in diesem Jahr auf dem Brauereigelände nichts mehr, weil die Sommerpause lang sei und danach nicht mehr genügend Zeit bleibe, um nach dem Ausstieg von Pass Invest ein neues Projekt auf den Weg zu bringen. Von Sondersitzungen des Rates zu diesem Thema war auf der WGS-Jahreshauptversammlung nicht die Rede – und noch steht ja auch kein neuer Interessent vor der Rathaustür, der ein Rezept für das Schwelmer Filetstück parat hätte. In diesem Zusammenhang wollte Dr. Christian Bockelmann auch die Gesellschaft für Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung in die Pflicht nehmen: „Die GSWS soll endlich erfolgreich Wirtschaftsförderung betreiben; für die Organisation von zwei Trödelmärkten und einem Weihnachtsmarkt brauchen wir sie nicht.“ Kritik, welche die neue GSWS-Geschäftsführerin Christine Beyer angesichts zu kurzer Amtszeit noch nicht treffen konnte…

Themen der Runde waren zudem auch ein möglicher „Runder Tisch“ mit Hauseigentümern, Stadt, GSWS und WGS, etwa zur Schaffung größerer Ladenlokale, sowie Impulse für den Wochenmarkt. Die Händler, allen voran WGS-Ehrenvorsitzender Jürgen Reschop, forderte nicht nur in Sachen Brauereigelände zügige Lösungen aus dem Rathaus. In einem war man sich einig: Schwelm besitzt nach wie vor viele Trümpfe in Sachen Einzelhandel, die man in Zukunft noch konsequenter ausspielen möchte!