Nele und die Nanas

Symbole für die Befreiung der Frau sind nicht nur die Original-Nanas, sondern auch die Skulpturen, die in nur vier Tagen im Bürgerhaus Alte Johanneskirche entstanden.Gevelsberg. (zico) Fast hätte die 13 Tage alte Nele den rund 30 Nanas, die am vergangenen Samstag als Ergebnis eines Kunstarbeitskreises im Bürgerhaus Alte Johanneskirche feierlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, die Schau gestohlen: Künstlerinnen und Gäste umringten das Ehepaar Kathrin und Dirk Sachser, um deren niedliches Töchterchen zu bestaunen und vergaßen für einen Moment den Grund ihrer Zusammenkunft. Doch genau genommen ist Nele, kaum auf der Welt, als Quelle der Inspiration ja selbst Teil der Ausstellung, die in den nächsten drei Wochen in der Gevelsberger Begegnungsstätte zu sehen ist.

Den Nana-Figuren der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle sind die Skulpturen nachempfunden, die 31 Frauen und zwei Männer an vier Tagen vorwiegend aus Styropor und Gipslappen erstellten. Farbenfrohe Skulpturen, die wie die Originale üppige, mollige Frauen darstellen, die von Lebensfreude und Selbstbestimmung künden. Niki de Saint Phalle, die damit Weltgeltung erlangte, trug seit 1964 mit diesem Konzept zu einem neuen Rollenverständnis der Frau bei, die bis dato dem Mann als Hausfrau den Rücken frei zu halten und möglichst geräuschlos im Hintergrund zu wirken hatte – stets gemessen an einem Schönheitsideal, dass ihnen schlanke Ikonen wie Twiggy oder Audrey Hepburn unter die Nase rieb. Die 2002 verstorbene Künstlerin trat mit ihren Figuren für ein Selbstverständnis der Frau ein, das ihnen Körperlichkeit und Sinnesfreuden zubilligte, und in Gevelsberg traten die Arbeitskreis-Teilnehmerinnen um Bürgerhaus-Leiterin Regina Potarczyk und die von der Fachhochschule Dortmund kommende Kunstpädagogin Christine Spiegel begeistert in de Saint Phalles Fußstapfen.

Offensichtlich haben die Nanas nicht nur das Bewusstsein der Frauen verändert, denn mit Andreas Dinius und Dirk Sachser versuchten sich auch zwei Herren als Künstler. Dirk Sachser, Student der Fachhochschule Dortmund, hatte seine Frau Kathrin während der Schwangerschaft als besonders stark empfunden und, kaum das Nele auf der Welt war, im Rahmen des Arbeitskreises eine Nana-Figur mit Kind geschaffen. „Ein schöneres Kompliment kann man seiner Frau kaum machen“, würdigten die Teilnehmerinnen ihren einfühlsamen Mitstreiter.

Überhaupt spiegeln so manche der überaus gelungenen Gevelsberger Nanas einen Teil der Persönlichkeit ihrer Schöpferin wieder. So die detaillierte Domina von Andrea Eckel, die „einfach etwas anderes“ machen wollte und vor dem Arbeitskreis nie mit Kunst zu tun hatte. „Im Schaffensprozess habe ich immer wieder Dinge abgeändert, aber das Ergebnis gefällt mir“, lächelte die Gevelsbergerin, deren Objekt – neben Nele natürlich – die meisten Blicke auf sich zog. Einen starken Bezug zur Frauenbewegung empfindet hingegen die Wittenerin Juliane Becker, die in Anlehnung an die mystische Meermutter Yemanja einer Nixe die Gestalt einer Nana gab. Andreas Dinius, zweiter männlicher Teilnehmer, hatte als Schöpfer einer „Nana“ aus Kacheln sowie mit Seesternen, Muscheln und anderen maritimen „Accessoires“ besetztem Ton eher Praktisches im Sinn: „Die kommt ins Badezimmer, da hab ich auch schon Muscheln!“

So fand jeder der Teilnehmer seinen eigenen Ansatz, so dass die Ausstellung im Bürgerhaus Alte Johanneskirche an farbenfroher Vielfalt kaum zu überbieten ist. Der Gevelsberger Künstler Robert Schiborr, der den Beginn der Arbeiten verfolgte und zur Vernissage kam, zeigte sich hingegen erstaunt vom handwerklichen Geschick der Gruppe, die aus lupenreinen Amateuren besteht: „Das hätte ich am Anfang nicht für möglich gehalten; ich bin total begeistert.“ Regina Potarczyk strahlte ebenso über das gelungene Projekt und bedankte sich bei den Unterstützern, allen voran die Fachhochschule Dortmund, die das Material für die Nanas stiftete, sowie die Lehrwerkstatt der Firma ABC unter Ausbildungsleiter Hans-Jürgen Barth, die eigens Metallpodeste für die Skulpturen fertigte: „Nach diesem Erfolg wird es im nächsten Jahr weitere Workshops dieser Art geben.“ Christine Spiegel lobte die gelungene Zusammenarbeit mit Regina Potarczyk und ihrem Team, und sogar Köchin Carola Rohrbeck möchte beim nächsten Kunstprojekt aktiv mitmischen: „Dann muss jemand anders für das leibliche Wohl sorgen.“ Wittens Gleichstellungsbeauftragte Maria Grote, die selbst eine Nana modellierte, dankte den Organisatorinnen im Namen der Künstlerinnen mit Blumensträußen.

Bis zum 18. November 2011 kann die Ausstellung werktags von 9 bis 17 Uhr im

Bürgerhaus Alte Johanneskirche
Uferstraße 3
in Gevelsberg

bewundert werden.

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