Rebecca Jahn macht Mollies Mut

Auch dicke Frauen können Erotik und Sinnlichkeit ausstrahlen – dazu ermutigt sie Rebecca Jahn, die bei Promi-Fotografen hoch im Kurs steht. (Foto: Heinz Reicher)

Gevelsberg/Wiener Neustadt. (zico) Wenn’s um die Belange molliger Menschen geht, dann ist Plus-Size-Model Rebecca „Becci“ Jahn gefragter Gast in Fernsehshows und Talkrunden. Die in Castrop-Rauxel geborene und in Waltrop aufgewachsene Wahl-Österreicherin macht molligen Frauen auf vielfältige Weise Mut, selbstbewusst zu ihrem Äußeren zu stehen. Von TV-Formaten wie „Schwer verliebt“ oder „The biggest Loser“ hält die 33-Jährige hingegen überhaupt nichts, wie sie dem wochenkurier verriet.

Wenn’s um die Belange molliger Menschen geht, dann ist Plus-Size-Model Rebecca Jahn gefragter Gast in Fernsehshows und Talkrunden. (Foto: Katerina Mirus)

Du bist heute das wohl erfolgreichste Plus-Size-Model im deutschsprachigen Raum, erhälst Tagesgagen von bis zu 1.000 Euro. Wie kam es dazu?

Die ersten Fotos von mir hat ein Hobbyfotograf namens Peter gemacht, der ein Freund unserer Familie ist. Das wiederholte ich jedes halbe Jahr, und irgendwann fragte mich jemand, ob ich mich nicht bei der Onlineplattform „model-kartei.de“ anmelden will. Meine Antwort war : „Bin ich 90 60 90?“ – und die Gegenantwort lautete: „Oder bist du feige?“ Also habe ich mich angemeldet. Schon nach drei Tagen kam eine Anfrage eines Fotografen, der fast nur mit Prominenten zusammenarbeitet. Im November 2005 saß ich dann tatsächlich im Atelier von Andreas Neubauer, der zum Beispiel schon Angelina Jolie, Götz George und Morgan Freeman vor der Fotolinse hatte.

Wer sind Deine Auftraggeber?

Hauptsächlich Fotografen, die mich für künstlerische Projekte, aber auch für erotische Fotos oder Aktfotos buchen. Nicht in Frage kommen für mich Fotos, die im pornografischen Bereich liegen; stattdessen mochte ich mit meinen Fotos andere Frauen ermutigen, sich selbst mit ihrem Aussehen anzunehmen und sich schön zu empfinden. Ich arbeite zudem für Modefirmen wie Rosabella Couture oder Miss Molly. Meine Agentur MOS, die seriöseste, die es für Plus-Size-Models gibt, vermittelt mir immer wieder neue Aufträge. Über Constantin Entertainment erhalte ich auch Rollen bei Fernsehproduktionen, etwa bei Lenßen & Partner oder Richter Alexander Hold. Um Sendungen wie „Schwer verliebt“ oder „The biggest Loser“ würde ich jedoch einen großen Bogen machen und auch jedem von der Teilnahme abraten – da geht es nur darum, die Menschen vorzuführen.

Wieviel wiegst Du zurzeit, und wie hat sich Dein Gewicht entwickelt?

Ich war bis zur Pubertät ein normalgewichtiges Kind. Gewichtsmäßig zugelegt habe ich dann in Pubertät, als in meiner Familie Probleme auftraten, bis hin zur Scheidung meiner Eltern. Andere Schwierigkeiten kamen hinzu. Damals begann ich, den Kühlschrank zu plündern und Frust regelrecht in mich „‘reinzufressen“, bis ich mich im Alter von 25 Jahren einer Operation unterzog und ein Magenband bekam. In Folge dessen habe ich 50 Kilo abgenommen und dieses Gewicht in etwa auch gehalten. Mein absolutes Wohlfühlgewicht liegt bei 140, 150 Kilo; derzeit wiege ich 153.

Wie hat Dich Deine Umwelt vor Deiner Model-Karriere wahr genommen?

Kinder sind da besonders grausam, und so habe ich mich als Teenager mehr und mehr eingeigelt. Tägliches Mobbing und Sprüche wie „Du fette Sau“ gehörten zum Alltag. Aber ich hatte auch liebe Menschen, die mich gern gehabt haben. Zwischendurch war ich in einer Kinderklinik in der psychiatrischen Station, um besser mit meinem Leben klar zu kommen.

„Geschmackvolle Mode gibt’s auch in großen Größen“, sagt Model Rebecca Jahn, die für renommierte Hersteller wie Rosabella Couture arbeitet. Das Kleid auf diesem Bild hat die Frankfurterin Silke Scholz entworfen, die Rebecca Jahn als „Lagerfeld der Dicken“ bezeichnet. (Foto: Katerina Mirus)

Warum werden Deiner Ansicht nach mollige Menschen, vor allem Frauen, von der Gesellschaft gemobbt?

Frauen werden mehr über das Aussehen definiert als Männer und sind zudem sensibler. Insgesamt wird in den Medien oft ein Bild vermittelt, wonach dicke Menschen undiszipliniert und weniger leistungsfähig sind. Es ist jedoch Unsinn, dass Dicke den ganzen Tag auf der Couch rumhängen und Chips essen. Ich selbst bin zum Beispiel ständig unterwegs, habe zudem ein Studio für schonende Haarentfernung mit Zucker in Wiener Neustadt und bräuchte eigentlich einen Tag mit 36 Stunden, besser noch mit 48. Du erwischt mich gerade bei der Buchhaltung – andere Leute widmen sich an einem Ostermontag sicherlich kurzweiligeren Beschäftigungen.

Wie erklärst Du Dir, dass viele Männer laut Umfragen und Statistiken zwar mollige Frauen sexy finden, in der Öffentlichkeit aber nicht dazu stehen?

Schlank und rank sein ist ein Muss – das haben Trendsetter wie Lagerfeld und andere Designer über Jahrzehnte gepredigt und der Welt mit ihren Models vermittelt. Und so finden Männer dicke Frauen zwar attraktiv, wollen sich aber nicht mit ihnen zeigen und so ebenfalls Bemerkungen auf sich ziehen. Sie fürchten um ihr Image. Auch ich hatte schon mit den schicksten, tollsten Männern zu tun, die leider so denken. Bei mir muss ein Mann jedoch auch Rückgrat haben.

Du bietest selbst auch Foto-Shootings für mollige Frauen an, die Ihnen ein positives Selbstwertgefühlt vermitteln. Welche Tipps kannst Du molligen Frauen noch geben?

„Ab heute fängt für mich ein neues Leben an“ – solche und ähnliche Kommentare höre ich nach den Shootings, bei denen mein Team auch Stylingtipps in Sachen Mode und Kosmetik gibt. Ich rate molligen Frauen, sich nicht in eine Opferrolle drängen zu lassen, etwas aus sich zu machen und sich so anzunehmen, wie sie sind.

Was hältst Du von Diäten?

Warum soll man eine Diät machen, wenn es einem gut geht? Nur, um einem Bild zu entsprechen, dass mir die Gesellschaft aufnötigt? Wem es mit seinem Gewicht nicht gut geht, dem helfen dauerhafte Ernährungsumstellungen, aber keine Diäten. Diäten ziehen fast immer den berühmten Jo-Jo-Effekt nach sich.