Stolperstein für Emmy

Sprockhövel. Am 30. September verlegte der Künstler Gunter Demnig im Rahmen der Aktion „Stolpersteine“ vor dem Haus Schillerstraße 14 in der Bremer Innenstadt fünf Steine mit Messingplatten, die an die jüdischen Bewohner des Hauses erinnern: an Walter Stempel, seine Mutter Sali, seine Schwester Zerline, an seine Ehefrau Emmy, geb. Röttgen und deren Tochter Anneliese.

Emmy Stempel war eine gebürtige Sprockhövelerin. Sie hat sich große Verdienste um die jüdischen Auswanderer aus Deutschland erworben, die mit ihrer Hilfe vor der drohenden Vernichtung durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft flüchten konnten. Es ist kein einziges Foto, kein Brief oder ein anderes Selbstzeugnis von Emmy erhalten geblieben. Nur anhand einiger amtlicher Quellen und einem Manuskript im Staatsarchiv Bremen erfährt man etwas über diese eigenständige, besondere Frau. Die Informationen aus Bremen hat Peter Christoffersen zusammengestellt, der für die Aktion „Stolpersteine“ das Leben Emmy Röttgens und ihrer Familie in Bremen erforschte.

Emmy Röttgen war das dritte von fünf Kindern des jüdischen Viehhändlers Nathan Röttgen und seiner Frau Clara, geb. Meyer. Sie wurde am 24. Oktober 1900 in Niedersprockhövel im elterlichen Haus an der oberen Hauptstraße, heute Nr. 82, geboren.

Kein Studium, aber eine Lehre

Nach vier Jahren in der Volksschule Nord besuchte Emmy als eines der ganz wenigen Mädchen aus Sprockhövel eine weiterführende Schule: die höhere Mädchenschule in der Hattinger Schulstraße. Welchen Schulabschluss sie erreichte, ist nicht überliefert. Selbst wenn sie dort das Abitur abgelegt hätte: Ein Studium für eine Tochter, auch wenn sie noch so lernfreudig war, lag außerhalb der Vorstellungskraft und/oder den finanziellen Möglichkeiten der Familie. Emmy Röttgen durfte aber eine Lehre machen. Sie wurde Kontoristin, also Bürokauffrau. Wo sie lernte und wo sie ihre ersten Berufsjahre verbrachte, kann nicht mehr festgestellt werden. In einer Zeit, in der die Mädchen des Bürgertums auf ihre vermeintliche Berufung als Hausfrau und Mutter konditioniert und in Abhängigkeit gehalten wurden, war Emmy Röttgen angetreten, ein anderes selbstbestimmtes Leben zu führen. Ohne die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Genozid an den europäischen Juden hätte Emmy ein Beispiel für eine geglückte weibliche Emanzipation werden können.

Das Meldebuch des Amtes Sprockhövel verzeichnet 1923 den Wegzug Emmy Röttgens nach Soest, kurze Zeit später meldete sie sich wieder in Sprockhövel in ihrem Elternhaus an. 1929 schaffte sie den endgültigen Absprung aus dem dörflichen Milieu ihrer Heimat: Sie zog nach Bremen wo sie rasch heiratete. Von Karl Schuler, ihrem ersten Ehemann, wurde Emmy jedoch schon 1932 geschieden. 1934 brachte sie ihre Tochter Anneliese zur Welt.

Leben einer alleinstehenden Frau

Das Leben einer alleinstehenden Frau, offenbar ohne familiären Rückhalt, mit einem unehelichen Kind war in der deutschen Gesellschaft in dieser Zeit schwer; besonders hart muss es für eine Frau gewesen sein, die als Jüdin zusätzlich ausgegrenzt und entrechtet war.

Zwei von Emmys Geschwistern waren mit ihren Familien bereits nach Brasilien emigriert, ihre Mutter Clara aus Sprockhövel folgte ihnen kurz vor Kriegsbeginn. In dieser Zeit, im Juni 1939 heiratete Emmy Schuler/Röttgen erneut.
Emmys Ehemann Walter Stempel wurde 1901 in Wien geboren. Mit seinen Eltern war er 1910 nach Bremen gekommen und hatte sich 1932 evangelisch taufen lassen, aber nach Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 galt er wieder als Jude. Auch von seinem beruflichen Werdegang wissen wir nicht viel. Was auch immer Walter Stempel gelernt oder gearbeitet hatte, war unter den Bedingungen der NS-Gewaltherrschaft nicht mehr viel wert.

Das Geburtshaus von Emmy Stempel, geb Röttgen. (Foto: Stadtarchiv Sprockhövel)
Das Geburtshaus von Emmy Stempel, geb Röttgen. (Foto: Stadtarchiv Sprockhövel)

Den Leidensgefährten helfen können

Emmy Stempel, wie sie nun hieß, war Sekretärin im Bremer Büro der Beratungsstelle des Hilfsvereins der Juden in Deutschland. Vor allem für die auswanderungswilligen und -fähigen Juden waren diese Beratungsstellen unentbehrlich. Sie informierten über Auswanderungsmöglichkeiten und gaben Rechts- und Finanzberatung, versuchten also unter den furchtbaren Bedingungen, die für die Juden in Deutschland herrschten, so gut es ging mit Rat und Tat zu helfen. Sicher hätte Emmy Stempel als Mitarbeiterin einer solchen Beratungsstelle leicht die eigene Auswanderung organisieren können. Aber wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen wollte sie ihren jüdischen Leidensgefährten möglichst lange helfen können und stellte die eigene Auswanderung immer wieder zurück. Die Reichspogromnacht 1938 führte zu einer Massenflucht aus Deutschland.

Die Gesetze gegen Juden folgten Schlag auf Schlag: Seit September 1941 mussten sien den „Judenstern“ an ihrer Kleidung tragen.

Deportiert nach Minsk

Für die Emigration Emmys und ihrer Familie war es zu spät. Ein Zeitzeuge erinnerte sich, dass sich Emmy Stempel offenbar durch einen Gestapo-Beamten geschützt wähnte. Ein tödlicher Irrtum: Am 18. November 1941 wurden Emmy und ihre Tochter Anneliese, ihr Mann Walter Stempel und ihre Schwägerin Zerline Bollinger gemeinsam mit 570 Juden nach Minsk (Weißrussland) deportiert. Zuvor war die jüdische Bevölkerung im dortigen Ghetto ermordet worden, um für die deutschen Juden Platz zu schaffen. Wer arbeitsfähig war, musste in Reparaturwerkstätten, Versorgungslagern der Wehrmacht, der Organisation Todt und bei der Reichsbahn buchstäblich bis zum Umfallen schuften. Von den im November 1941 nach Minsk deportierten etwa 7.000 deutschen, tschechischen und österreichischen Juden überlebten nur fünf. Bei einer Massenmord-Aktion am 28. und 29. Juli 1942 wurden in Minsk rund 10.000 Juden ermordet. In der Urteilsschrift, die das Landgericht Koblenz nach dem Krieg gegen Wilhelm Kube, den „Judenschlächter von Minsk“ erstellte, heißt es:

„Die Aktion begann am Morgen des 28. Juli 1942. Unter Hinzunahme von Kräften der Eisenbahn, der Organisation Todt sowie von Gendarmerie wurde das gesamte Ghetto umstellt und abgeriegelt. (Die Menschen) wurden zum Ghettoausgang getrieben wo sie sich sammeln mussten. Schubweise wurden sie zum Exekutionsgebäude gefahren. … Ob und in welchem Umfang Gaswagen außer zum Transport auch zum Vergasen eingesetzt wurden, konnte nicht zuverlässig geklärt werden. Der überwiegende Teil der Opfer wurde von Hand mittels Pistole durch Genickschuss umgebracht. Die Erschießungen liefen nach dem Vorbild früherer Aktionen ab. … Spätestens im Anblick der Grube und der darin liegenden Leichen wurde ihnen klar, was auch ihnen bevorstand. Manche fluchten, schrien und weinten, andere flehten um ihr Leben; die meisten ergaben sich jedoch gefasst und ohne Wehklagen in ihr Schicksal.“ (Aus: „Es geht tatsächlich nach Minsk“, Bremen 2001).

Mahnmal erinnert an die Familie

Im „Gedenkbuch“ wird der 28. Juli 1942 als Todestag von Emmy und Walter Stempel genannt. Wann und wie der kleinen Anneliese ihr kurzes Leben genommen wurde, ist unbekannt. In Sprockhövel erinnert seit 2003 das Mahnmal für die jüdische Familie Röttgen vor der Sparkasse an der Hauptstraße auch an das Schicksal von Emmy Stempel und ihrer Familie.