Volkstrauertag mahnt zur Gewaltlosigkeit

Schwelm. (zico) „Noch immer werden Jahr für Jahr 35.000 bis 40.000 Kriegstote gefunden – zumeist im Osten, wo nach wie vor deutsche Soldaten und Flüchtlinge geborgen werden“, nannte Bernd Scherer für viele Bürger verblüffende Zahlen. Der Geschäftsführer des Bezirksverbandes Arnsberg der Deutschen Kriegsgräberfürsorge unterstrich damit, dass der Volkstrauertag, mit dem seit 1922 der getöteten Soldaten und seit den 1952 auch der Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen gedacht wird, nicht nur eine abstrakte, ideologisch-philosophische Auseinandersetzung herausfordert. „Wir arbeiten für die Lebenden“, sagte Scherer und meinte damit vor allem die Hinterbliebenen, die das Schicksal ihrer getöteten Vorfahren bis in die heutige Zeit sehr bewegt.

Bürgermeister Jochen Stobbe (3. von links) sowie die Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der Feuerwehr, des Märkischen Gymnasiums, der evangelischen Kirche, des Vereinsrings lkinderhausen und der städtischen Ordnungsdienste unterstrichen die Bedeutung des Volkstrauertages. (Foto: Frank Schmidt)

Konkret werden zu lassen, worum es beim Volkstrauertag eigentlich geht, und moderne Formen der Auseinandersetzung mit dem Thema zu finden, waren zwei der Anlässe, die Schwelms Bürgermeister Jochen Stobbe veranlasst hatten, im Vorfeld des diesjährigen Volkstrauertages im Rathaus an die Öffentlichkeit zu gehen. Stobbe, Vorsitzender des Schwelmer Ortsverbandes der Kriegsgräberfürsorge, wünscht sich eine stärkere Bürgerbeteiligung an den Gedenkstunden und aktuelle Bezüge des Volkstrauertages zum Leben der Menschen, um auch jüngere Kreisstädter zu erreichen. „Wir brauchen am Volkstrauertag die Auseinandersetzung mit der Gegenwart, denn auch heute herrschen in vielen Teilen der Welt Not und Elend. Als Gewerkschafter habe ich erfahren, dass alles, was sich die Menschen an Rechten erkämpfen, gegenstandslos wird, wenn ein Krieg ausbricht. Dieser Situation sollten wir uns gerade am Volkstrauertag bewusst werden“, sagte Stobbe, der am Gedenktag vor zwei Jahren einen bewegenden Dialog mit einer Schülerin gehalten und damit gezeigt hatte, wie moderne Formen des Gedenkens aussehen können.

Dass dieses Gedenken auch ein Ausdruck von Gemeinschaftsgefühl sein kann, unterstrich Hans-Georg Müller, Vorsitzender des Vereinsrings Linderhausen: „Am Ehrenmal in Linderhausen, das zum Gedenken der 38 gefallenen Linderhauser Soldaten des I. Weltkrieges errichtet worden war, versammeln sich Bürger sowie Mitglieder der 13 Linderhauser Vereine und begehen den Gedenktag mit Unterstützung des CVJM-Posaunenchores sowie des Chores. Die Beteiligung steigt von Jahr zu Jahr.“ Und Pfarrer Rainer Schumacher von der Evangelischen Kirchengemeinde Schwelm unterstrich die Bedeutung des Tages für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration: „Je älter die Menschen werden, desto näher rücken sie an die Vergangenheit heran. Es gibt auch heute noch viele Männer und Frauen, die in der Kriegszeit Schlimmes erlebt und bis heute nicht verarbeitet haben. Der Volkstrauertag ist auch vor diesem Hintergrund eine Mahnung zur Gewaltlosigkeit.“

Bernd Scherer regte daher an, künftig Formen des Gedenkens zu pflegen, die junge Menschen zu mehr Beteiligung ermuntern: „Das können auch junge Leute aus anderen Ländern und mit anderem religiösen Hintergrund sein. Oft wissen diese jungen Leute aus eigener Erfahrung, was Krieg ist. Es lohnt sich, mit ihnen zu diskutieren.“ Wolfgang Thomas, stellvertretender Leiter des Märkischen Gymnasiums Schwelm, und Burkhard Kinzner von der Freiwilligen Feuerwehr Schwelm, betonten, wie wichtig ihnen die von Schule und Feuerwehr organisierten Sammlungen für die Kriegsgräberfürsorge sei. Während Thomas darauf hinwies, dass aus den Schüler-Sammelgruppen auch eine Gruppe hervor gegangen ist, die mit „Stolpersteinen“ an die Schicksale jüdischer Mitbürger in Schwelm erinnern, gab Kinzner seiner Hoffnung Ausdruck, dass das Bewusstsein junger Menschen für die Bedeutung des Tages wieder ansteigen möge: „Bei älteren Mitbürgern ist die Spendenbereitschaft deutlich höher.“

Stadtpressesprecherin Heike Rudolph berichtete im Übrigen von Gesprächen mit 15-Jährigen, die am Gedenktag geäußert hatten, nicht nur am Ehrenmal erschienen zu sein, um Betroffenheit zu bekunden. „Was kann man tun, um nicht Opfer zu werden? Und was kann man tun, um nicht Täter zu werden? Diese und andere Fragen bewegen junge Leute“, so Heike Rudolph.

Die Gedenkfeier zum Volkstrauertag in Schwelm findet ab 11.30 Uhr am Ehrenmal an der Drosselstraße statt. Die Ansprache hält Diakon Michael Nieder von der Katholischen Propsteigemeinde Sankt Marien, die Totenehrung nimmt Bürgermeister Jochen Stobbe vor. Für den musikalischen Rahmen sorgt der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Schwelm; des weiteren beteiligen sich Vereine und Verbände an der Gedenkstunde. Alle Bürger sind zur Teilnahme aufgerufen.