100 Jahre Pauluskirche

Die evangelische Pauluskirche wird im nächsten Jahr hundert Jahre alt. Das ganze Jahr hindurch werde es besondere Veranstaltungen zum 100. Geburtstag geben, verspricht das Pastorenehepaar Elke und Martin Schwerdtfeger. (Foto: Wippermann)

Wehringhausen. (Red.) Der Sommer hätte nicht schöner beginnen können. Bei herrlichstem Kaiserwetter wurde zum Sommeranfang, am 22. Juni 1911, die evangelische Pauluskirche in Wehringhausen eingeweiht. Vorangegangen war eine fünfjährige Planungs- und Bauphase.

Die Gründerzeit mit zahlreichen Firmenneugründungen hat die Bevölkerung in dem ursprünglich dörflichen Wehringhausen explosionsartig ansteigen lassen. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten in Wehringhausen über 10.000 evangelische Christen, die zum Gottesdienst in die Martin-Luther-Kirche am Bahnhof oder in die Johanniskirche am Markt gehen mussten. Der dann von Pfarrer Friedrich Kayser in der Kleinkinderschule an der Siemensstraße 1904 provisorisch eingerichtete Gottesdienstraum platzte aus allen Nähten. So fasste das Presbyterium der „Größeren evangelische Gemeinde Hagen“ 1906 den Beschluss, in Wehringhausen an der Lange Straße eine Kirche zu bauen.

Mit  Peter Behrens, von dem in Hagen unter anderem das Delsterner Krematorium und die Cuno-Villa stammen, und Fritz Schumacher, renommierter Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, wurden zwei seinerzeit herausragende Architekten aufgefordert, Entwürfe einzureichen. Das wohl konservative Presbyterium entschied sich aber schließlich für den Entwurf des Elberfelder Regierungsbaumeisters Heinrich Plange, der eine neubarocke Kirche mit zwei Seitenschiffen und einer rückwärtigen Empore geplant hat. Ein 55 Meter hoch aufragender, schlanker Glockenturm und zwei Erkertürme mit 23 Metern Höhe am Haupteingang rahmen das zentrale Kirchenschiff ein.

Nach zweijähriger Bauzeit konnte Generalsuperintendent Zöllner in einem Festgottesdienst unter Beteiligung der gesamten Hagener Geistlichkeit und der ganzen Wehringhauser Gemeinde die Weihe der Kirche vollziehen.

Zerstörung und Wiederaufbau

Während die Kirche den Ersten Weltkrieg unbeschadet überstand, wurde sie im Zweiten Weltkrieg bei dem ersten großen Bombenangriff auf Hagen am 1. Oktober 1943 vom Feuer des von Brandbomben getroffenen Pfarrhauses erfasst und brannte vollständig aus. Zwar standen der Kirchturm und die beiden Erkertürmchen noch, doch vom Kirchenschiff blieben lediglich die Außenmauern.

Rasch nach Kriegsende fanden erste Aufräumarbeiten statt und es wurden Spenden für die Kirche gesammelt. 1951 konnte dann mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Auch hierbei diskutierte die Gemeinde verschiedene Entwürfe, wobei letztlich die Pläne des Architekten Konrad Rüger (Hagen) umgesetzt wurden. Zu Erntedank 1952 fand das Richtfest statt und am 1. Advent 1954 die erneute Einweihung.

Die äußerliche Gestalt der Kirche ist heute im Wesentlichen immer noch und wieder die von 1911. Sogar „Pastoer sein Rink“, der Ring, an dem vor Zeiten der Pastor sein Pferd angebunden hatte, wenn er das Wehringhauser Dorf besuchte, befindet sich noch neben dem Eingang zur Kirche.

Kunst in Kirche

Im Innenraum jedoch stellt sich die Kirche im Vergleich zu der ursprünglichen, neobarocken Ausstattung eher nüchtern und zurückhaltend dar. Dem Besucher des Kirchraums fällt zuerst die gewaltige, überlebensgroße Kreuzigungsgruppe in den Blick, die der Soester Bildhauer Fritz Viegener schuf. Neben dem Gekreuzigten stehen Maria und Johannes. Die Figuren sind den Menschen der Heimatgegend und der Zeit des Künstlers nachempfunden und wirken nicht barock theatralisch verspielt, sondern erinnern eher an romanische Bildwerke.

Der davor stehende, ebenfalls ungewöhnlich große, aber schlicht gehaltene Altar aus Anröchter Dolomit wird von vier Säulen, Sinnbild für die vier Evangelien, getragen.

Von Fritz Viegener stammen ebenfalls die Reliefs, die die Kanzel schmücken und Szenen aus dem Leben des Paulus darstellen. Schließlich hat Fritz Viegener das Lesepult mit dem Adler, das Symbol des Evangelisten Johannes, und die Weihnachtskrippe der Pauluskirche geschaffen.

Der zweite Künstler, der den neu gestalteten Innenraum maßgeblich geprägt hat, ist Karl Hellwig aus Sprockhövel-Haßlinghausen. Er entwarf die Kirchenfenster mit den figürlichen Darstellungen und schuf die Fresken an der Empore, die mit ihrer zurückhaltenden Farbgebung einen ruhigen und ebenfalls gar nicht barocken Kontrapunkt zu den Werken von Fritz Viegener darstellen.

1980 wurde die Kirchenorgel auf der Empore aufgestellt. Sie ist allerdings schon zu Anfang der 50er Jahre von der damals bedeutenden Orgelbau-Firma Kemper als Konzertorgel für den Robert-Schumann-Saal in Düsseldorf gebaut worden – das heißt: die Wehringhauser Gemeinde erwarb sie als gebrauchtes Instrument. Mit ihrem stilistisch strengen, schnörkellosen Prospekt fügt sie sich harmonisch in das Gesamtbild des Innenraumes ein.

Das älteste Kunstwerk in der Kirche ist zugleich das jüngste: Erst im Jahre 1996 wurde der Paulus, der rechts neben dem Altarraum über dem Turmzugang mit Schwert und Bibel wacht, erworben und aufgestellt  Die Paulusstatue stammt aus der frühen Barockzeit und ist damit das einzig echte barocke  Objekt“ in der neubarocken Pauluskirche.

Glockenturm

Im 55 Meter hoch aufragenden, schlanken Glockenturm läuten noch die drei Glocken aus dem Erbauungsjahr 1911. Sie sind vom Bochumer Verein aus Stahl gegossen. Die größte Glocke mit einem Durchmesser von 1,88 m und einem Gewicht von 340 kg trägt die Inschrift: „Aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben“ (Epheser-Brief 2, Vers 8).  Auf der mittleren Glocke ist zu lesen: „Wandelt in der Liebe“ (aus dem Epheserbrief 5, Vers 2). Sie hat einen Durchmesser von 1,57 m und wiegt 200 kg. Die kleinste Glocke schließlich wiegt 165 kg bei einem Durchmesser von 1,43 m. Sie verkündet: „Wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit“ (Römerbrief 5, Vers 2).

Daher tragen die Glocken ihre Namen: Glaube, Liebe und Hoffnung läuten über Wehringhausen.

Wie heißt es doch in dem berühmten Weihnachtslied: „Süßer die Glocken nie klingen … Es ist, als ob Engelein singen … wieder von Frieden und Freud – Glocken, mit heiligem Klang  … Klinget die Erde ent-lang!“

So war es schon immer, so ist es bis heute. Gerade zur Adventszeit und besonders zur Weihnacht sind die Glocken von St. Paulus nicht aus den Feiern und Vorbereitungen zum Fest wegzudenken. Verkünden sie doch alle beide mit ihrem stimmungsvollen Geläute die Weihnachtsbotschaft der Engel aus dem Lukas-Evangelium – weit über Stadt und Land hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen…