100 Jahre Schaufensterwettbewerb

Der Hagener Schaufensterwettbewerb kann auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken - weshalb der aktuelle Wettbewerb unter dem Motto „Zeitreise“ und „Jugendstil“ steht. Unser Foto zeigt eine vom Jugendstil beeinflusste Gestaltung im Schaufenster der früheren Hagener Buchhandlung Carl Stracke. (Foto: Archiv Karl Ernst Osthaus Museum)

Hagen. (CG/ME) Bereits zum zwölften Mal verwandelt sich Hagen in die „Stadt des Schaufensters“: 65 kreative Dekorationen ziehen ab Dienstag, 26. Oktober, bis zum 7. November wieder die Betrachter in ihren Bann. Im Rahmen des Projekts „Zeitreise – Einzelhandel im Wandel“ (Standort Innenstadt.NRW) der Wirtschaftsförderung Hagen GmbH (WFG) werden sich erneut die Einzelhändler und Dienstleister der Hagener Innenstadt und – in diesem Jahr neu – auch der Lange Straße in Wehringhausen im Schaufensterwettbewerb um die attraktivste Gestaltung messen.

Neben den unter dem diesjährigen Motto „Jugendstil und mehr“ kreativ und individuell gestalteten Schaufenstern dürfen sich die Passanten der Einkaufsstraßen auf viele weitere attraktive Veranstaltungen und Angebote bis hin zu einem verkaufsoffenen Sonntag am 31. Oktober mit einem kostenlosen Kinderspektakel in der Fußgängerzone und dem Theatervorplatz freuen.

Kunst und Wettbewerb

Die Idee zum Hagener Schaufensterwettbewerb hatte vor 100 Jahren der bedeutende Museumsgründer Karl Ernst Osthaus: durch Gestaltung Sinn zu stiften – in der Epoche des Jugendstils und besonders im Hagener Impuls gab dieser Wunsch den Anstoß neue Wege einzuschlagen. Eine künstlerische Formgebung sollte nach der Auffassung von Osthaus und seiner Mitstreiter nicht nur im Museum, sondern in allen Lebensbereichen, sogar auf der Straße erlebt werden können.

Mit dem ersten Schaufensterwettbewerb im Jahr 1910 wollte Osthaus deshalb Handel und Tourismus fördern und zugleich ein ästhetisches Ziel verfolgen, nämlich „geschmacksbildend auf Geschäftsinhaber und Publikum wirken“ zu wollen. Damals lockten die in 400 Zeitungen und mit 3.000 künstlerischen Plakaten angekündigte „Schaudekoration mit künstlerischem Wettbewerb“ und ihr Begleitprogramm mit Ausstellung, Sonderöffnungen baulicher Sehenswürdigkeiten und Konzert Tausende von Besuchern in die Stadt. Und dass gute Schaufenster zur Lebendigkeit und Attraktivität einer Stadt bis heute grundlegend beitragen, beweist der seit 1999 wieder stattfindende Hagener Schaufensterwettbewerb jedes Jahr aufs Neue.

Wandel durch Kultur

Auch Schuhgeschäfte gehen seit hundert Jahren bei der Schaufenstergestaltung mit der Mode. (Foto: Archiv Karl Ernst Osthaus Museum)

Das geschichtsträchtige Motto „Jugendstil und mehr“ ist für die teilnehmenden Einzelhändler und Dienstleister eine Aufforderung, in den Geist der Zeit von Osthaus einzutauchen. Sein Leitsatz „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ ist die Forderung nach Kunst und Kultur in allen Lebensbereichen: um aus einer industriellen Einförmigkeit auszubrechen, aufzubrechen in eine den Menschen bereichernde Welt durch Ästhetik, Kunst und Kultur. „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ ist heute übrigens auch das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010.

Der diesjährige Schaufensterwettbewerb ist deshalb Bestandteil von Ruhr 2010 und gleichzeitig der abschließende Höhepunkt des Hagener Gesamtprojekts „Zeitreise – Einzelhandel im Wandel“, begonnen 2009. „In diesem Sinne wollen wir den diesjährigen Wettbewerb als Ehrung und Erinnerung an Osthaus verstehen“, erklärt WFG-Projektleiterin Christiane Göttert. „Und an einen Gedanken, eine Idee und einen Zeitgeist, der vor hundert Jahren eine kulturelle Epoche prägte.“ Der Kerngedanke habe heute im Ruhrgebiet eine erstaunliche Aktualität. Kunst, Kultur und Ästhetik sei aus dem menschlichen Leben nicht wegzudenken. „Der Wunsch danach bestand schon immer“, so Göttert.

Rundgang mit Zeit

Die WFG bietet in diesem Jahr die Möglichkeit, sich vertieft über die Schaufensterdekorationen, Gestaltungsgrundsätze und das Thema Jugendstil informieren zu lassen und lädt zu zwei kostenlosen geführten Rundgängen mit fachlichen Erläuterungen von Katharina Friedrich („3d manufakt/ werkstatt für kunst kulisse und dekoration“) entlang der Schaufenster ein. Treffpunkt für den gemeinsamen Bummel am Samstag, 30. Oktober, um 14 Uhr und am Mittwoch, 3. November, um 15 Uhr ist jeweils das „Zeitreise-Büro“ im Erdgeschoss der Volme-Galerie, Eingang Badstraße.

„Die Teilnehmer sollten gut zu Fuß sein und ca. drei bis vier Stunden Zeit mitbringen“, rät Göttert. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, ist eine vorherige Anmeldung bei der WFG unter Telefon 8099-99 unbedingt erforderlich.

Stadtspiel mit Verlosung

Der Keks-Hersteller Bahlsen gehörte schon früher zu den Trendsettern bei der „äußeren“ Gestaltung seiner Produkte. (Foto: Archiv Karl Ernst Osthaus Museum)

Überhaupt können die Besucher des Schaufensterwettbewerbs in diesem Jahr noch aktiver mitmachen und gewinnen. So lädt zum Beispiel ein von WFG und Citygemeinschaft erdachtes „Stadtspiel“ ein, Hagen zu entdecken. In ausgewählten Schaufensterdekorationen sind Fragen zu sehen, deren Lösungen an Gebäuden oder Objekten in der näheren Umgebung zu finden sind. „Das Spiel kann an jedem Schaufenster, das eine Fragekarte hat, in zwei Richtungen begonnen oder fortgesetzt werden“, erklärt Jacques Kempkens, Vorsitzender der Citygemeinschaft Hagen und Organisator des Schaufensterwettbewerbs. „Der gesamte Rundgang dauert etwa eine Stunde und lohnt sich.“ Denn wer die zwölf Fragen des Hagener Stadtspiels in der Innenstadt und/oder die sechs Fragen in Wehringhausen auf der Teilnehmerkarte richtig ankreuzt, nimmt an einer Verlosung teil und hat die Chance, einen Einkaufsgutschein der Volme-Galerie im Wert von 150 Euro, 100 Euro oder 50 Euro zu gewinnen. Die Flyer mit den Teilnehmerkarten gibt es u.a. im „Zeitreise-Büro“ und den teilnehmenden Geschäften.

Neben der fünfköpfigen Fachjury, darunter Experten für visuelles Marketing und Vertreter von Verbänden und Hagener Unternehmen, die die Jugendstil-Schaufenster anhand unterschiedlicher fachlicher Kriterien beurteilen, kann auch wieder jeder Innenstadtbesucher als Mitglied der Publikumsjury für sein Lieblingsschaufenster abstimmen. „Das Votum der Passanten ist ein besonders wichtiger Gradmesser für den Erfolg einer Schaufensterdekoration. Von daher ist uns jede Stimme wichtig!“ betont Göttert. „Wer die Nummer seines favorisierten Fensters auf der Teilnehmerkarte einträgt, nimmt deshalb nach Abschluss des Wettbewerbs am 7. November an einer großen Verlosung teil. Die teilnehmenden Händler haben Einkaufsgutscheine im Gesamtwert von über 2.500 Euro gestiftet.“

Theater-Renovierung

Neben den unter dem diesjährigen Motto „Jugendstil und mehr“ kreativ und individuell gestalteten Schaufenstern dürfen sich die Passanten der Einkaufsstraßen Ende Oktober auf viele weitere attraktive Veranstaltungen und Angebote bis hin zu einem verkaufsoffenen Sonntag am 31. Oktober mit einem kostenlosen Kinderspektakel in der Fußgängerzone und dem Theatervorplatz freuen. (Foto: Archiv Karl Ernst Osthaus Museum)

Unabhängig vom kommenden Schaufensterwettbewerb lassen noch zwei andere „Osthaus-Meldungen“ aufhorchen. Die erste betrifft den „Hohenhof“. Die 1906 bis 1908 errichtete Villa am Stirnband, geplant vom seinerzeitigen belgischen Star-Designer Henry van de Velde, wurde jetzt als ein möglicher Kandidat für das Weltkulturerbe der UNESCO ins Spiel gebracht (siehe hierzu auch die Meldung auf der wk-Titelseite). Und in der zweiten geht es ums Hagener Theater – der Vorstandsvorsitzende der Hagener Sparkasse, Frank Walter, stellt dem „Musentempel“ eine Million Euro zur Verfügung, damit endlich die Fassade renoviert werden kann.

Wie der wochenkurier im Laufe der letzten Wochen mehrfach berichtet hat, wurde das historisch bedeutsame Bauwerk vor hundert Jahren errichtet und Mitte 1911 eingeweiht. Hundert Jahre später ist der „Lack“ reichlich ab – vor allem an der Konkordiastraße bröckelt der Putz schon in beängstigender Manier. Eigentlich hätte die Stadt Hagen längst handeln müssen, doch ihr mangelt es bekanntlich am nötigen „Kleingeld“ – stattdessen springt jetzt ihre „Tochter“ in die Bresche. Geknüpft ist die Sparkassen-Finanzierung an die Aufforderung, möglichst nur einheimische Handwerksbetriebe bei der Renovierung zum Zuge kommen zu lassen.