25 Jahre Prozess um zwei Schweine

Hirten mit Schweineherde bei der herbstlichen Eichelnmast, Buchillustration vom Ende des 15. Jahrhunderts. (Repro: Sollbach)

Von Gerhard E. Sollbach

Wetter. Fast ein Vierteljahrhundert, genauer: von 1563 bis 1586, zog sich der Prozess mit Klage und Widerklage hin, den die Brüder Hermann und Dietrich von Mallinckrodt als Besitzer von Haus Mallinckrodt bei Wetter gegen die Markgenossen („Markerben“) der Hülsberger Mark führten. Die Hülsberger Mark erstreckte sich damals auf einer Linie südlich etwa von Herdecke bis Wetter-Volmarstein als eine Art langes Rechteck nach Süden hin bis an das Ufer der Ennepe.

Streitgegenstand war, dass die Brüder Mallinckrodt als Nutzungsberechtigte beanspruchten, in der Hülsberger Mark zwei Schweine mehr als bisher zur Herbstmast in die Mark eintreiben zu dürfen. Der Eintrieb der Schweine zur herbstlichen Eicheln- und Bucheckernmast in die Markwaldung war aber seit jeher das wichtigste Nutzungsrecht der Markgenossen. Während der gesamten vorindustriellen Epoche ist nämlich das viel und zu Unrecht geschmähte (Haus-)Schwein in ganz Nordeuropa der hauptsächliche Lieferant von Fleisch, insbesondere in Form von Speck, und damit auch des für die Ernährung wichtigen tierischen Eiweißes gewesen.

Pfändung der Schweine

Der Rechtsstreit begann im Jahr 1561, als die Mallinckrodt-Brüder zur Herbstzeit erstmals sechs statt der bisher üblichen vier Schweine zur Mast in die Hülsberger Mark treiben ließen. Zwei der Schweine wurden von den aus den Markgenossen gewählten Markaufsehern jedoch prompt und pflichtgemäß „nach marcken brauch“ als „überzählig“ gepfändet und anschließend gerichtlich zum Nutzen der Markerben verkauft. Die beiden Mallinckrodts verklagten daraufhin die Hülsberger Markgenossen bei dem als erste Instanz zuständigen Gericht in Volmarstein auf Ersetzung des Wertes der beiden ihnen weggepfändeten Schweine.

In dem schließlich am 10. Februar 1563 stattgefundenen Gerichtstermin beriefen sich die Mallinckrodt-Brüder darauf, dass ihrer Familie bereits 1388 vom damaligen Landesherrn, dem Grafen Engelbert III. von der Mark, das Recht zugestanden worden sei, sechs Schweine in die Hülsberger Mark eintreiben zu dürfen. Die entsprechende Urkunde wollten oder konnten sie aber nicht vorweisen. Mit Urteil vom 4. Juni 1567 wurde die Klage der Mallinckrodt-Brüder daraufhin auch abgewiesen.

Gefälschte Urkunde?

Damit wollten sich die Kläger aber nicht abfinden und reichten knapp drei Wochen später, am 26. Juni 1567, Widerklage bei der nächsthöheren Gerichtsinstanz, dem Gericht in Hagen, ein. Aber auch hier blieben sie erfolglos, denn mit Urteil vom 22. Juni 1568 bestätigte das Gericht die Volmarsteiner Entscheidung.

Doch Hermann und Dietrich von Mallinckrodt dachten nicht daran aufzugeben. Nur sieben Tage nach dem Urteilsspruch des Gerichts in Hagen erfolgte ihre Appellation an das Hochgericht in Lüdenscheid. In diesem Verfahren legten die Kläger erstmals den urkundlichen Beweis für ihr beanspruchtes Recht auf den Eintrieb von sechs Schweinen in die Hülsberger Mark vor. Dabei handelte es sich um die notariell beglaubigte Abschrift einer von Graf Adolf IV. von der Mark (=Adolf I. von Kleve) am 12. Juni 1413 ausgestellten Erneuerung der vom 6. Januar 1388 datierenden und von Graf Engelbert III. von der Mark ausgefertigten Belehnungsurkunde für Herbert von Mallinckrodt. Darin werden dem Belehnten unter anderem tatsächlich sechs Schweinsrechte in der Hülsberger Mark gewährt. Es ist jedoch nicht auszuschließen und auch gar nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei der plötzlich vorhandenen Belehnungsurkunde Engelberts III. von der Mark oder vielmehr der beglaubigten Abschrift seiner Erneuerung von 1413 um eine auf Veranlassung der Mallinckrodt-Brüder für den Prozess erstellte glatte Fälschung handelt.

Hier wohnten die klagefreudigen Brüder: Haus Mallinckrodt. Die Ansicht von 1612 ist die älteste Darstellung des Adelssitzes. (Repro: Sollbach)

Urkundenfälschungen waren im Mittelalter und auch noch in der frühen Neuzeit nichts Ungewöhnliches, zumal es in dieser Zeit kaum Möglichkeiten gab, die Echtheit angeblich alter Urkunden zu überprüfen. Seit dem Spätmittelalter war es hierbei zudem übliche Praxis geworden, dass man durch einen bestochenen öffentlichen Notar eine gefälschte beglaubigte Urkunden-Abschrift anfertigen ließ.

Dieses Mal konnten die Mallinckrodt-Brüder prompt ein Urteil zu ihren Gunsten erlangen, wobei sicherlich der von ihnen beigebrachte Urkundenbeleg eine wesentliche Rolle gespielt hat.

Ohne Ergebnis

Gegen diesen am 20. Juni 1569 ergangenen Urteilsspruch des Hochgerichts in Lüdenscheid erhoben nun aber die Hülsberger Markgenossen Einspruch beim Landesherrn, dem Herzog von Kleve. Das am 2. August 1573 von der herzoglich-klevischen Ratskammer gefällte Urteil gab jedoch den Hülsberger Markgenossen Recht. Möglicherweise hatten die klevischen Räte auch Zweifel hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der von den Klägern beigebrachten Urkunde gehabt.

Doch damit war der Rechtsstreit immer noch nicht zu Ende. Denn jetzt wandten sich die Brüder Mallinckrodt mit ihrer Gegenklage an die damals höchste und letzte Gerichtsinstanz: an das Reichskammergericht in Wetzlar. Der erste Verhandlungstermin vor dem Reichskammergericht fand am 21. Juni 1574 statt und noch eine ganze Reihe weitere sollten folgen.

Haus Mallinckrodt mit dem 1903 im flämisch-gotischen Stil errichteten Herrenhaus. (Foto: Sollbach)

Gerichtsverfahren waren früher langwierig und das galt in besonderem Maße auch für das Reichskammergericht, wie der weitere Verlauf des Mallinckrodt-Prozesses beweist. Zu Beginn des Jahres 1586 und damit nach fast 12 Jahren war dieser immer noch nicht zum Abschluss gekommen. Darüber verstarb schließlich sogar der Anwalt der Mallinckrodt-Brüder. Als das Kammergericht den Brüdern Mallinckrodt mit Schreiben vom 24. Januar 1586 den auf den 26. April des Jahres festgesetzten nächsten Verhandlungstermin mitteilen ließ und sie ersuchte, einen neuen Rechtsbeistand für die Fortsetzung des Prozesses zu bestellen, gaben diese jedoch wohl nicht zuletzt auch wegen der Kosten auf.

Verständigt?

Wie sie dem Kammergericht mitteilten, wollten sie sich in der Streitsache jetzt mit der Hülsberger Markgenossenschaft verständigen, „dieweil es nit mehr als zwo Mark Schwein ann drifft“. Wie und ob sich die Mallinckrodt-Brüder mit den Hülsberger Markgenossen dann verständigt haben, ist allerdings unbekannt.