30.000 Hagener waren „ausgebombt“

Hagen. (ME) Im „Hagener Fenster“ des Osthaus-Museums an der Hochstraße wurde am Dienstag, 1. Oktober 2013, eine Ausstellung eröffnet, die viele Volmestädter sehr berührt: Zusammengestellt von Dr. Ralf Blank und seinem Team, rückt das Osthaus-Museum „Die zerstörte Stadt Hagen – der 1. Oktober 1943“ in den Mittelpunkt. Die Ausstellungsmacher um Ralf Blank präsentieren beeindruckende Zeit-Dokumente. Dem wochenkurier erzählt Blank von den Auswirkungen des ersten alliierten Großangriffs auf Hagen vor genau 70 Jahren:

Der über die Ereignisse des Luftkriegs besonders gut informierte Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Joseph Goebbels, notierte am Tag nach dem Angriff in sein Tagebuch: „Der Luftkrieg hat wieder eine sehr starke Intensivierung erfahren. Die Stadt Hagen ist durch einen Nachtangriff ziemlich zerstört worden. Er war schwerster Art und mit denen auf Elberfeld und Barmen zu vergleichen. Die Personenverluste sind Gott sei Dank nicht allzu hoch; dafür sind aber ungeheure Schäden an Verkehrsanlagen und Industriewerken angerichtet worden.“

Mindestens 263 Tote

Mindestens 263 Menschen fanden am 1. Oktober 1943 in Hagen den Tod, darunter etwa 25 ausländische Arbeitskräfte, es gab mehr als 2.300 Verletzte, davon rund 500 Schwerverletzte. Über 30.000 Personen wurden „ausgebombt“ und standen nun obdachlos auf der Straße, so dass ein großer Teil von ihnen an den folgenden Tagen aus der Stadt evakuiert werden musste. Über 700 Gebäude wurden zerstört, mehr als 1.000 schwer beschädigt.

Angesichts der entstandenen Zerstörungen sowie auch im Vergleich zu Angriffen auf anderen Städten hielten sich die Personenverluste deutlich in Grenzen. Die relativ „geringe“ Anzahl von Todesopfern hatte ihre Ursache wahrscheinlich auch in den umfangreichen Evakuierungen von Bevölkerungsteilen aus der Stadt in den vorausgegangenen Monaten. Aber auch die ab Sommer 1943 erweiterten Luftschutzeinrichtungen und sicherlich auch die Erfahrungen der Hagener Luftschutzpolizei bei auswärtigen Einsätzen in bombardierten Städten an Rhein und Ruhr mögen dafür gesorgt haben, dass der Angriff am 1./2. Oktober 1943 nicht in einer völligen Katastrophe endete.

Die Bestattung der Luftkriegstoten war eine Aufgabe der Kommunen, um die Trauerfeierlichkeiten und die „Betreuung“ der Bevölkerung kümmerte sich dagegen die NSDAP. Die Partei sparte nicht mit Eigenlob für ihren „Einsatz“ in der Angriffsnacht: „Wir empfanden, als wie am anderen Morgen durch die Trümmer stiegen, als wir sahen, wie tapfer alle Hagener, Männer, Frauen und Kinder unter Führung der Partei ihre Pflicht taten, dass das Wort Gemeinschaft auch am Volmestrand tiefen Sinn und echten Klang hat.“ Der Kommandeur der Luftschutzpolizei hingegen beklagte sich darüber, dass sich um die Zählung und Identifizierung sowie Einsargung und Bestattung der Todesopfer tagelang kein Stadtamt zuständig fühlte, so dass die Polizei intervenieren musste.

Weite Teile der Innenstadt zerstört

Der von der Bevölkerung in Hagen seit langer Zeit befürchtete erste ,Großangriff‘ hatte weite Teile der Innenstadt und die Wohn- und Geschäftsviertel in den angrenzenden Vororten Wehringhausen, Eilpe und Altenhagen zerstört. Die Sachschäden waren schwerwiegend und veränderten die in den vergangenen 200 Jahren gewachsene Silhouette der Stadt über Nacht grundlegend. Ein großer Teil der auf Hagen niedergegangenen Abwurfmunition war über das gesamte Stadtgebiet und besonders auch bis weit in das Umland „gestreut“, so dass zahlreiche Bomben im Freiland und in Waldgebieten explodierten.

Bei günstigeren Wetterbedingungen und vor allem Bodensicht hätte der britische Luftangriff zweifellos zu wesentlich umfangreicheren Auswirkungen geführt. Diese Tatsache war nicht nur der Hagener Luftschutzleitung nach der sorgfältigen Kartierung aller Bombeneinschläge im Stadtgebiet bewusst, sondern auch der Bevölkerung, wie der Hagener Bürger Bernhard Petersen noch fünf Monate nach der Bombardierung feststellte:

„In den Wäldern und am Wege waren überall noch Spuren des Angriffs vom 1.10. vorigen Jahres zu sehen, und zwar steckten die Stabbrandbomben noch im Boden und zahlreiche Leitwerke von Sprengbomben hingen in den Büschen und lagen am Wege. Wenn die noch alle in der Stadt heruntergekommen wären, dann hätte das Unglück noch größere Ausmaße angenommen.“

Grauenhaftes Bild

Zwei Tage nach dem Angriff machte sich Bernhard Petersen von seinem am Rand des Stadtzentrums gelegenem Wohnhaus auf einen ersten Weg durch die Stadt und vertraute anschließend seinem Tagebuch folgendes an:

„Das grauenhafte Bild, das sich auf dem Weg dahin [zum Hauptbahnhof] bot, spottet jeder Beschreibung. Die Stadt war über Nacht zum Kriegsgebiet geworden. Schon vom Hause aus sah man überall noch Rauch und Flammen. Von der Marktbrücke ab wurde die Sache aber zum Trauerspiel. Abgesehen von einer ganzen Anzahl von Häuser am Markt, die in Ruinen verwandelt waren, war die Mittelstraße bzw. die ganze Stadtmitte ein einziges brennendes, rauchendes Trümmerfeld, in dem kaum noch ein Haus nicht vollständig ausgebrannt oder zusammengebrochen ist. Die Mittelstraße ist abgesperrt und hoch mit Trümmern und Schutt bedeckt. Dazwischen ausgebrannte und zerfetzte Straßenbahnwagen, herunterhängende Oberleitungen usw. Das alles eingehüllt in Rauchwolken und Qualm. [ ] In den Straßen wie an der Front. Überall Schlauchleitungen im Betrieb, Soldaten, Arbeitsdienst, Polizei und andere Hilfsmannschaften, die noch in der Nacht von allen umliegenden Orten zusammengezogen waren. Rauchgeschwärzte, verstörte, übernächtigte Gesichter. Die Straßen vollgestopft mit Feuerlöschzügen, Mannschaftswagen, Sanitäts und Leichenautos. Dazwischen Bahrenträger. An verschiedenen Stellen Verpflegungsstationen und Obdachlosen-Auffangstellen mit den dafür typischen Erscheinungen.“