40 Jahre Beratungsstelle „SichtWeise“

Von Nicole Schneidmüller-Gaiser

Hagen. (niki) Frauenalltag in Deutschland, 1975. Wir schreiben das „Internationale Jahr der Frau.“ Frauen dürfen wählen. Verheiratete Frauen dürfen mit Erlaubnis des Gatten arbeiten – „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist“. Fußballspielen dürfen Frauen nicht – zumindest nicht unter der Regie des Deutschen Fußballbundes. Was den meisten vermutlich egal ist.

Seit Anfang des Jahrzehntes haben auch ledige Frauen das Recht, mit der Antibabypille zu verhüten – und wer dennoch ungewollt schwanger wird, kann dank der Reform des Strafgesetztes innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen straffrei einen Abbruch vornehmen lassen. Voraussetzung: Frauen brauchen eine Indikation vom Arzt und müssen sich beraten lassen. Im ganzen Land entstehen „Beratungsstellen für Schwangerenkonflikte“ – am 18. April 1975 auch in Hagen. Heute heißt die Einrichtung des Evangelischen Kirchenkreises „Sichtweise“ – und der Name ist nicht das Einzige, was sich in den vergangenen 40 Jahren verändert hat.

Große Errungenschaft

„Für die Frauen war dieses Gesetz eine riesige Errungenschaft!“ Elsbeth Wilbrand-Behrens ist eine der drei Mitarbeiterinnen in der Beratungsstelle, die sie seit 2003 leitet. Seit 1993 ist die Diplom-Pädagogin dabei; über die Anfänge der Beratungsstelle weiß sie nur aus den Erzählungen ihrer Vorgängerin. Doch an die hitzige Zeit kann sie sich, ebenso wie die Kollegin Brigitte Niski-Steinhoff, noch gut erinnern. 1975 hatte sie gerade ihr Abitur gemacht und verfolgte als Frau natürlich mit einem besonderen Interesse, wie der überwiegend mit Männern besetzte Bundestag an der Änderung des Paragraphen 218 tüftelte. Bis dahin war ein Schwangerschaftsabbruch, außer aus medizinischen Gründen, ein Verbrechen, selbst nach Vergewaltigungen oder Inzest.

Weniger Abbrüche

Heute sind nur noch zehn Prozent der jährlich etwa 800 Gespräche Konfliktberatungen. „Durch bessere Verhütung, Aufklärung und nicht zuletzt den demographischen Wandel werden heute viel weniger Schwangerschaften abgebrochen“, erklärt Wilbrand-Behrens. 90 Prozent der Gespräche drehen sich um Familien- und Partnerschaftsprobleme. „Die haben aber oft etwas mit den Kindern zu tun, mit der neuen Rolle als Mutter oder Vater und mit den Veränderungen in der Partnerschaft“, so Brigitte Niski-Steinhoff.

„Die Gesetze haben sich zwar geändert, aber nicht das vorherrschende Bild der Frau und des Mannes“, weiß die Beraterin. Das Recht auf Elternzeit sowie Betreuungsangebote in KiTa und Schulen fördern zwar theoretisch die Gleichberechtigung bei der Kindererziehung, doch die Hauptverantwortung liegt noch immer bei den Frauen. „Gerade die plötzliche Abhängigkeit empfinden junge Mütter oft als sehr belastend“, weiß Brigitte Niski-Steinhoff. Dabei geht es keineswegs nur ums Geld – auch ein fehlendes soziales Netz setze den Frauen zu. „Wenn es keine Verwandten oder Freunde gibt, die das Kind mal stundenweise nehmen, stoßen gerade Alleinerziehende oft an ihre Grenzen.“

Zusammenarbeit

Etwa die Hälfte der Menschen, die die Beratungsstelle im Gebäude des Kirchenkreises in der Dödterstraße, Himmel@Erde, aufsuchen, kommen aus eigenem Entschluss; andere auf Empfehlung von Ärzten, aber auch Freunden oder Familienangehörigen. Die Beratung ist kostenlos und wird zu 80 Prozent vom Land finanziert. Die Stadt Hagen fördert die Zusammenarbeit mit den Familienzentren, den Rest der Kosten trägt der Kirchenkreis.
Dass ihre Arbeit irgendwann einmal überflüssig sein wird, glauben die Sichtweise-Pädagoginnen auch nach 40 Jahren nicht. Es wird immer schwierige Situationen in Familien geben, gerade auch in den Übergangszeiten bei Schwangerschaft und Geburt. Die Beraterinnen, selber alle Mütter, wissen aus Erfahrung: „Es ist ein großes Glück, ein Kind zu bekommen. Aber eben auch eine große Herausforderung.“