40 Jahre Telefonseelsorge in Hagen

Hagen. (Red./as) 1974: Die Welt ächzt noch unter den Folgen der Ölkrise. Richard Nixon muss wegen der Watergate-Affäre als US-Präsident seinen Hut nehmen. Bundeskanzler Willy Brandt tritt zurück, nachdem sein persönlicher Referent Günter Guillaume als DDR-Spion enttarnt worden ist. Die Verkehrssünderkartei in Flensburg wird eingeführt. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Deutschland wird Fußball-Weltmeister. Über das Finalspiel gegen die Niederlande wird noch heute diskutiert.

Erstes Gespräch morgens um acht

40 Jahre ist das her. Ebenfalls vor 40 Jahren, am 2. April 1974, morgens um acht nahm Karin H. das erste Gespräch in der Telefonseelsorge in Hagen an. Weitere 54 ehrenamtliche Mitarbeitende und Mitarbeiter standen bereit, um das Telefon rund um die Uhr zu besetzen. Heute arbeiten 83 ausgebildete Frauen und Männer ehrenamtlich am Telefon und in der Internetseelsorge. 40 Jahre Telefonseelsorge in Hagen; das sind bereits 340.500 Stunden, an denen mehr als 600 ausgebildete Ehrenamtliche ihren Mitmenschen zur Verfügung gestanden haben; das sind 450.000 Anrufe, tausende von Mails und Chats.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge unterstützen bei Beziehungsproblemen, leihen kranken Menschen, ob physisch oder psychisch, ihr Ohr. Sie erklären Mädchen und Jungen, wie sie verhüten können. Und sie begleiteten Sterbende. Mal banal, mal fatal: „Kein Thema ist tabu, und man weiß nie, was kommt“, beschreibt Birgit Knatz die Arbeit. Sie ist gemeinsam mit Dr. Stefan Schumacher Leiterin der Telefonseelsorge. Partnerschaftsprobleme führen die Konfliktthemen im Web, ähnlich wie am Telefon, an, gefolgt von Einsamkeit und Krankheit. „Der Anonymität des Netzes vertrauen sich auch sehr vorsichtige Menschen an, ebenso wie Lebensmüde und Menschen die schwer traumatisiert sind,“ fasst Stefan Schumacher zusammen.

Angebot für Menschen in Not

Die durchschnittliche ehrenamtliche Mitarbeit beträgt elf Jahre, das Durchschnittsalter liegt bei 57 Jahren. Es gibt aber auch Mitarbeitende, die seit mehr als 35 Jahren dabei sind.

Was am 2. April 1974 mit dem ökumenischen Gottesdienst „Angebot Hoffnung“ begann, ist seit 40 Jahren ein niederschwelliges Angebot für Menschen in Not. Der gesellschaftliche Mehrwert der Arbeit der Telefonseelsorge lässt sich nur erahnen. Denn nicht allein die Hilfesuchenden werden durch die Arbeit der Telefonseelsorge bereichert, auch die Familien, Freundeskreise und Kolleginnen und Kollegen profitieren direkt oder indirekt von der kommunikativen Kompetenz der Mitarbeitenden.

Wer nicht mehr weiter weiß

Die Telefonseelsorge ist an keine Öffnungszeiten gebunden und bedeutet nicht nur erste Hilfe für Kriseninterventionen, Raum zur Problemklärung oder Vermittlung zur weiterführenden Hilfe, sie ist auch Klagemauer und Auffangnetz für Menschen, die schon alles versucht haben, die nicht mehr weiter wissen.

Aus Anlass des 40-jährigen Jubiläums hat die ökumenische Leitung der Telefonseelsorge Hagen-Mark ein Buch „AUS der ZEIT“ herausgegeben, das auf unterhaltsame und informative Weise in die Arbeit einführt. Birgit Knatz und Stefan Schumacher beschreiben anhand der gesellschaftlichen Entwicklung seit den 1950 er Jahren die Veränderungen und Herausforderungen dieser speziellen Form der Seelsorge. Angefangen 1953 in England mit den „Samaritans“ die mit dem Spruch: „Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an“ in Zeitungsanzeigen warben, bis hin zu den ausdifferenzierten Angeboten der Internetseelsorge. Dazwischen geschoben sind kurze Abschnitte zur Sozialgeschichte des Kaffeetrinkens, das für die Arbeit fast unerlässlich ist, denn: „Eine Tasse Kaffee bedeutet eine Auszeit nach einem Telefonat, hält wach für die Anrufe in der Nacht oder weckt die Lebensgeister am Morgen.“

Gefeiert wird am 5. April

Überdies gibt es ausführliche Informationen über die Entwicklung der Anrufzahlen, über den Einfluss technischer Neuerungen und über die Qualifizierung der ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen und Seelsorger. Das Buch ist über den Buchhandel zu beziehen.

Birgit Knatz und Stefan Schumacher: „AUS der ZEIT“, eine Geschichte aus 40 Jahren Telefonseelsorge, 88 Seiten.

Das Jubiläum wird mit ehemaligen und aktiven Ehrenamtlichen am 5. April 2014 gefeiert.