50 Jahre Kampf um Trockenheit

Hagen. (anna) Der Alkohol als Rauschdroge ist so alt wie die Menschheit selbst. Ebenso der Alkoholmissbrauch… Der Hagener Klaus-Dieter von den Anonymen Alkoholikern (AA) kann ein Lied davon singen. Er gehört zu den hiesigen AA-Gründungsmitgliedern und war einst froh, dass er diese Gruppe mit aus der Taufe heben konnte. Klaus-Dieter sieht sich selbst als verschlossenen Charaktertyp. Schon als Jugendlicher entwickelte er sich zum Problemtrinker. Auf den „Freund Alkohol“ griff er immer zurück, wenn ihn Ängste plagten. „Da ich es nicht schaffte, auf Dauer trocken zu bleiben, ließ mich meine Familie in ihrer Not gerichtlich in ein Landeskrankenhaus einweisen.“

Zusammen mit 40 anderen psychisch Kranken lebte er nun hinter vergitterten Fenstern. „Meine Familie war von der Unterbringung so schockiert, dass sie mich mit Hilfe eines Anwalts wieder aus der Klinik holten“, erzählt Klaus Dieter. „Dieser Schock hatte eine heilsame Wirkung und ich fand einen anderen Weg…“

50 Jahre AA in Hagen

Anfang 1963 wurde im St. Johannes-Hospital in Boele unter der Leitung von Dr. Raffauf zusammen mit dem Oberarzt Dr. Walther H. Lechler und dem Stationsarzt Rüdiger Tessmann die erste Neuropsychiatrische Abteilung gegründet. Hier kam dann auch die Idee auf, eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker aus der Taufe zu heben. In ganz kurzer Zeit schlossen sich Ursula, Marie-Luise und Franz aus Lüdenscheid, Heinz aus Hohenlimburg, Heinz-Otto aus Lüdinghausen, Klaus-Dieter aus Hagen dieser bisher unbekannten Gruppe an. Viele andere folgten.
Da keine anderen Räume zur Verfügung standen, fanden die Treffen zunächst weiterhin in den Räumen des Johannes-Hospitals statt. Doch durch die steigende Zahl der Gruppenmitglieder wurde es immer schwieriger, die Meetings in der Klinik abzuhalten. Es mussten neue Räume gesucht werden. Aber: wer wollte schon Leute, die sich selbst als Alkoholiker bezeichneten, beherbergen?

Gründung

Am 16. November 1964 wurde das CVJM-Heim in Hagen das neue Zuhause. Deshalb gilt dieses Datum als eigentlicher Gründungstag der AA Hagen. Die Teilnehmerzahlen nahmen weiter zu, so dass die Meetings teilweise mit über 20 Gruppenmitgliedern stattfanden. Da die Gruppe um 22 Uhr das Haus verlassen musste, wurde das Treffen notfalls auf der Straße fortgesetzt. Es war ein Bedürfnis, ja eine Notwendigkeit, dieses für alle so neue, ungewöhnliche Lebensprogramm in seinen Einzelheiten zu verstehen und umzusetzen.

Durch das AA-Programm, dem Vertrauen auf eine höhere Macht, die größer ist als wir selbst, und dank der gewonnenen Trocken- und Nüchternheit waren die AA-Leute von ihrem „neuen Leben“ geradezu beseelt. Sie wollten nun aktiv werden und die Botschaft an andere Alkoholiker weitergeben.

Neuer Standort

Durch die stetig steigenden Teilnehmerzahlen wurde es notwendig, viele neue Gruppen zu bilden. In verschiedenen Stadtteilen, bei Awo, Caritas und Kirchengemeinden wurden Räume angemietet. Doch es kam immer wieder zu Schwierigkeiten, weil Räumlichkeiten nicht zur Verfügung standen.

So war es 1977 geradezu ein Glücksfall, dass die AA Hagen in der Mariengasse 6a eine Wohnung anmieten konnten. Größtenteils in Eigenleistung wurden die Räume renoviert. So fanden die AA Hagen endlich ihr eigenes Heim, in dem sie nun täglich ihre Zusammenkünfte abhalten konnten – und nach wie vor können.
Ab 10 Uhr, meist durchgehend bis 21.30 Uhr, sind die Räume geöffnet. Die Mariengasse ist für viele AA-Leute eine rettende Anlaufstelle, besonders für die, die am Anfang ihrer Trockenheit stehen. Denn dann ist die Rückfallgefahr besonders hoch.

In den Anfängen der AA Hagen war der Alkoholismus als Krankheit noch nicht anerkannt, somit gab es weder gezielte therapeutische Einrichtungen noch standen adäquate Beratungsstellen zur Verfügung. Durch die aktive Informationsarbeit der Hagener AA bildeten sich weitere Gruppen im Ruhrgebiet und im Sauerland. So wurde die Mariengasse 6a in Hagen zur zentralen Kontaktstelle für ganz NRW.
Aus organisatorischen Gründen feiern die AA Hagen ihre Jubiläumsfeier erst im September 2015 im Sparkassen-Karree.