85 Jahre Bauverein

Dem Aufsichtsratsvorsitzenden Frank Middendorf war es vorbehalten, die Gründungszeit des Bauvereins zu beleuchten. (Foto: zico)

Hohenlimburg. (ME/zico) Der Hohenlimburger Bauverein feiert in diesen Wochen seinen 85. Geburtstag. Zahlreiche Aktionen stehen auf der Tagesordnung – so ein Kochrezepte-Wettbewerb, ein Sportquiz und ein Malwettbewerb für Kinder (der wochenkurier berichtet nächste Woche).

Zum Start in die Festwochen lud der Jubilar unlängst zu einer Feierstunde in den Hohenlimburger Bürgersaal. Geschäftsführerin Marion Golling ging in ihrer Begrüßungsrede auf die schwierigen Jahre der Gründerzeit, aber auch auf die aktuellen Anforderungen ein, die eine sich wandelnde Gesellschaft heute an einen Bauverein stellt.

„Die Männer um Gründer Georg Scheer haben damals angepackt, obwohl es an vielem fehlte. Gleich in den ersten Jahren wurden mehrere hundert Wohnungen geschaffen, und so wurde der damals herrschenden Wohnungsnot entgegen gewirkt. Wir knüpfen mit Stolz an diese Arbeit an“, sagte Golling vor Mitarbeitern, Gratulanten und Ehrengästen.

Rechtzeitig

Den demografischen Wandel und die Konsolidierung des Hohenlimburger Bauvereins nannte die Geschäftsführerin als wichtigste aktuelle Herausforderungen: „Es wird weniger Menschen geben, und es wird mehr ältere Menschen geben. Es gilt, vor diesem Hintergrund Wohnungstrends rechtzeitig zu erkennen und mit Augenmaß zu investieren.“

Auf dem Wege der finanziellen Gesundung habe der Bauverein in den vergangenen fünf Jahren 270 Wohnungen veräußert, nun gelte es, den derzeitigen Wohnungsbestand zu sichern. „Allerdings ist der Prozess der Gesundschrumpfung noch nicht ganz abgeschlossen“, so Golling, die zum Abschluss ihrer Rede den Bauvereinsmitarbeitern herzlich für ihren Einsatz dankte.

Zusammen

Hohenlimburgs Bezirksbürgermeister Hermann-Josef Voss würdigte die Leistungen der Genossenschaft.(Foto: zico)

Hohenlimburgs Bezirksbürgermeister Hermann-Josef Voss hob die gute Zusammenarbeit zwischen Politik und Bauverein hervor und würdigte die Leistungen der Genossenschaft: „Der Bauverein hat das Stadtbild geprägt und maßgeblich dazu beigetragen, aus Hohenlimburg eine lebens- und liebenswerte Stadt zu machen. Wer über 2.200 Wohnungen bereit stellt und mehr als 4.000 Mitglieder hat, muss ein guter Vermieter sein.“

Rückblick ins Jahr 1926

Dem Aufsichtsratsvorsitzenden Frank Middendorf war es vorbehalten, die Vergangenheit zu beleuchten: „Vor 85 Jahren wurde unsere Genossenschaft unter dem Namen Gemeinnütziger Bauverein eGmbH gegründet. Ein Jubiläum ist der gegebene Anlass, einen Blick zurück in die Geschichte, sozusagen auf das Leben des Jubilars zu werfen.

1926 wurde nicht nur unsere Genossenschaft gegründet. Auch die Daimler Benz AG und die Deutsche Lufthansa entstanden. 1926 gab es die erste Verkehrsampel in Deutschland, Dampfbügeleisen und Sprühdose wurden erfunden. Wo stünden wir heute ohne diese Erfindungen? Jedenfalls nicht ganz so häufig nachts vor leeren Kreuzungen.

Deutscher Fußballmeister wurde die Spielvereinigung Fürth mit einem 4:1-Sieg gegen Hertha BSC Berlin. 1926 war insgesamt gesehen eines der besseren Jahre der Weimarer Republik. Die Internationale Ächtung Deutschlands wurde durch die Aufnahme in den Völkerbund überwunden. Es gab einen wirtschaftlichen Aufschwung. Wohlstand im heutigen Sinne war hiermit nicht verbunden. Die Arbeitslosigkeit war weiterhin hoch.

Geschäftsführerin Marion Golling ging in ihrer Rede auch auf die aktuellen Anforderungen ein, die eine sich wandelnde Gesellschaft heute an einen Bauverein stellt.(Foto: zico)

Eine Arbeitslosenversicherung bestand noch nicht. Sie wurde erst 1927 begründet, ist mithin jünger als der Bauverein. Arbeitslose waren auf Wohlfahrtsleistungen der Gemeinden angewiesen. Deren Leistungen waren gering. Arbeitslosigkeit bedeutete für die Betroffenen und ihre Familien ein für uns heute unvorstellbares Elend. Darüber hinaus herrschte vielerorts Wohnungsnot. Hohenlimburg hatte 1926 knapp fünfzehneinhalbtausend Einwohner. Die Arbeitslosigkeit war mit knapp 8 Prozent doppelt so hoch wie in den Nachbargemeinden.

In unserer Heimatstadt gab es viele dringende Wohnungsfälle. Über 200 Jungverheiratete lebten noch bei ihren Eltern. Für mehr als 300 Familien war der Wohnraum zu klein und die Geschlechtertrennung der erwachsenen Kinder nicht möglich. 45 Familien lebten in gesundheitlich unzureichenden Räumen. Gegen 54 Familien lagen Räumungsurteile vor. Die Stadt verfügte nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um der Wohnungsnot Herr zu werden.

Nur durch Zusammenschluss

In dieser Situation ergriff insbesondere der sozialdemokratische Stadtverordnete Georg Scheer die Initiative. „Laßt uns eine Wohnungsbaugenossenschaft gründen! Nur durch festen Zusammenschluß der Wohnungssuchenden und eine finanzielle Unterstützung der Stadt kann es gelingen, die anstehenden Probleme zu bewältigen! Hilfe zur Selbsthilfe muß das Gebot der Stunde sein!“

So Scheers flammender Appell an die 99 Teilnehmer der Versammlung vom 7. April 1926, in der unsere Genossenschaft gegründet wurde. Bereits am 30. April erfolgte die Eintragung in das Genossenschaftsregister. Der erste Vorstand bestand aus folgenden Personen: Bürgermeister Dr. Goetz, Kaufmann Wilhelm Mosbach, Lehrer Gustav Pautz, Gewerkschaftssekretär Georg Scheer und Kaufmann Karl Schnippering.

(wird fortgesetzt)