Abenteuer Geschichte im Steinbruch Hohenlimburg

Von Gunda von Fircks

Auch für sie ist jede Exkursion ein neues Abenteuer: Geologin Antje Selter. (Foto: Gunda von Fircks)
Auch für sie ist jede Exkursion ein neues Abenteuer: Geologin Antje Selter. (Foto: Gunda von Fircks)

Hohenlimburg. Die Urgeschichte liegt vor der Haustür. Ein Paar feste Schuhe, ein Rucksack und jede Menge Taschen genügen, um das Abenteuer Geschichte im Steinbruch der Hohenlimburger Kalkwerke zu erleben. Die Schuhe geben Halt auf den steinigen Wegen, der Rucksack dient dem Proviant und Werkzeug und in Taschen kommen die vielen Fundstücke – wer eine Tour bei „GeoTouring“ bucht, kehrt mit Schätzen beladen zurück.

Auf dem Parkplatz gleich an der Bahnlinie werden die gut 30 Teilnehmer wanderfest gemacht. Jeder bekommt einen Helm gegen Steinschlag und eine Warnweste, damit niemand auf dem weitläufigen Gelände verloren geht. Während die Kinder die hohen Kiesberge am Eingang der Kalkwerke erklimmen, werden die letzten Teilnehmer abgewartet. Kennzeichen mit BO, DO, W oder EN zeigen: Das Interesse an den uralten Zeiten kennt keine (Stadt-)Grenzen.

An Förderbändern und klein gemahlenem Gestein vorbei geht es über eine Kuppe in den eigentlichen Steinbruch – Sohle für Sohle schraubt er sich nach oben, oder auch immer enger werdend in die Tiefe. „Da oben fangen wir an“, sagt Antje Selter von der Hagener Firma „GeoTouring“. Ihre Helfer haben vorher ausgekundschaftet, wo die Schätze der Vergangenheit quasi auf dem Wege oder gleich am Wegrand liegen. Und tatsächlich, ein paar Minuten später ist das Ziel erreicht. Man muss nur genau schauen. Antje Selter hilft dabei. Korallenarme liest sie auf, hält sie zwischen den Fingern und macht vor allem den Erwachsenen Mut. „Kinder“, so weiß die Diplom-Geologin, „finden immer viel schneller was als die Großen.“

Wenn der Vater… – Hämmern verbindet

Kinder sind an diesem sonnigen Märzsamstag in großer Zahl dabei. Papas knien neben ihren Söhnen und hämmern mit ihnen um die Wette, Mütter reichen ihren Töchtern einen Meißel, und wer allein zum Abenteuer Urgeschichte gekommen ist, findet leicht einen Gesprächspartner oder Nachbarn beim Weiterwandern über die weite Fläche.

„Tiere und Pflanzen sind gestorben, abgedeckt und gedrückt worden“, weiß die kleine Emily. Dabei geht sie erst in die zweite Klasse. Aber ihre Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen. Erdgeschichte kann eine frühe Leidenschaft sein.

Antje Selter hat eine große Karte aufgefaltet mit aufgemalten Dinosauriern und Urzeitvögeln wie in 3D. Wenn es sein muss, spricht sie mit dem Körper. Weit gespannt sind ihre Arme. Die Finger der einen Hand sind der Anfang der Erde, ein paar Milliarden Jahre vor unserer Zeit. Dann geht ihr Blick von der Hand den Arm entlang am Körper vorbei den anderen Arm lang bis zu den Fingern – „und die Fingernagelspitzen nur, das ist die Zeit, in der wir Menschen auch dabei sind“. Das versteht jedes Kind. Und deshalb sagt sie es für die Erwachsenen gleich noch einmal: Ein Blatt auf dem Dach des Empire State Buildings in New York – die Höhe des Blattes ist der Teil der Geschichte mit Menschen.

Glitzernde Mineralien - ein Schmuckstück für Zuhause. (Foto: Gunda von Fircks)
Glitzernde Mineralien – ein Schmuckstück für Zuhause. (Foto: Gunda von Fircks)

„Uralt-Historiker“ sind sehr vorsichtig

Ganz klein also ist der Mensch, und wenn er der Zeit vor ihm nachspüren will, muss er in die Knie gehen. Nicht aus Respekt, aber wie soll er sonst fühlen, greifen, herausmeißeln, was aus Tieren und Pflanzen zu Stein geworden ist?! Und seltsam, während daheim für die Kinder der Werkzeugkasten meist Tabu ist, dürfen sie im Hohenlimburger Steinbruch hämmern, als gebe es keine Gefahr für die Finger oder das Nasenbein des Nachbarn. Aber die kleinen „Prähistoriker“ (das sind Menschen, die sich mit diesen uralten Zeiten beschäftigen) sind vorsichtig, und die Großen sind es erst recht.

So füllen sich langsam die Rucksäcke und Taschen, wandern erst die Korallenreste und später weiter unten wunderbar glänzende Bruchstücke in mitgebrachte Eimer. Blick zurück: Vor 370 Millionen Jahren lag Hohenlimburg am Rande eines tropischen Meeres mit einem mächtigen Riff. Geblieben sind die Skelette ausgestorbener Korallen, Schwämme, Seelilien, Armfüßer, Muscheln und Schnecken. Ein Vater und Sohn aus Volmarstein verstauen ihre Funde in einer Blechkiste, in der mal eine Bohrmaschine lag. Prall gefüllt steht sie auf dem untersten Plateau des Steinbruchs. Bevor Kiste und Träger den Heimweg antreten, müssen eine ganze Reihe Schätze der Natur wieder zurück gegeben werden. Sonst lässt sich der Deckel einfach nicht zuklappen.

Jede Tour ist ein Abenteuer

Fast vier Stunden sind wie im Flug vergangen. Antje Selter hat schon vorher verraten, wie die Fossilien und Mineralien zu Hause zur Geltung gebracht werden können. Mit der weichen Zahnbürste: Ja! In der Spülmaschine oder mit dem Dampfstrahler: Auf keinen Fall!

Ein paar Schritte reichen und die Teilnehmer sind wieder am Ausgangspunkt ihrer Zeitreise. Selbst für Antje Selter ist jede Tour ein Abenteuer. Wo heute noch die schönsten Fundstücke auszuhämmern und aufzulesen waren, kann morgen schon ein großes Loch klaffen. Der Steinbruch ist noch in Betrieb. Dann findet die Frau von „GeoTouring“ eben einen noch besseren Ort zum Abbau der Urzeit-Schätze.

Das nächste Mal am 23. März 2014, 11 Uhr, wieder im Steinbruch der Hohenlimburger Kalkwerke. Anmeldungen und Infos über andere abenteuerliche Touren unter www.geotouring.de.