Abschied vom Idyll: Gärten in der Berghofstraße müssen geräumt werden

Hagen. (as) Es war ein Besuch mit – zumindest – tröstlichen Folgen. Eigentlich wollte sich Dirk Schmidt nur ein Bild von den Gärten hinter den Häusern machen, als er einer Einladung der Mieter der Berghofstraße gefolgt war.

Viele Antworten konnte der Mann von der Hagener Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft, kurz „ha.ge.we“, noch nicht geben. Doch er konnte handeln – anschließend. Und den Mietern ein wenig Zeit verschaffen. Sie müssen ihre Gärten zwar nach wie vor räumen, doch dafür haben sie nun bis Ende März Zeit.
Doch von vorn: Es gibt Gefühle, die lassen sich nur schwer in Worte fassen. Das Gefühl beispielsweise, das entsteht, wenn einem jemand einen Zettel in den Briefkasten wirft, in dem mitgeteilt wird, dass man ruckzuck den Garten, den man seit 40 und mehr Jahren bewirtschaftet, räumen soll. Verständnislosigkeit gehört dazu, das Gefühl des Ausgeliefertseins, aber auch Zorn und grenzenlose Trauer.
Retten, was zu retten ist
Durch dieses Wechselbad der Emotionen gehen die Mieter der „ha.ge.we“-Gebäude an der Berghofstraße. Sie entdeckten am vergangenen Wochenende ein Schreiben in ihren Briefkästen. Der Inhalt: Die eindringliche Aufforderung der Wohnungsgesellschaft, die Gärten bis gestern, 10. Februar, zu räumen. Denn ab Montag, 13. Februar, sollen Büsche, Bäume, Sträucher, Gartenhäuser samt Inhalt, Zäune und Pergolen platt gemacht werden, um den Baugrund für die geplante Kindertagesstätte Berghof-/Königstraße vorzubereiten.
Im Schreiben klang das natürlich höflicher: „Wir bitten deshalb alle Mieter, alle persönlichen Gegenstände bis zum 10.2.2017 zu entfernen und zu sichern“, steht darin. Was aber ist nicht persönlich, wenn man einen Garten wie Renate Hommann seit mehr als 40 Jahren hegt und pflegt? Der Birnbaum? Die zighundert Blumenzwiebeln, die das Grundstück Jahr für Jahr in ein Farbenmeer verwandeln? Die Brombeeren, Himbeeren, Stachelbeeren? Die Hütte mit all dem Werkzeug vom Rasenmäher bis zur Heckenschere? Die Rosenstöcke, die ihr Nachbar Hamadi Namaane im Herbst erst geplanzt hat, weil er der festen Überzeugung war, dass jetzt noch nicht gebaut wird?
Die Mieter waren fassungslos.
„Was wäre, wenn wir verreist oder krank gewesen wären?“, fragt Renate Hommann. Sie wohnt seit über 40 Jahren in den jetzt denkmalgeschützten Gebäuden an der Berghofstraße. „Wir können nicht mal eben die wertvollen Pflanzen ausbuddeln. Der Boden ist doch noch gefroren“, sagt ihre Nachbarin Ljuljana Zankana.Und überhaupt: „Ich bin hier doch nur eingezogen, weil mir zugesichert wurde, dass ich den Garten nutzen kann“, sagt sie. Und nun? Ihr großer Garten schrumpft auf einen nur wenige Meter breiten und tiefen Grünstreifen, wenn die Kindertagesstätte erst einmal gebaut ist.
Hilfen von der „ha.ge.we“
Die Kita wird gebaut. Das steht fest. Fragen wie „Warum gerade hier?“ verpuffen angesichts der Tatsache, dass die Stadt mehr Kita-Plätze braucht und schon vor Jahren die Hinterhofidylle an der Berghofstraße zu einem idealen Bauplatz erkoren hat.
Jahre sind vergangen, seit der Beschluss gefasst wurde.
Nichts für die Mieter Sichtbares ist seither geschehen. Umso härter traf es nun die kleine Gemeinschaft, als das Schreiben mit der Bitte um Gartenräumung auftauchte.
„Es war tatsächlich sehr kurzfristig“, räumt Dirk Schmidt von der „ha.ge.we“ ein. Eindringlich hat er sich für die Belange der Mieter eingesetzt und erreicht, dass mehr Zeit bleibt. Nicht schon am Montag rückt eine Firma an, um zu roden und den Grünschnitt zu besorgen. Diese Arbeiten beginnen nun erst eine Woche später. Er erreichte auch, dass die Mieter ihre Gärten und damit auch ihre Gartenhäuser erst bis Ende März räumen müssen.
Doch geräumt werden muss. Denn, auch das hat er erfahren, „hier wurde nie ein Anschreiben nach Gestattung ausgestellt“. Das heißt: Die Mieter haben die großzügige Grünanlage hinter ihren Häusern zwar zum Teil seit mehr als 40 oder sogar 60 Jahren genutzt, aber eine ausdrückliche Erlaubnis dazu hat es nie gegeben. Im Umkehrschluss heißt es: Wo es keine Gestattung gibt, kann es auch keine weitergehenden Ansprüche geben.
Baustart schon im Spätsommer?
„Als Wohnungsgesellschaft wollen wir fair und anständig mit unseren Mietern umgehen“, sagt Dirk Schmidt von der „ha.ge.we“. Er weiß, dass die üppigen Gärten zu schmalen Grünstreifen schrumpfen. Deshalb: „Wir werden unseren Mietern Wäschespinnen zur Verfügung stellen, damit sie weiterhin in ihren kleinen Gärten ihre Wäsche trocknen können“, sagt er.
Und ab wann wird gebaut? „Das ist noch nicht sicher“, sagt der Mann von der „ha.ge.we“. „Es könnte schon im Sommer oder Spätsommer losgehen. Aber das kann sich natürlich auch noch nach hinten verschieben.“
Die Rodungs- und Baumschnittarbeiten müssen bereits jetzt erledigt werden. Denn laut Gesetz sind sie nach dem 1. März nicht mehr zugelassen.
Für die Mieter der „ha.ge.we“-Häuser an der Berghofstraße bedeutet die Rodung einen Abschied auf Raten. Einen Abschied von der grünen Idylle hinter dem Haus, von den eigenen Kartoffeln, Brom- und Himbeeren. Von alten Apfel- und Birnbäumen.
Die Trauer der vielen langjährigen Mieter kann wohl jeder nachvollziehen.