„Accu“ durchleuchtet

Hagen. (Red.) Seit über 125 Jahren ist die Stadt Hagen mit der Entwicklung und Produktion von Batterien verbunden. Ihren Anfang nahm diese industrielle Fertigung auf dem Gelände eines alten Hammerwerks an der Ennepe in Wehringhausen.
Dort wurde im Dezember 1887 die Accumulatoren-Fabrik Büsche & Müller gegründet. Sie war die Vorläuferin der drei Jahre später gebildeten „Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft Berlin-Hagen“ (AFA). Für die Hagener war diese Fabrik kurzerhand ihre „Accu“. Später wurde daraus die Varta. Derzeit wird in Hagen die Geschichte der Accu erforscht – 2017 soll sie in einem Buch erscheinen.

Prägend für Hagen

Die „Accu“ prägte besonders auch den 1876 nach Hagen eingemeindeten Stadtteil Wehringhausen. Dort befand sich nicht nur im Ennepetal das im Laufe der Jahre immer größer werdende AFA-Werk. In diesem Stadtteil lebten auch zahlreiche Arbeiter, Meister, Ingenieure, Bürokräfte, Laboranten und viele andere Menschen, die in der Batteriefabrik beschäftigt waren.
Gemeinsam mit dem Westfälischen Wirtschaftsarchiv (WWA) in Dortmund und dem Hagener Heimatbund (HHB) erforscht das Stadtarchiv Hagen im Rahmen eines Projekts mit Unterstützung der Südwestfälischen Industrie- und Wirtschaftskammer (SIHK) und der EnerSys-Haw­ker GmbH die Entwicklung der „Accumalatorenfabrik“.
Dabei geht es um verschiedene Themen, deren Fragestellungen von der Unternehmensgeschichte und einzelnen Produktionssparten über den Arbeitsalltag im Werk bis hin zur Architektur des Betriebes und die Bedeutung des Unternehmens für die Stadt Hagen reichen. Von den Beteiligten wird zusätzlich eine Ausstellung in Erwägung gezogen.
In Rahmen des Projekts suchen das Stadtarchiv Hagen und der Hagener Heimatbund nun noch nach Fotografien, Erinnerungen und nach Objekten zur Geschichte der „Accu“.
Der Hagener Heimatbund führt auch Interviews mit ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durch. Melden kann man sich hierzu entweder bei Heimatbund-Vorstand Jens Bergmann (Tel. 13192 bzw. Mail gensberg@web.de) oder bei Andreas Korthals vom Stadtarchiv (Tel. 207-3339 bzw. andreas.korthals@stadt-hagen.de).

Weltunternehmen

Aus der anfänglich noch kleinen Fabrik entstand binnen weniger Jahre ein Weltunternehmen mit allein in Hagen etwa 3000 Mitarbeitern auf dem Höhepunkt der Entwicklung. 1962 erfolgte die Umbenennung der AFA in Varta.
Dieser Firmenname besaß ebenfalls Weltgeltung, von der internationalen Bedeutung profitierte lange Zeit auch die Stadt Hagen.
In der Erinnerung von zahllosen früheren Mitarbeitern der „Accu“ und auch in ihren Familien ist der frühere Arbeitsort immer noch gegenwärtig.
Und die Produktion von Stromspeichern in Hagen ist ebenfalls immer noch aktuell. Seit 1995 fertigt die zum internationalen Konzern EnerSys zugehörige Nachfolgefirma Hawker auf einem Teil des früheren, mittlerweile vollständig modernisierten Betriebsgeländes weiterhin Batterien. Sie werden vor allem in Gabelstaplern und anderen Elektrofahrzeugen verwendet.

Elektrizität steht für Zukunft

Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte die Elektroindustrie zu den boomenden Wirtschaftszweigen. Elektrizität sorgte nicht nur für Licht und Wärme, sondern auch für Mobilität und Fortschritt.
Die Hagener Batteriefabrik war vor 1914 maßgeblich sogar an der Einführung und Entwicklung von neuartigen Verkehrsmitteln, wie Elekto-Automobil und Straßenbahn, beteiligt. Ein anderes Kerngeschäft hatte mit Rüstungsgütern zu tun. Denn auch Unterseeboote benötigten für ihren Antrieb in den Tiefen der Meere leistungsstarke Batterien. Seit 1904 fertigte die AFA in ihrem Hagener Werk für U-Boote spezielle Stromspeicher mit teilweise riesigen Ausmaßen an. Schon fünf Jahre später war daraus eine eigene Produktionssparte entstanden, die bis heute ihren Sitz in Hagen hat.
Bereits im Ersten Weltkrieg hatte die Royal Air Force die Bombardierung des AFA-Werks geplant. Seit 1916 galt Hagen im britischen Luftfahrtministerium als ein kriegswichtiges Ziel, um den Bau und den Einsatz von deutschen U-Booten zu behindern. Doch erst im Herbst 1918 war die Flugtechnik so weit, um Hagen anzugreifen. Ein vorgesehener Luftangriff wurde wegen der Waffenstillstandsverhandlungen dann aber abgesagt.
Seit 1923 gehörte die AFA zum Besitz des Unternehmers Günther Quandt. Neben Batterien für U-Boote waren es seit 1935 vor allem auch solche für Torpedos und Flugzeuge, die in der Produktion eine große Rolle spielten. Ab 1937 kamen spezielle Batterien für Marschflugkörper und Fernraketen hinzu (Stichwort: V2).

Zerbombt

Die „Accu“ lag im Frühjahr 1945 fast vollständig in Trümmern. Britische Luftangriffe trafen immer wieder auch das Werksgelände.
Von der alten Batteriefabrik zeugen nur noch das 1913 errichtete Verwaltungsgebäude sowie die bis 1915 erbaute Maschinenfabrik. Der Großteil des früheren Varta-Geländes gehört heute zur im Bau befindlichen Bahnhofshinterfahrung. Andere Bereiche sind als Nutz- und Gewerbeflächen zur Ansiedlung von Betrieben ausgewiesen.
Das neue Buch soll voraussichtlich 2017 erscheinen – in der wissenschaftlichen Reihe des westfälischen Wirtschaftsarchivs.