Ärger in Ambrock

Hagen. Weiter geht’s in unserer Serie  „Hagen 1914 – kurz vor dem Ersten Weltkrieg„. Unser Auto Dr. Gerhard E. Sollbach blickt abermals in den Mai:

Ringkämpfe

In einer am 6. Mai im „Westfälischen Tageblatt“ veröffentlichten großen Anzeige kündigte der Besitzer der Viktoria-Lichtspiele in der Körnerstraße an, dass in seinem Kino am Samstag, dem 9. Mai, und an den folgenden Tagen „große erstklassige“ Ringkämpfe mit Ringern aller Nationen um die Meisterschaft von Westdeutschland und eine Siegesprämie von 1.500 Mark stattfänden. Am Schluss der Anzeige wird noch ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass es sich hier nicht um einen Film handele, sondern um „lebende Ringer“ (den heute in diesem Zusammenhang üblichen modischen Ausdruck „live“ kannte man damals weder in Hagen noch in dem ganzen damaligen national gesinnten Deutschen Kaiserreich, zumindest war er unüblich). Doch wer sich in Hagen auf diese Ringkämpfe gefreut hatte, der hatte sich zu früh gefreut. Die Veranstaltung wurde nämlich von der Ortspolizeibehörde aus nicht mehr feststellbaren Gründen verboten. Gestattet wurde jedoch die Vorführung im Viktoria-Kino des Films von dem Herausforderungs-Ringkampf des „deutschen Recken“ Fred Marcussen gegen den schwarzen amerikanischen Weltmeister, Boxer und Ringer, Jack Johnson, bei dem der schwarze Champion unterlegen war. Der Besitzer hatte das Vorführungsrecht für dieses „größte sportliche Ereignis des Jahres 1914“ eiligst als Ersatz für die untersagten Kämpfe mit den „lebenden“ Ringern erworben.

Doch wer lieber eine „ruhige Kugel“ schieben wollte, hatte in Hagen dazu ab dem 12. Mai in dem altbekannten Hagener Café „Resa“ in der (damaligen) Kölner Straße Gelegenheit. In der neu eröffneten 1. Etage des Cafés gab es nämlich außer einem Hauptrestaurant auch einen Billard-Saal. In Wehringhausen stand für Veranstaltungen ab dem 23. Mai die an diesem Tag nach Umbau und gründlicher Renovierung wieder eröffnete Bürgerhalle am Wilhelmsplatz zur Verfügung.

Diebstähle

Doch auch an alltäglichen Ärgernissen mangelte es in Hagen im Mai 1914 nicht. Dazu gehörten die häufigen großen und kleinen Diebstähle. Am Mittwoch, dem 6. Mai, wurde am helllichten Tag ein vor einem Haus in der Marktstraße kurzfristig unbeaufsichtigt abgestelltes Fahrrad der Marke „Start“ entwendet. In der darauffolgenden Nacht erbrachen Unbekannte den Marktpavillon auf dem Emilienplatz. Allerdings fanden sie die wohl erhoffte große Beute nicht. Lediglich ein leeres Bierfass fiel ihnen in die Hände. Pech hatten auch die drei Kaninchendiebe, die nachts mehrere Ställe aufgebrochen und teils wertvolle Zuchttiere entwendet hatten. Sie wurden am nächsten Tag festgenommen. Ebenfalls erwischt wurde ein Dieb, der sich am Vormittag in ein Hotel am Hauptbahnhof eingeschlichen und aus einem Zimmer ein Paar teure Schule hatte mitgehen lassen. Als er damit verschwinden wollte, entdeckte man ihn und übergab ihn der Polizei. Da in der letzten Zeit in der Umgebung des Hauptbahnhofs mehrere Hoteldiebstähle vorgefallen waren, wurde vermutet, dass auch diese auf das Konto des Diebs gingen. Ein besonders dreister Einbruch in ein Geschäft ereignete sich am Sonntagnachmittag, dem 17. Mai. Während die Besitzerin für kurze Zeit außer Haus war, öffnete jemand mit einem Nachschlüssel die Ladentür und stahl aus der Registrierkasse 30 Mark. Nach getaner „Arbeit“ verschloss der Dieb sowohl die Registrierkasse als auch die Ladentür wieder ordnungsgemäß.

Am Nachmittag des Himmelfahrtstags (21. Mai) wurde ein Kaufmann in der Wehringhauser Straße Opfer eines Einbruchs. Hier betrug die Beute stattliche 108 Mark. Bereits in der nächsten Nacht ereignete sich ein weiterer Einbruch, dieses Mal in der Frankfurter Straße. Hier drangen Einbrecher in eine Drogerie ein, indem sie eine an der Rückseite des Hauses gelegene Tür aufbrachen und durch das Lager in die Verkaufsräume gelangten. Dort ließen sie Waren und technisches Gerät mit einem Gesamtwert von mehreren hundert Mark mitgehen. Auch die Registrierkasse wurde aufgebrochen, in der sich jedoch nur ein geringer Geldbetrag befand. In derselben Nacht drangen Diebe auch in eine Wirtschaft in der Donnerkuhle ein, wo sie ebenfalls beträchtliche Beute machten. In Wehringhausen trieben seit einiger Zeit Mansardendiebe ihr Unwesen. In mehreren Wohnhäusern hatten sie die in den Mansardengeschossen gelegenen Zimmer von Dienstmädchen aufgebrochen und Geld sowie Gegenstände entwendet.

Schutzmann als Buhmann

Allerdings begegneten nicht alle Hagener der Polizei mit Respekt und begrüßten deren Einschreiten bei Straftaten. Nach Zeitungsberichten kam es in der Stadt immer wieder vor, dass „unvernünftige“ Personen bei der Festnahme von straffälligen Personen massiv Stellung gegen die Polizeibeamten nahmen. Im Vorjahr war bei einem solchen Vorfall beinahe einer der schlimmsten Einbrecher in Hagen den Händen der Schutzleute wieder entrissen worden. Die Festnahme eines Raufbolds in der Mittelstraße hatte sogar fast zu einem Aufruhr geführt. Der örtliche Polizeiinspektor Meier nannte Anfang Mai in einer Rede aus Anlass seines 50-jährigen Dienstjubiläums als eine Ursache dafür, dass der Schutzmann in der Bevölkerung als „Buhmann“ gelte, die Unvernunft der Eltern, die als Erziehungs- und Disziplinierungsmittel gegenüber ihren Kindern die Drohung verwendeten: „Warte nur, gleich rufe ich den Schutzmann, der nimmt dich mit ins Kittchen!“

Ambrocker Wünsche

Ihre eigenen Sorgen hatten die Bewohner des Stadtteils Ambrock. Aus dem früher abgeschiedenen Winkel war nicht zuletzt auf Grund der dortigen Steinbrüche ein industriereicher Vorort mit weiter anhaltendem Zuzug geworden. Zwar hatte die Stadt Hagen dem in der Vergangenheit durch den Ausbau des Bahnhofs Ambrock und des Hamperbachwegs in gewisser Weise Rechnung getragen. Doch gab es in dem ganzen Vorort keine Straßenbeleuchtung. Das machte vor allem das Begehen und Überqueren der Landstraße (Volmetalstraße) in der Dämmerung und insbesondere der Dunkelheit für Fußgänger lebensgefährlich, wie auch in der Lokalpresse kritisiert wurde. Wie wichtig die Straßenbeleuchtung dort war, zeigte ein Vorfall, der sich zu Beginn des Monats im Bahnhof Ambrock ereignete. Eines Abends gegen 10 Uhr stahl ein Mann die Stationskasse. Der Dieb wurde jedoch entdeckt und verfolgt, konnte jedoch in der Dunkelheit mit seiner Beute entkommen. Auch der Zustand der Volmetalchaussee Ambrock verursachte den Bewohnern Ärger, einmal wegen der vielen Schlaglöcher und zum anderen auf Grund des vor allem durch den zunehmenden Autoverkehr aufgewirbelten Staubs. Die Bewohner wünschten daher, dass der städtische Sprengwagen die dortige Landstraße öfters mal befahre, da die Straßenbesprengung in diesem Teil der Stadt „am allernotwendigsten“ sei. Außerdem sollte dort der Autoverkehr in der Weise geregelt werden, dass Ambrock als geschlossene Ortschaft eingestuft werde und Automobile hier dann langsamer fahren müssten.

Ein weiterer dringender Wunsch der Bewohner von Ambrock war die Einrichtung einer (evangelischen) Schule am Ort, damit die etwa 50 schulpflichtigen Schulkinder nicht mehr jeden Tag viermal den jeweils einstündigen Schulweg zurücklegen müssten, der wegen der schlechten Straßenverhältnisse beschwerlich und auf Grund des Automobilverkehrs auch noch gefährlich sei. Außerdem wünschten sie eine Durchführung der elektrischen Straßenbahn bis Ambrock.

Forsetzung folgt.

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