Alle gucken, keiner hilft – Hagenerin ist beschämt

Hagen. (san) Es ist der zweite Tag nach dem Weihnachtsfest, die City ist rappelvoll – viele Menschen haben frei, etliche tauschen ihr Geldgeschenk in Handfestes um, die ersten Schnäppchen sind zu machen.
Mittendrin, am Sparkassen-­Karree, liegt ein Mann auf einer Bank. Wahrscheinlich angetrunken, die Bierflasche vor ihm lässt es erahnen.
Nicht nur die Hagenerin Heidi N. registriert ihn. „Er wird von vielen Passanten regelrecht angestarrt,“ beobachtet sie.
Hilfe erforderlich?
Mittlerweile ist es später Nachmittag, es dämmert längst und es wird kälter. Braucht der Mann Hilfe? Soll man ihn wecken, damit er sich ins Warme begibt, damit er nicht schutzlos bleibt? Heidi N., die im Rollstuhl sitzt, wundert sich. „Auch die Busfahrer, die genau davor aussteigen, um sich die Beine zu vetrteten, schauen nur teilnahmslos hin.“
Keine Unterstützung
Sollte der Fremde auf der Bank bei Ansprache aggressiv reagieren, ist sie mit ihrem Rollstuhl nicht wendig genug. Aber ihren Blicken nach Hilfe wird bewusst ausgewichen, so scheint es der Hagenerin. Schließlich nimmt sie ihr Handy und tippt die 110. Die Frau möchte diesen Mann nicht einfach seinem Schicksal überlassen, ist sie doch selbst durch die Unwegsamkeiten für Rollstuhlfahrer in der Stadt oft auf fremde Hilfe angewiesen.
Als die Streife rund zehn Minuten später eintrifft, ist nicht nur sie selbst bereits – beruhigt – nach Hause unterwegs, auch der Schlafende ist nicht mehr vor Ort. Ein Zeichen, dass wohl keine Notlage vorlag.
Erst neulich verweigerten Kunden einem Hilflosen in einem Essener Bankschalterraum ihre Unterstützung – der Mann starb. Jüngst zündeten junge Männer gar die Kleidung eines Obdachlosen an. Nur das beherzte Eingreifen einiger Bürger verhinderte das Schlimmste.
Das rät die Polizei
„Leider ist die Hilfsbereitschaft in der Regel um so geringer, je ungepflegter ein Betroffner erscheint,“ weiß die Hagener Polizei. Doch welches Verhalten ist denn nun richtig?
Trifft man auf eine hilflose Person, dann solle man sie durchaus ansprechen und nach dem Befinden fragen. Kann die Siutuation nicht eingeschätzt werden, ist es ratsam, weitere Passanten zu bitten, dies gemeinsam zu tun.
„Stellt sich eine medizinische Notlage heraus, dann zögern Sie nicht, den Rettungsdienst zu rufen,“ ist der Rat aus dem Hagener Polziepräsidium. „Bei allen anderen Schwierigkeiten schicken wir natürlich auch unsere Streifen.“
Heidi N. hat alles richtig gemacht. Vielleicht wäre das Ausrücken der Polizei gar nicht nötig gewesen, hätten sich ihr ein oder zwei andere Stadtbesucher zur Seite gestellt. „Was bleibt, ist meine Enttäuschung über das für mich beschämende Nichtstun so vieler Mitbüger,“ resümiert die Hagenerin.