Alles Migranten

Sylvia ist zutiefst getroffen. Mit ihrem Abteilungsleiter spricht sie kein Wort mehr. Erstmal jedenfalls. Der hat sie da getroffen, wo es ihr richtig weh tut. „Migrantin“ hat der sie genannt. Sie sei ja schließlich auch eine, eine Migrantin nämlich, hat der gesagt.

Und als sie empört nach Luft schnappte und in ihrem deutlichsten Bayrisch heftig widersprechen wollte, hat er trocken erwidert: Sie sei eben das, was man gemeinhin eine „Binnen-Migrantin“ nenne. Sie sei schließlich auch der Arbeit wegen von Süden nach Norden gezogen. So finge die Migration nämlich schon an.

Er selbst lebt in dritter Generation hier in unserer Gegend. Sein Großvater mütterlicherseits ist von der Mosel hergezogen. Dessen Vorfahren wiederum waren französische Hugenotten. Der andere Großvater ist zwar ein uneheliches Kind einer Sauerländerin gewesen. Gerüchte wollen ihm aber am liebsten einen italienischen Straßenarbeiter als Vater andichten. Nun wer weiß und wen kümmert es heute.

Und überhaupt: Kürzlich hat man ihn, den Enkel, sogar für einen Türken gehalten – und das bei den blauen Augen!

Kinderreich war dieser südländisch anmutende Großvater. Bei acht Kindern gibt es heute reichlich Nachkommen.Einer seiner Söhne lernte im Urlaub eine Griechin kennen und heiratete sie.

Mittlerweile führt das Paar eine Pension im sonnigen Griechenland. Die Tochter wiederum wollte eigentlich in Deutschland bleiben. Doch das Schicksal bestimmte es anders. Stattdessen lebt sie nun als Hausfrau und Mutter im Süden Italiens. Wenn ihre gesamte Familie zusammenkommt, sind drei bis vier Sprachen im Spiel: Italienisch sprechen die Jüngsten am liebsten, Deutsch und Italienisch die neapolitanischen Eltern, nur Deutsch der Opa, lieber Griechisch die Oma. Und ohne  Englisch gehe es nicht, wenn auch noch Omas Bruder komme. Denn der ausgewanderte Apotheker reise gelegentlich gern aus Kanada an.

Tja, so ist das heute in Europa: Alles Migranten, nichts als Migranten.

Schönen Sonntag.