Als das Ruhrtal versank

Idylle pur. In diesem Jahr wird das 100-jährige Bestehen der Möhne-Staumauer gefeiert. Doch das gilt nur für einige Teile der Staumauer. Am 17. Mai 2013 jährt sich der Tag zum 70. Mal, an dem die Möhne bombardiert wurde. Der Tag, an dem das Ruhrtal versank. (Foto: Möhne Tourismus)

Von Fritz-Günter Held

Schwerte. Es war ein Tag, der die Schrecken des Krieges von den Schlachtfeldern direkt zu uns in die Heimat katapultiert hatte: Es war der 17. Mai 1943, als britische Bomben auf den Staudamm der Möhnetalsperre fielen und weite Teile des Ruhrtals verwüsteten. Die Zerstörung der bis zum höchsten Punkt gefüllten Talsperre forderte weit über tausend Menschenleben: 1.294 Tote und Vermisste wurden gezählt. Davon 800 Tote im Lager der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oberhalb Neheim. An den Tag, der sich nun zum 70. Mal jährt, erinnert der Schwerter Pfarrer im Ruhestand Fritz-Günter Held. In mehreren Beiträgen für den wochenkurier berichtet er von nationalsozialistischer, aber auch alliierter Propaganda, von Schrecken und Leid der Menschen im Ruhrtal und dem langsamen Wiederaufbau.

Am 17. Mai 2013 jährt sich zum 70. Mal die Bombardierung des Möhnestaudammes mit ihren damals verheerenden Folgen für das ganze Ruhrtal.

Nach der Bombardierung der Möhnetalsperre schilderten die Männer der englischen Bomberbesatzung ihr Erleben. Pilot Dave Shannon berichtete: „Wir konnten den Wassersturz aus der Möhnetalsperre ganz deutlich sehen, es war ein phantastischer Anblick. Es ist fast unmöglich, die Gefühle zu beschreiben, die der Erfolg in uns auslöste. Ein starker Wasserstrom stürzte durch die Möhnemauer. Wir sahen das Wasser auf dem Land weiterrollen, sich verstärken und an Geschwindigkeit zunehmend alles mit sich reißen.“ Staffelkapitän Guy Gibson beschrieb das Auslösen der Möhne-Katastrophe mit den Worten: „Deutlich war das über dreißig Meter breite Loch in der Mauer zu erkennen, durch welches das Wasser im Mondschein auslief wie gekochte Hafergrütze … Dann begannen wir über Funk wie die Verrückten vor Freude zu schreien. Es war ein erschütternder Anblick, ein Schauspiel, wie es niemand mehr erleben sollte! … Für einen Moment saß ich entspannt und unwirklich im warmen Cockpit meiner Lancaster, und ich schaute auf diese gewaltige Kraft, die wir losgelassen hatten und die nun in das Herz des Ruhrgebietes vordrang.“

„Nach mir die Sintflut“

Mit der Zerstörung von Möhnedamm und Ederdamm hatten die Bomberbesatzungen Großes geleistet, fand der Erfinder der Rollbombe Barnes Wallis. Begeistert waren auch der englische König George VI. und die englische Königin. Sie verliehen der Bomber-Staffel beim festlichen Empfang im Buckingham Palace am 22. Juni 1943 das neue, von den Bomberbesatzungen gewünschte Emblem mit der geborstenen Staumauer und der in Französisch gehaltenen Unterschrift: „Nach mir die Sintflut“.

Wie eine Sintflut war die Flutwelle über die Bewohnerinnen und Bewohner des Ruhrtals hereingebrochen, über Menschen und Tiere, über Frauen und Kinder, über alte Menschen in ihren Betten, über vom Tanzen heimgekehrte Jugendliche, über festgehaltene Kriegsgefangene, über zusammengepferchte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Goebbels trug in sein Tagebuch ein: „Es werden zuerst sehr dramatische Berichte von den betroffenen Gauen durchgegeben; die Auswirkungen der Angriffe stellen sich dann aber im Laufe des Tages als nicht ganz so verheerend heraus. … Die Amerikaner und Engländer machen natürlich aus der Überschwemmung eines großen Teil der Umgebung der Talsperren die tollste Sensation, die man sich überhaupt nur denken kann. Die Totenzahlen sind gottseidank nicht so hoch, wie wir anfangs befürchtet hatten.“

Und der Nazi-Rundfunk meldete: „Es wurden zwei Talsperren beschädigt und durch den eintretenden Wassersturz schwere Verluste unter der Zivilbevölkerung hervorgerufen. Acht der angreifenden Flugzeuge wurden abgeschossen … Schnelle deutsche Kampfflugzeuge griffen in der Nacht zum 17. Mai mehrere Stunden hindurch militärisch wichtige Einzelziele im Raum von London mit Bomben schweren Kalibers an.“

Das (Ver-)Schweigen der Nazis

In der wegen Ausfall der Stromversorgung erst am 19. Mai erscheinenden Schwerter Zeitung wurde lediglich auf der letzten Seite der Wehrmachtsbericht vom 17. Mai nachgeliefert und in einer Notiz vom Deutschen Nachrichten-Büro DNB auf Treffer an der Staumauer durch feindliche Flieger und „sehr erhebliche Schäden“ in einem Teil des Ruhrtals hingewiesen. Die Todesanzeige der Schwerterin Auguste Grewe durfte nicht einmal die Nennung ihrer Adresse in der Mühlenstrasse enthalten. Die Anzeige musste sehr allgemein eingeleitet werden: „Ganz plötzlich und unerwartet entriss uns ein tragisches Geschick unsere unvergessliche, treusorgende Mutter…“

Die ausländischen Zeitungen berichteten ausführlich. Im englischen Daily Herald hieß es: „Die deutsche Flut breitet sich aus, sie dringt in die Waffenstädte vor.“ Die schweizerische Neue Zürcher Zeitung relativierte: „…die wehrwirtschaftlichen Schäden sind indessen verhältnismäßig leichter Natur und zum Teil in kurzer Zeit zu beheben“. In der englischen Zeitschrift Punch fand man die Überschwemmung des Ruhrtals als Karikatur mit um Hilfe schreienden Frauen und der Unterschrift: „Das (schreckliche) Lied der Ruhr!“

„Warum sind die Menschen so verrückt?“

An der Spezialbombe für die Möhnemauer war lange geforscht worden. In aufwändigen Versuchsreihen wurden die technischen Probleme gelöst. Mit kindlicher Freude sah man am Ende eine riesige Rollbombe wie einen Kieselstein über das Wasser hüpfen, vor der Modellmauer absinken und mit erdbebenartigen Erschütterungen und gigantischer Gischtfontaine explodieren. Der Aufwand von viel Geld, Intelligenz, Material und Arbeitskraft hatte sich nach Meinung der Militärs gelohnt!

Anne Frank schrieb in jenen Tagen in ihr Tagebuch: „Warum gibt man jeden Tag Millionen für den Krieg aus … Warum müssen die Leute hungern, wenn in anderen Teilen der Welt die überflüssige Nahrung wegfault? Warum sind die Menschen so verrückt?“

Die Bombe sollte Wasserversorgung und Stromversorgung des Ruhrgebiets treffen. Die Rüstungsindustrie des Ruhrreviers sollte ausgeschaltet werden. Aber man gab sich nicht mit der Zerstörung der Strom- und Wasserbauwerke zufrieden. Es war ehrgeiziges Ziel des Bombenkonstrukteurs Barnes Wallis und der beteiligten Militärs, die Staumauer bei größter Füllhöhe zu zerstören. Unter höchstem personellen und finanziellen Aufwand wurde dieses Ziel erreicht. Die Talsperre wurde bei voller Füllhöhe, bei höchstmöglichem Wasserstand zerstört. Die geheime Kriegsoperation trug den Namen „Züchtigung“.

Fortsetzung folgt …