Als Hagen beinahe zum „Mekka“ für Elektroautos geworden wäre

Der Hagener Accumulatoren-Fabrikant Adolph Müller versuchte vor 100 Jahren Elektroautos zu verkaufen. Die Post und die Hagener Gas- und Wasserwerke (Foto) gehörten beispielsweise vor dem Ersten Weltkrieg zu den Unternehmen, die Batterie-LKW nutzten. (Foto: Heimatbund)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Alle Welt redet von Elektroautos. In Hagen wurde schon vor 120 Jahren der Bau solcher Fahrzeuge in Angriff genommen: Von der am 27. Dezember 1887 gegründeten „Accumulatoren-Fabrik Tudorschen Systems Büsche & Müller“, der späteren AFA, die ab 1962 als Varta auftrat.

Der Hagener Fabrikant Adolph Müller – der bedeutendste deutsche Accumulatoren-Pionier seiner Zeit. (Abbildung: Hagener Heimatbund, nach einer Zeichnung von A.A.E. Müller)

Unternehmensgründer war Adolph Müller. Er hatte erkannt, dass „Akkus“ (Accumulatoren) für die weitere Industrialisierung wichtig werden könnten. Unterstützt von Kommerzienrat Wilhelm Post und von Geldgebern aus dem engsten Freundeskreis (wozu unter anderem der Bankier Ernst Osthaus gehörte), gründete Müller zusammen mit Paul Büsche sein damals völlig neuartiges Unternehmen. Dazu erwarb er von dem Fabrikanten Hermann Harkort ein altes Hammerwerk in Wehringhausen – den „Diecker Hammer“ – und ließ es umrüsten.

Großer Erfolg

Vor ziemlich genau 125 Jahren begann er an der Ennepe – als erster in Deutschland – mit der industriellen Fertigung von Bleiaccumulatoren. Mit neun Monteuren, 40 Arbeitern und Angestellten startete der Betrieb. Die Konstruktion der Accumulatoren basierte auf einer Idee von Henri Owen Tudor, einem Ingenieur aus Luxemburg. Der Verkauf von immerhin 80 Anlagen ließ das Unternehmen sogleich – also noch 1888 – zu einem großen Erfolg werden. Die TH Hannover empfahl die Accumulatoren für Beleuchtungsanlagen als unübertroffen.

Um der Konkurrenz der beiden Elektro-Giganten Siemens und AEG zu entgehen, die ebenfalls die Produktion von Bleiaccumulatoren aufgenommen hatten, strebte Adolph Müller eine Kooperation mit ihnen an. Nach Abschluss der Verhandlungen wurde unter Kapitalbeteiligung der beiden Konzerne und unter Mitwirkung der Deutschen Bank das Unternehmen am 1. Januar 1890 in die „Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft“ (Abkürzung AFA) umgewandelt. So verwundert es nicht, dass sich die Hagener AFA in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem der weltweit führenden Accu-Hersteller entwickelte.

Faszination und Skepsis

1893 besuchte Adolph Müller erstmals Amerika – und sah hier ein Fahrzeug, das ihn sofort faszinierte: ein Elektroauto. Solche Mobile – darüber war sich Müller sofort im Klaren – benötigten genau das, was er in Hagen produzierte: Accumulatoren. Geschäftstüchtig und weitblickend wie der AFA-Chef nun mal war, glaubte er, den großen „Reibach“ vor Augen zu haben. Rasch erwarb er eines dieser E-Autos, einen Baker-Runabout, ließ es nach Deutschland verschiffen und versuchte, hiesige Fahrzeug-Hersteller zur Mitarbeit zu bewegen. Doch Müller stieß in der Heimat auf viel Skepsis.

Auf mehr Skepsis, als ihm lieb sein konnte. Ralf Stremmel vom Westfälischen Wirtschaftsarchiv: „Müller verstand das nicht, zumal er in den kommenden Jahren in den USA zu sehen glaubte, wie das Elektroauto dort seinen Siegeszug antrat. 1900 kamen in den Vereinigten Staaten über 4.000 neue Kraftfahrzeuge auf den Markt, davon 38 Prozent Elektromobile.“

Als Müller trotz aller Bemühungen keinen deutschen Kooperationspartner finden konnte, beschloss er kurzerhand, mit seiner AFA selbst in die Wagenproduktion einzusteigen. Stremmel: „Um die 15 km/h schnell waren diese Vehikel, für Zeitgenossen eine enorme Geschwindigkeit. Doch die Versuche der AFA scheiterten, ihre Autos konnten sich wegen technischer Mängel nicht durchsetzen.“

1895 stattete Adolph Müller die zuvor als „Pferdebahnen“ betriebenen Hagener Straßenbahn mit Accumulatoren aus. Doch die „Accu-Bahnen“ waren nur wenige Jahre unterwegs – bereits 1903 wurde an der Volme endgültig auf Oberleitungsbetrieb umgestellt. Unser Foto zeigt zwei „Accu-Bahnen“ in der Mittelstraße. (Foto: Hagener Heimatbund)

Neue Versuche

Müller ließ dennoch nicht locker. In Zusammenarbeit mit der in Philadelphia beheimateten Electric Storage Battery Co. (ESB) entwickelte die AFA gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine deutlich leichtere und somit für Elektroautos erheblich besser geeignete Bleibatterie. Diese Bemühungen flossen 1904 in die Gründung einer eigenen AFA-Automobilabteilung ein, allerdings nicht in Hagen, sondern am Standort des Zweigwerks in Berlin. Stremmel: „Zwei Jahre später waren in der Hauptstadt etwa 70 Automobile, meist Droschken, mit Batterien der AFA unterwegs.“

Müller witterte erneut das große Geschäft. Er glaubte, nur das Elektromobil könne den Verkehr in einer Weltstadt auf Dauer beherrschen. Der Hagener Fabrikant legte deshalb Ladestationen an, gewährte Garantien und lockte mit Wartungsverträgen. Doch der Pionier hatte sich erneut verrechnet. Das Geschäft ging nicht auf. „Die Elektrodroschken hielten dem Dauereinsatz im Alltag nicht stand,“ weiß Wirtschaftsforscher Ralf Stremmel. Erfolgreich war Müller lediglich im Nutzfahrzeug-Segment – die Post, die Berliner Müllabfuhr, die Hagener Gas- und Wasserwerke und das Schwelmer Eisenwerk gehörten beispielsweise vor dem Ersten Weltkrieg zu den Unternehmen, die LKW mit dem AFA-Batterieantrieb nutzten.

Alles vergeblich

„Alles,“ resümiert Stremmel, „war vergeblich. Die Vorteile des Elektroautos – stinkt nicht, lärmt nicht, bedienungsfreundlich – traten hinter den Nachteilen zurück: zu schwer, zu langsam, zu geringe Reichweite.“ Gegenüber den „Benzinern“ hatten die E-Mobile letztendlich keine Chance. Bis heute nicht. Es gibt lediglich Nischen, in denen sich Elektroautos über all die Jahrzehnte hinweg behauptet haben – etwa bei den Gabelstaplern oder lange Zeit bei den Paketpostkarren auf den Bahnhöfen.

Gescheitert ist Müller auch mit dem Versuch, ins Geschäft mit dem öffentlichen Personennahverkehr einzusteigen: 1895 stattete er in Hagen die zuvor als „Pferdebahnen“ betriebenen Straßenbahnen mit Accumulatoren aus. Doch die „Accu-Bahnen“ waren nur wenige Jahre in den Tälern von Volme und Ennepe unterwegs – bereits 1903 wurde endgültig auf Oberleitungsbetrieb umgestellt. Müller musste sich als Pionier auch aus dieser Branche verabschieden. Gestorben ist der aus dem Waldeckschen stammende „Zuwanderer“ übrigens 1928 in Berlin.

Quellen:

  • Ralf Stremmel: „Das Elektroauto zwischen Traum und Wirklichkeit“, in: Westfalen und die Welt – drei Jahrhunderte Geschichte in Bildern und Dokumenten aus dem Westfälischen Wirtschaftsarchiv, Münster 2002, S. 134-137.
  • Wilfried Reininghaus: „Müller, Adolph, Akkumulatorenfabrikant“, in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 342-343.
  • Hagener Heimatbund (Hg.): „Wehringhausen – Landschaft, Geschichte, Menschen“, Hagen 1979.
  • „25 Jahre Accumulatoren-Fabrik AG, 1888-1913“, 1913.