Als Hagen den Hang „bestieg“

Erst im Jahr 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg, erfolgte die Grundsteinlegung des Landgerichts. Aufgrund der kriegsbedingt notwendigen Unterbrechungen und auch wegen enormer Schwierigkeiten mit dem Baugrund dauerte die Vollendung des Gefängnisses bis 1922 und des eigentlichen Justizgebäudes bis zum November 1925. (Foto: Michael Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Als die Stadt Hagen zwischen 1885 und 1900 ihre Einwohnerzahl fast verdoppelte (von 29.600 auf 50.600), reichte der im Talkessel der Volme/Ennepe zur Verfügung stehende Raum sehr bald nicht mehr aus – es mussten dringend Talhänge für die Wohnbebauung erschlossen werden. Das Interesse der Planer, Politiker und Bauherren galt insbesondere drei Arealen: erstens Wehringhausen (1876 eingemeindet), zweitens Altenhagen (als Ortsteil von Eckesey 1901 eingemeindet) und drittens dem schon immer zu Hagen gehörenden, topographisch eher uneinheitlichem Bereich zwischen Höing und Remberg. Dem dritten Gebiet – in dessen „Mitte“ heute das Landgerichtsgebäude steht – wollen wir uns heute in unserer „Hagen-um-1900“-Reihe widmen.

Gestartet wird unsere kleine „Besichtigungs-Tour“ am Emilienplatz. An diesem mittlerweile innenstädtischen Platz – heute ein Brennpunkt des Verkehrs – stand um 1900 so gut wie kein Gebäude. Erst zu Beginn des neuen Jahrhunderts setzte auf dem ursprünglich „Bauernweide“ genannten Gelände eine umfangreiche Bautätigkeit ein. Diese Tätigkeit fand ihre Fortsetzung auf den sich nördlich anschließenden Hängen – mit Villenkolonien im Nordwesten und Mietshäusern im Nordosten.

Ein neuer Ortsteil

Dass die Hänge und Höhen bebaut wurden, war um 1880/90 nicht selbstverständlich. Ein gewisser Wrietzner schrieb rückblickend 1912: „Eine Gleichmäßigkeit in die Bautätigkeit kommt erst in der neueren und neuesten Zeit und zwar namentlich durch die Baufirmen, die ganze Straßenviertel entstehen lassen. In der älteren Zeit, in den 1880er Jahren, wurde die Errichtung eines Wohnhauses auf einer der Höhen als ein Kuriosum angesehen. Für den Gedanken, in Gegenden, in denen man mit Kind und Kegel zwischen Gras und Heide spazieren ging, [ ], einen neuen Stadtteil erstehen zu lassen, hatten selbst spekulative Gemüter meist nur ein ungläubiges Lächeln.“

Am Landgericht zeigen sich über den Rundbogenarkaden des Eingangs drei Frauenköpfe: Unschuld (Innocentia), Gerechtigkeit (Justitia, unser Foto) und Schuld (Medusa). (Foto: Michael Eckhoff)

Dennoch: die Mitarbeiter des Bauamtes – entstanden in Hagen übrigens erst 1875, besetzt mit zunächst drei Beamten – machten sich alsbald an die Ausarbeitung eines Bebauungsplanes. Aufgrund der enorm gestiegenen Bedeutung des industriereichen Eisenbahnknotenpunkts Hagen musste diese Behörde vordringlich neue Wohngebiete schaffen. Das nördlich des heutigen Emilienplatzes gelegene Hanggebiet erschien hierfür offenbar geeigneter zu sein als beispielsweise der östlich benachbarte Kratzkopf.

Hauptstraßen

Als Hauptstraßen dienten von vornherein die in Richtung Eppenhausen (1901 eingemeindet) führende Chaussee, also die Rembergstraße (B7), sowie die auf den Ort Fley (1929 eingemeindet) ausgerichtete Fleyer Straße. Um 1910 zeigte sich zwischen den beiden Haupt-Achsen – vereinfacht beschrieben – folgendes Bild: die Straßenränder der Rembergstraße sind bis Eppenhausen beidseitig dicht bebaut. Ähnliches gilt für Fleyer Straße und Karl-Halle-Straße bis zur Gneisenaustraße sowie für die Haldener-, Lützow-, Blücher- und Arndtstraße bis zur Bülowstraße. Als Querstraßen dienen unter anderem Ascheberg- und (Eduard-)Müller-Straße, Schill- und Yorckstraße.

Um 1900 wurden in Europa zahlreiche Bauten mit Eckturm errichtet - Beispiele hierfür finden sich auch an der Fleyer- und Karl-Halle-Straße. (Foto: Michael Eckhoff)

Die noch weiter nördlich Richtung Fley gelegenen Gebietsteile östlich der oberen Fleyer Straße werden vor dem Ersten Weltkrieg zwar schon als Baugelände ins Kalkül gezogen, doch zu einer intensiveren Bautätigkeit kommt es hier vorrangig erst nach 1925, als Straßen wie die Fahrenbecke, die Goebenstraße, Bredelle, die obere Karl-Halle- und Scharnhorststraße entstehen. Dieses Viertel gehört bis heute zu den bevorzugtesten Wohnlagen Hagens, ist aber im Zusammenhang mit einer Betrachtung der Architektur der „Ära 1890/1930“ eher zu vernachlässigen. Weshalb wir ins Gerichts- und untere Fleyerviertel zurückkehren wollen.

Spiegel der Gesellschaft

Die Fassaden der Gebäude sollten nicht nur in ihrer Größe und ihrem jeweiligen Reichtum, sondern bei Mehrfamilienhäusern auch in ihrem Aufbau die soziale Stellung ihrer Bewohner spiegeln. So wurde etwa die erste Etage oder das Hochparterre meist als Bel Etage ausgebaut – mit ihren besonders hohen Decken und ihren reicheren Stuckverzierungen waren diese dem wohlhabenderen Bürgertum vorbehalten. Hingegen standen die obersten Etagen mit ihren oft nur noch lukenartig kleinen Fenstern in der Regel den Dienstboten und anderen Angehörigen der unteren sozialen Schichten als Wohnungen zur Verfügung.

Diese Aufteilung gehört natürlich längst der Vergangenheit an. Ebenso schlagen sich diverse Modernisierungen nieder. Türen, Fenster, Eckturmbekrönungen, Fassadenglättungen  – all dies machte vor dem Gerichtsviertel nicht halt. Hinzu kommt, dass auch in diesem Quartier im Zweiten Weltkrieg zahllose Bomben fielen. Trotzdem lassen sich heute noch mehrere „historische Inseln“ mit sehenswerten Bauten aus der Zeit der „um 1900/10“ finden. Betrachtenswerte Gebäude aus den 1920er Jahren sind hingegen nur spärlich zu entdecken.

Nur zwei ältere öffentliche Einrichtungen

Nostalgie-Freunde kommen im unteren Fleyerviertel auf ihre Kosten - zeigen hier doch etliche Fassaden bis heute das typische Gesicht der Zeit um 1890/1920. (Foto: Michael Eckhoff)

Öffentliche Einrichtungen bestanden um 1910 in diesem Quartier nur an zwei Stellen – erstens an der östlichen „Flanke“, das heißt: am Remberg, hier erstreckt sich der damals größte Friedhof Hagens (gegründet 1873). Und an der Fleyer Straße (oder genauer: an der Kreishausstraße) befand sich seit 1902 die Verwaltung des bis 1929 bestehenden Kreises Hagen. Dieses im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte und nach 1945 abgerissene Kreishaus zeigte sich als Bauwerk mit Details der Neo-Gotik und der Neo-Weserrenaissance. Mit der Weserrenaissance des 16. und 17. Jahrhunderts – auch Epoche Luthers, Dürers und Fuggers – verband sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts „die Vorstellung einer einzigartigen Glanzzeit des Stadtbürgertums“.

Insbesondere nach 1871 erfreute sich dieser Stil einer zunehmenden Beliebtheit. Folglich versuchten Architekten, Bauherren und Politiker bei öffentlichen Bauten häufig an die „Deutsche Renaissance“ anzuknüpfen und stattdessen die lange Zeit stark im Mittelpunkt des (Bau-)Interesses stehende Neugotik zu verdrängen. Um 1900 hat man hingegen keine Probleme mehr damit, beide Stilrichtungen zu kombinieren – das Hagener Kreishaus stand exemplarisch für diese Zeitgeist-Strömung.

Es geht aus der – nur spärlich vorhandenen – Sekundärliteratur nicht hervor, ob die Hagener Stadtplaner um 1900 über die Errichtung von Schulen, Kirchen oder über andere öffentliche Einrichtungen im Bereich der Fleyer-/Rembergstraße nachgedacht haben. Einkaufsmöglichkeiten wurden fast einzig an der Rembergstraße geschaffen. Allerdings gab es schon früh einen Straßenbahn-Anschluss – im November 1911 wurde die Strecke über die Heinitzstraße bis zur Gneisenaustraße in Betrieb genommen.

Gericht und Gefängnis

Dieses Foto präsentiert uns eine der schönsten Stadtvillen des Fleyerviertels - schade nur, dass der Eckturm heute unvollständig ist. (Foto: Michael Eckhoff)

Kurz zuvor, genauer: 1909, hatte die preußische Justizverwaltung von der Hohenlimburger Textilfabrikantenfamilie Ribbert ein unmittelbar an der Straßenbahnstrecke sowie an der Kreuzung Heinitz-/Bülowstraße gelegenes Gelände für den Neubau eines Gerichtsgebäudes erworben. Bereits 1897 gab es erste Überlegungen, die bisherigen, stark unter Raumnot leidenden zwei Hagener Justizgebäude an der Prentzel- und Hochstraße zu ergänzen oder gar durch Neubauten zu ersetzen. Doch diese Absicht scheiterte an der Kostenfrage. Auf dem schließlich erworbenen Gelände an der Heinitzstraße wollte der Staat nun ausreichende Baulichkeiten für sämtliche Justizbehörden (einschließlich Gefängnis) errichten, wobei die anfänglichen Überlegungen des Regierungsbaumeisters Vinck 1914 von einer „Umschließung“ des Gefängnistrakts ausgingen.

Die weiteren Planungen zogen sich lange hin, so dass erst im Jahr 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg, die Grundsteinlegung erfolgen konnte. Aufgrund der kriegsbedingt notwendigen Unterbrechungen und auch wegen enormer Schwierigkeiten mit dem Baugrund dauerte die Vollendung des Gefängnisses bis 1922 und des eigentlichen Justizgebäudes bis zum November 1925, wobei die Ausführung deutlich bescheidener ausfiel als 1914 beabsichtigt.

Der viergeschossige, im Innern mittlerweile stark veränderte Bau mit zwei Innenhöfen erinnert in seiner Gestaltung an eine renaissance- oder barockhafte Schlossarchitektur. Wir haben es folglich mit einem Bauwerk zu tun, das wir noch dem Historismus zuordnen müssen. Sein Haupteingang wird durch einen Dreiecksgiebel hervorgehoben. Über den Rundbogenarkaden des Eingangs zeigen sich allegorisch Unschuld (Innocentia), Gerechtigkeit (Justitia) und Schuld (Medusa). Die Fassade erhielt 2009/10 eine umfangreiche Sanierung.

(wird fortgesetzt)