Als Praktikantin im NRW-Landtag

Gevelsberg/Hagen. (zico) „In 20 Minuten spricht die Ministerpräsidentin, dann sollten unsere Fraktionsmitglieder im Plenum sein!“ Die Nachricht auf dem Handy von Professor Rainer Bovermann kommt gerade rechtzeitig. Die kleine Runde in der Düsseldorfer Landtagskantine, bestehend aus dem Hattinger SPD-Landtagsabgeordneten, seinem Kollegen Hubertus Kramer und Praktikantin Claudia Werner, ist mit dem Essen fertig.

Scharfer Ton

Kurz darauf haben die beiden Volksvertreter von Ennepe und Ruhr ihre Plätze im Parlament eingenommen, und Claudia Werner sitzt zwei Etagen darüber auf den gut gefüllten Besucherrängen. Im Unterschied zu den anderen Gästen ist die 22-Jährige über den scharfen Ton, den Hannelore Kraft wenige Tage nach der Bundestagswahl gegenüber der Opposition anschlägt, nicht überrascht. Seit vier Wochen weiß die selbstbewusste junge Frau, die an der Stadtgrenze zwischen Gevelsberg und Hagen wohnt, genau darüber Bescheid, was hinter den Kulissen der nordrhein-westfälischen SPD-Fraktion läuft. Denn sie absolviert ein Praktikum beim Abgeordneten Kramer, der bekanntlich den südlichen Teil des EN-Kreises und einen Teil Hagens als direkt gewählter Abgeordneter vertritt.

„Ich interessiere mich besonders für die Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik – in diesem Bereich möchte ich später einmal arbeiten“, begründet die Studentin der Wirtschafts- und Politikwissenschaften an der Bergischen Uni zu Wuppertal ihr Interesse an der Arbeit eines Landtagsabgeordneten. Weil Hubertus Kramer der Abgeordnete in jenem Wahlkreis ist, in dem sie wohnt, hatte sie ihre Bewerbungsunterlagen an den 53-Jährigen Gevelsberger Sozialdemokraten geschickt. Um prompt angenommen zu werden. „Ich arbeite gern mit jungen Leuten zusammen“, sagt Kramer, der sich regelmäßig von Praktikanten über die Schulter blicken lässt. Und zwar so, dass die Schüler oder Studenten auch etwas davon haben. Sie werden voll ins Geschehen einbezogen.

Spannende Begegnungen

So begleitet Claudia Werner den Abgeordneten in der Zeit ihrer ehrenamtlichen Beschäftigung auf Schritt und Tritt – sowohl bei den Terminen im Wahlkreis als auch in Düsseldorf. „Da sind sehr spannende Begegnungen dabei, etwa mit Innenminister Ralf Jäger, der im Ennepe-Ruhr-Kreis in Sachen Ehrenamt unterwegs war und dabei unter anderem bei der Feuerwehr in Gevelsberg Station gemacht hat“, plaudert die Studentin aus der Praxis. Auch der erste Spatenstich zur neuen Brücke für die A45 über das Lennetal in Hagen, zu dem Minister Michael Groschek und der Parlamentarische Staatssekretär Rainer Bomba anreisten, zählt zu den Höhepunkten ihres Praktikums.

Die Absolventin des Christian-Rohlfs-Gymnasiums, die im kommenden März ihr Studium abschließen möchte, leistet aber auch inhaltliche Arbeit. So stellte sie für Hubertus Kramer umfangreiche Materialien für den Unterausschuss Klimaschutz zusammen, in dem Kramer als Mitglied des kommunalpolitischen Ausschusses des Landtages die Belange der Kommunen vertritt. „Spannend war auch meine Teilnahme an der Sitzung der SPD-Fraktion, als es um den Polizeieinsatz beim Fußballspiel zwischen Schalke 04 und Saloniki ging“, berichtet die junge Frau. Das Ergebnis der Beratungen ließ anschließend den Blätterwald rauschen: Ralf Jäger zog zwischenzeitlich die Polizei aus dem Schalker Stadion ab; mittlerweile aber haben sich der Fußballverein und das Innenministerium wieder auf eine respektvolle Zusammenarbeit verständigt.

Viel Stress

Und selbst Politik machen? „Nein, das ist nichts für mich, dafür bin ich nicht der Typ“, meint Claudia Werner: „Ich interessiere mich mehr für den wissenschaftlichen Bereich und würde zum Beispiel gern als Referentin arbeiten. In diesem Bereich gibt es mehr Stellen, als ich vor meinem Praktikum dachte.“ Gestiegen sind in ihrem Ansehen auch die Abgeordneten: „Ich hätte nicht gedacht, wie intensiv sich Politiker mit den Anliegen der Menschen in beschäftigen. Das habe ich nun vor allem bei den vielen Terminen im Wahlkreis mitbekommen. Und kaum einer weiß auch, dass die Plenardebatten nicht selten von morgens 10 Uhr bis abends 22 Uhr dauern. Das ist schon eine Menge Stress.“

Hubertus Kramer gibt das Kompliment zurück: „Frau Werner ist sehr interessiert an allen Abläufen und lässt sich auch die physische Belastung an langen Sitzungstagen nicht anmerken.“ Der SPD-Politiker ist überzeugt davon, dass die Studentin ihren Weg machen wird, wenn sie nach dem Studium ihre Laufbahn fortsetzt und im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Politik ihre berufliche Zukunft sucht. Und vielleicht begegnen sich der Abgeordnete und die dann ehemalige Praktikantin sich ja schon bald im Düsseldorfer Landtag wieder – qualifizierte, engagierte Mitarbeiter wie Claudia Werner sind dort nämlich sehr gefragt…