„Angst? Keine Panik!“

Angst und Depressionen quälen manche Menschen so sehr, dass sie am normalen Leben nicht mehr teilnehmen können. Oftmals sind sie nicht mehr in der Lage, ihre Wohnung zu verlassen. (Foto: Sandra Preuß)

Hagen. (tau) Plötzlich ist sie da, die Angst. Kriecht dir den Nacken hoch, fährt dir durch den ganzen Körper und lähmt dich. Du zitterst, du schwitzt, dein Herz rast, deine Sinne vernebeln sich. „Ich sterbe!“ denkst du und hast nur ein Ziel: „Ich muss weg von hier!“

Die Angst kommt plötzlich. Nach einem Todesfall, einer Trennung, nach dem Verlust des Arbeitsplatzes erleben viele Menschen erstmals eine ungeahnte Panik, die ihr Leben völlig verändert. Für viele auch scheinbar grundlos, fühlen sie sich auf einmal gefangen von einer unbestimmten Zukunftsangst, einer tiefen Furcht, beim Partner oder im Job zu versagen. Ganz alltägliche Dinge wie Gespräche mit dem Nachbarn oder im schlimmsten Fall das Verlassen der Wohnung „gehen“ irgend wann nicht mehr. Sie werden fast als lebensbedrohlich empfunden, ohne dass es dafür eine „logische“ Erklärung gibt.

Seit genau zehn Jahren finden Menschen mit solchen Störungen eine Anlaufstelle bei der Hagener Angstselbsthilfegruppe. „Nachwuchssorgen kennen wir nicht“, berichtet ein langjähriges Mitglied. „Wir bekommen viele Kontaktanfragen.“ Immer härter werdende Arbeitsbedingungen, Depressionen – ein großes Thema – und die wachsenden Anforderungen, die die Gesellschaft an ein „funktionierendes“ Mitglied stellt, überfordert immer mehr Menschen.

Bestimmte Orte meiden

Ursprünglich wurde die Selbsthilfegruppe für „Agoraphobiker“ gegründet. Für Menschen also, die eine Angst beziehungsweise ein starkes Unwohlsein an bestimmten Orten empfinden und sie aus diesem Grunde meiden: Supermärkte zum Beispiel, aber auch Reisen alleine mit dem Zug oder Fahrten über die Autobahn. Mittlerweile versammeln sich einmal wöchentlich im Eilper Schultenhof an der Selbecker Straße Betroffene – Männer wie Frauen gleichermaßen -, die verschiedenste Formen der Furcht und Depressionen quält.

Angst und Depressionen

Mit der Zeit der Jahre hat sich die Zielgruppe verändert. Angststörungen, so zeigt die Erfahrung, treten immer häufiger in Verbindung mit Depressionen und Sozialphobie, also Kontaktscheu vor anderen Menschen, auf. Nicht wenige flüchten sich in Alkohol oder Medikamente, um ihre Gefühle zu betäuben und vermeintlich „in den Griff“ zu bekommen. Der Missbrauch tritt in den Vordergrund, die darunter liegenden Ursachen bleiben oftmals unerkannt. Viele Betroffenen sind aufgrund ihrer Erkrankung irgendwann nicht mehr arbeitsfähig.

Gerade für die wachsende Zahl der Sozialphobiker ist das Internet mittlerweile zum bequemen Ausweichmedium geworden, weil sie (nur noch) dort in anonymer Sicherheit leben und sich mitteilen können. Die Dunkelziffer derer, die sich gar nicht mehr oder nur noch mit größter Anstrengung aus dem Haus wagen, ist hoch. Jedoch gibt es für sie, wie für jeden anderen Angstpatienten, keinen anderen Weg als den mutigen Schritt nach draußen zu wagen, wenn sie aus ihrem Teufelskreislauf ausbrechen wollen.

Wille ist wichtig

„Der Wille zur Veränderung muss da sein!“ berichtet ein Gruppenmitglied aus eigener Erfahrung. „Nur wer sich seinem Problem stellt, kann Stärkung und ein Feedback von außen bekommen, das Unterstützung fürs Leben bietet.“ Eine erste Kontaktaufnahme zur Selbsthilfegruppe über das Telefon ist üblich und sogar wünschenswert.

Jeden Donnerstag ab 18 Uhr versammeln sich im Schultenhof Betroffene aus dem gesamten Stadtgebiet. Sie tauschen ihre persönlichen Geschichten und Erlebnisse aus, auch Themen wie Therapiemöglichkeiten, -erfahrungen oder Medikamente werden besprochen. Dabei ist eins ganz wichtig: Niemand muss von sich erzählen, kann auch einfach nur dabei sitzen. Es gibt keinen Druck. Die Gruppe bietet einen Schonraum, und kein gesprochenes Wort dringt nach außen. Nur so ist Offenheit möglich – und sie wird meist sehr schnell als Chance genutzt. Bei den meisten Neuen sprudelt förmlich alles sofort heraus.

Dennoch werden nicht nur Sorgen besprochen. Auch gemeinsame Spaziergänge, Tanzen oder Grillabende gehören zu den Aktivitäten. Für viele sind diese Treffen einfach nur wohltuende Stunden unter ihresgleichen.

„Darüber hinaus“, berichtet ein Mitglied, „reden wir grundsätzlich in der Ich-Form. Hier werden keine guten Ratschläge erteilt. Jeder erzählt aus seiner Betroffenheit statt dem anderen zu sagen ,Du musst dies tun und das lassen’ oder gar ,Stell dich nicht so an’ und ,Reiß dich zusammen’. Jeder kann so für sich Lösungsansätze raussuchen, hat also die freie Wahl, erfährt aber keinen Zwang.“

Sich „normal“ fühlen

Zehn Jahre, viele Schicksale. Mancher kam eine Weile zu den Treffen, blieb plötzlich ohne Erklärung fort, andere entwickelten eine neue Stärke und brauchten die Gruppe nicht mehr. Freundschaften haben sich gebildet, viele kommen nach einer Weile auch wieder vorbei. Weil man sich hier „normal“ fühlt, weil die Stimmung gut ist, weil man anderen Mut machen möchte, wenn man es „geschafft“ hat. Eins ist allerdings klar: Eine Therapie kann und will die Selbsthilfegruppe nicht ersetzen. Vielmehr ergänzt sich beides miteinander.

„Angst? Keine Panik“ lautet das Motto der Gruppe. Wer dies zu seinem Lebensleitspruch machen und zu einem Treffen kommen möchte, findet Infos unter www.angstselbsthilfe.org oder kann sich unter Telefon 181-516 melden.

Das Durchschnittsalter der Gruppenmitglieder liegt bei 40 Jahren, für jüngere Menschen gibt es seit einiger Zeit eine Selbsthilfegruppe in Hohenlimburg, die ebenfalls gut angenommen wird. Kontakt und Infos hierzu gibt es ebenfalls unter Telefon 0 23 31 / 18 15 16.