Anwohnerin plant Rathaus-Galerie-Dokumentation

Die Baustelle im Blick: Hiltrud Spannaus verfolgt die Bauarbeiten zur neuen Rathaus-Galerie quasi aus der ersten Reihe. Sie wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft. (Foto: A. Schneider)

Hagen. (as) Oft steht Hiltrud Spannaus vor ihrem Schlafzimmer- oder ihrem Flurfenster und schaut hoch zu einem der mächtigen Kräne. Menschen klettern auf den Streben herum. „Was die von dort oben wohl sehen?“ fragt sich die Hagenerin. Ihr selbst hat die Entscheidung, die Rathaus-Galerie in der Hagener Innenstadt zu bauen, auf jeden Fall eine andere Sicht auf die Dinge beschert. Denn sie ist Anwohnerin. Genauer: Sie lebt in der Dahlenkampstraße 3. Bis vor kurzem guckte sie vor die Rückfront des Sinn-Gebäudes. Die Abbrucharbeiten haben ihr freie Sicht in die Elberfelder Straße und Fernsicht bis zur Philippshöhe beschert. „Spannend“, sagt sie. „Alles, was hier geschieht, ist mächtig spannend.“

Früher schaute Hiltrud Spannaus auf die hintere Fassade von Sinn. Jetzt kann die Anwohnerin den Blick bis zur Philippshöhe schweifen lassen – und natürlich auf die gewaltigen Kräne vor ihren Fenstern. (Foto: A. Schneider)

Seit 40 Jahren lebt Hiltrud Spannaus in dem Haus in der Dahlenkampstraße. Seit 20 Jahren in ihrer Wohnung im vierten Obergeschoss. Nun erlebt sie die gewaltigen Veränderungen der Hagener Innenstadt quasi vor der Haustür. Abbrucharbeiten, Staubnebel, das Dröhnen von Bohrgeräten, Bagger und Lastwagen. Ob sie jemals ans Um- oder Ausziehen gedacht hat? An eine andere Wohnung? Hiltrud Spannaus lacht: „Ja, sicher“, sagt sie. „Viele Jahre. Die Treppen nach oben sind schon sehr beschwerlich.“ Doch mit dem Einsatz des ersten Abbruchbaggers waren sämtliche Gedanken an ein neues Domizil Vergangenheit. Staunend verfolgt sie die Bauarbeiten unter ihrem Schlafzimmer- beziehungsweise Flurfenster. Mit der Kamera hält sie die Veränderungen fest. Hunderte Fotos sind bereits entstanden – von Greifarmen, Bohrern, Arbeitern, die Schläuche über den Boden zerren, und von den Bemühungen, die immensen Staubentwicklungen mit Wasser einzudämmen. Einen Kalender möchte sie mit ihren Bildern bestücken. Außerdem plant sie nun eine Foto-Dokumentation der Bauarbeiten.

Baugeräte am Klang erkennen

In den vergangenen Monaten ist Hiltrud Spannaus zur Expertin für Riesenbaustellen geworden. Auch zur Expertin für die Geräusche der unterschiedlichen Maschinen. „Schrecklich laut“ war es in den vergangenen Monaten oft. „An manche Geräusche kann man sich aber auch gewöhnen“, erzählt die Hagenerin. An den mächtigen Erdwärmebohrer beispielsweise. Sie beschreibt, wie der Bohrkopf ein ums andere Mal aus dem Erdreich hochgehoben und geschüttelt wurde, um gleich wieder im Bohrloch zu versinken. „Als er abgebaut wurde und es plötzlich ruhig war, hat mir in den ersten Stunden beinahe etwas gefehlt“, sagt sie und lacht.

Bei allem Ärger über Staub, Dreck und sogar Vibrationen am eigenen Haus während der Abbrucharbeiten: Hiltrud Spannaus genießt die Arbeiten. Und sie dokumentiert sie. Fotos gibt es beispielsweise von dem Tankwagen, der ein- oder zweimal pro Woche kommt, um die Bagger und Baugeräte mit Sprit zu versorgen. Sie lacht wieder: „Die scharen sich dann alle um den Tankwagen. Das sieht aus wie in einer Milchbar.“

„Als hätte sich das Gebäude gewehrt“

Zu Herzen gingen Hiltrud Spannaus die Abbrucharbeiten des Sinn-Gebäudes. „Meine Mutter hat früher dort gearbeitet. Als Kinder haben wir sie oft abgeholt“, sagt sie. „Zu dem Gebäude hatte ich schon allein deshalb eine besondere Beziehung.“ Ein wenig stolz hat es sie gemacht, dass der Abbruch viel länger gedauert hat als bei den anderen Häusern. „Gerade so, als hätte sich das Gebäude gewehrt.“

Bei aller Faszination. Der Abbruch und die Veränderungen schmerzen natürlich auch. Vieles, was ihr seit Kindertagen vertraut war, ist im Laufe weniger Wochen verschwunden, einfach aus dem Stadtbild radiert worden. Bekannte haben ihr von den Arbeitsplätzen erzählt, die aufgrund der Rathaus-Galerie entstehen werden. „Und wer spricht von den Menschen, die in den Gebäuden, die es jetzt nicht mehr gibt, gearbeitet und gewohnt haben?“ fragt Hiltrud Spannaus. Sie fragt sich, wie sich ihre einstigen Nachbarn gefühlt haben müssen, als sie erfuhren, dass ihre vertrauten Wohnungen wegen der Rathaus-Galerie abgerissen werden. Die Hagenerin muss schlucken.

Lärm, Schutt, Dreck – und dennoch mutet die gewaltige Baustelle manchmal unwirklich an. Gewaltige Baugeräte und Lastwagen wirken aus der Höhe von Hiltrud Spannaus’ Wohnung wie Spielzeugautos, die eine unsichtbare Hand durch die Baugrube zieht.

Mit Hochachtung beobachtet Hiltrud Spannaus die Arbeiter, die ihren unterschiedlichsten Aufgaben nachgehen. Sie hält den Atem an angesichts der Kranführer, die täglich mehrmals die schier endlosen Sprossen bis zu ihrem Führerhaus in luftiger Höhe hinauf und hinunter klettern. Bewunderung schwingt im Blick der Hagenerin mit. Aber auch Sorge. „Das sieht aus, als wären diese Männer auf dem Weg nach oben oder unten gar nicht gesichert.“ Ein bisschen Neugier ist allerdings auch dabei: „Manchmal frag ich mich schon, wie die Sicht von dort oben wohl sein mag.“

In der Nacht wird Beton geglättet

Beschaulich waren die Arbeiten in den vergangenen Wochen. Nun erleben Hiltrud Spannaus und all die anderen Anwohner mit Blick auf die Baustelle den Eintritt in die nächste Phase. Denn: Der Hochbau für die neue Rathaus-Galerie hat begonnen. Dafür müssen in den kommenden Monaten große Flächen für Fundamente und Decken betoniert werden. Schon jetzt hat die Stadt Hagen darauf hingewiesen, dass die Arbeiter dabei gelegentlich auch die Nacht zum Tage machen müssen. „Gelegentlich müssen in den Nachtstunden Betonglättarbeiten durchgeführt werden“, heißt es. Und: „Diese Arbeiten werden bis zirka 2 Uhr andauern.“

Die Belastung für die Anwohner bedeutet für Hiltrud Spannaus wieder eine Herausforderung. Im vierten Stock in der Dahlenkampstraße werden bestimmt beeindruckende Fotos von den Nachtarbeiten auf der imposanten Baustelle entstehen. Der Bilderberg für die Dokumentation wächst und wächst.