Arbeiterhaus unbedingt erhalten

Zusammen mit der Denkmalpflegerin Ina Hanemann (l.) stellten sich Hagener Besucher am Donnerstag im Riemerschmid-Haus die Frage, woher künftig das Geld für die Miete kommen soll. (Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. (ME) Im Wasserlosen Tal – genauer: an der Walddorfstraße – steht eine ungewöhnliche Häuserzeile. Kleine Bruchsteinbauten reihen sich aneinander. Was viele Menschen nicht wissen: Diese Siedlung ist ein Bestandteil der herausragenden Hagener Architektur der Osthaus-Ära. Eines der Häuschen hat sogar die Zeiten fast unverändert überdauert. Es kann auch besichtigt werden. Noch! Denn im Moment weiß niemand, wie lange dies möglich bleiben wird. Es fehlt an Geld für die Miete. Sponsoren sind deshalb dringend vonnöten.

Seit 2001 ist das Haus restauriert und als Bestandteil des Osthaus-Museums der Öffentlichkeit zugänglich. Es ermöglicht den ungewöhnlichen Einblick in die Lebenswelt einer Arbeiterfamilie um 1900. Die Haushaltsschieflage der Stadt Hagen hat nun auch die Miete für dieses Haus (circa 7.500 Euro warm im Jahr) auf die Streichliste geraten lassen, so dass der Mietvertrag gekündigt wurde. Aktuell überbrückt der Osthaus-Bund mit Zustiftungen diese Lücke – nun wird jedoch eine dauerhafte Lösung für die nächsten zehn Jahre gesucht.

Osthaus-Bund und DGB gemeinsam

Dazu haben sich Karl-Ernst-Osthaus-Bund und der DGB-Kreisverband Hagen zusammengefunden, um dieses wichtige Stück Kulturgeschichte der Öffentlichkeit zu erhalten. Denn – wie Osthaus sagt: „Der Zustand, dass Künstler in gesättigten Kulturzentren zu Hauf sitzen, während in der werdenden Fünfmillionenstadt an Rhein und Ruhr die wichtigsten Aufgaben in Stümperhänden liegen, ist altes Unrecht. Soll unsere Kultur gesunden, so muß gerade hier, wo tausend Probleme nach Gestaltung schreien, der Sinn für lebende Kunst geweckt werden.“

Im Wasserlosen Tal steht eine ungewöhnliche Häuserzeile. Kleine Bruchsteinbauten reihen sich dort aneinander. Was viele Menschen nicht wissen: Diese Siedlung ist Bestandteil der herausragenden Hagener Architektur der Osthaus-Ära. (Foto: Hagener Heimatbund)

1905 lud Karl Ernst Osthaus die Vertreter der preußischen Centralstelle für Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen nach Hagen ein – und zwar zur 14. Konferenz der Centralstelle. Es ging diesmal um das Thema „Gestaltung des Arbeiter-Wohnhauses“. Am Ende seines eigenen Vortrages auf der Konferenz sagt er: „In wenigen Jahren ist, wie die Aufstellung mit Bezug auf das Arbeiterhaus zeigt, die Bewegung mächtig angewachsen…. – Ist die Bewegung auch keineswegs eine Arbeiterfrage, sondern eine Kulturfrage des ganzen deutschen Volkes, so liegen doch zweifellos auf dem Gebiet des Arbeiterhauses die größten Schwierigkeiten, weil die kulturellen Forderungen am genauesten mit den wirtschaftlichen Bedingungen zusammengepasst werden müssen.“

Nicht nur Theorie

Osthaus blieb nicht bei der Theorie stehen: Er veranlasste einen Verwandten, den Textilfabrikanten Elbers dazu, 1907 den seinerzeit hochbedeutenden Münchener Architekten Richard Riemerschmid mit dem Bau der so genannten Walddorf-Siedlung zu beginnen, gelegen zwischen dem Elbers-Industriegelände in der Stadt und der von Osthaus ins Auge gefassten Gartenstadt Hohenhagen/Emst.

Am Donnerstag trafen auf Einladung von DGB, Osthaus-Bund und Denkmalpflege einige Hagener im Riemerschmid-Haus zusammen, um über die Rettung zu beratschlagen. Sie besichtigten auch den Garten und den ehemaligen Stall hinter dem Haus. (Foto: Michael Eckhoff)

Der ursprüngliche Bebauungsplan umfasste neben 87 Wohneinheiten mit Nutzgärten einen Gebäudekomplex mit Gemeinschaftseinrichtungen, einem Kindergarten und einer Betreuerwohnung. Wegen des Ersten Weltkriegs wurde jedoch nur die erste Reihe mit elf Häusern realisiert. Riemerschmid legte bei den circa 50 Quadratmeter großen Wohnungen hohen Wert auf einen funktionalen Grundriss und fortschrittliche hygienische Verhältnisse, indem er – was für die damalige Zeit im Mietwohnungsbau nicht selbstverständlich war – jeder Wohnung ein eigenes Bad zuordnete. Charakteristisch und damals üblich sind die große Wohnküche und der Selbstversorgungsgarten mit Stall.

Wichtiges Zeugnis

1909 erst beginnt Riemerschmid den Bau der bekannten Gartenstadt Hellerau in Dresden, zu einem Zeitpunkt also, als Osthaus schon in Hagen seine Villen-Kolonie am Stirnband weit vorangetrieben hatte, zu der auch die Riemerschmid-Siedlung ein Baustein ist. Kurzum: Das Riemerschmid-Haus ist ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtkomplexes „Hagener Impuls“. Hier zeigt sich die ganze Bandbreite des „Laboratoriums der Moderne“, zu dem Karl Ernst Osthaus die Volmestadt machen wollte und teilweise auch gemacht hat. „Diese Vision und ihre Zeugnisse gilt es zu erhalten und zu vermitteln,“ betont Eva Rapp-Frick, Vorsitzende des Osthaus-Bundes. „Dazu ist auch der Erhalt des öffentlich zugänglichen Riemerschmid-Hauses notwendig.“

Jetzt muss dringend die Frage geklärt werden, woher das Geld für die Miete kommen soll. DGB und Osthaus-Bund suchen deshalb dringend Sponsoren.