Archäologen sind Herbeck auf der Spur

Die Archäologin Dr. Eva Cichy erläuterte am Montag, wie das „alte Herbeck“ eventuell ausgesehen haben könnte. Allerdings sind die Funde noch zu gering, um präzise Aussagen machen zu können. (Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. (ME) Der Ort wurde vor Hunderten von Jahren mit Bedacht gewählt. Ein Bächlein plätschert den sanft geneigten Hang hinunter. Der Boden ist landwirtschaftlich passabel nutzbar. Die Lenne ist zwar nahe, aber weit genug entfernt, um keine Hochwasserprobleme zu bereiten. Kurzum: Anno Dazumal bot die so genannte untere Mittelterrasse im Lennetal unweit des heutigen Stadtteils Herbeck gute Voraussetzungen für eine Ansiedlung.

Wer vor über 2000 Jahren erstmals an diesem Hang siedelte, ist unbekannt. Genauso unbekannt ist, welche Familie um 500 (Merowinger-Zeit) zuletzt hier wohnte. Waren es vielleicht Angehörige des Brukterer-Stammes? Wann und warum gaben diese Germanen ihre Siedlung auf? Sind sie einst vor den näher rückenden Sachsen geflohen? Fragen über Fragen. Eventuell können sie in naher Zukunft beantwortet werden, wenn die archäologischen Grabungen in Herbeck erfolgreich sind.

Siedlungsspuren

Am Montag wurden die bisherigen Ergebnisse der derzeit laufenden archäologischen Untersuchung vorgestellt. Erste systematische Begehungen erfolgten im Jahre 2008 bei der Erschließung des Grundstücks durch Mitarbeiter der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen. Damals wurden bereits Siedlungsspuren unterschiedlicher Zeiträume aufgedeckt.

Vor der weiteren geplanten Bebauung durch ein Gewerbegebiet (oder durch die JVA) muss daher geprüft werden, in welchem Maße auf der gesamten, immerhin acht Hektar großen Fläche Reste ältere Siedlungen erhalten sind.

Vier Meter breite Streifen

Zu diesem Zweck werden momentan im Auftrag der Stadt Hagen und unter der fachlichen Aufsicht der LWL-Archäologen so genannte Baggersondagen durchgeführt. Die Untersuchungen werden in gleichmäßig verlaufenden, vier Meter breiten und jeweils 20 Meter voneinander entfernten Sondierungsschnitten durchgeführt, die sich über das gesamte Grundstück erstrecken.

Bei den bisherigen Untersuchungen handelt es sich indes um die archäologische Bestandsaufnahme nur eines Viertels der Gesamtfläche, die Aufschluss darüber geben soll, mit welchen Befunden auf dem nicht untersuchten Bereich zu rechnen ist. Je nach Befund können anschließende Ausgrabungen notwendig werden.

Keine Grabung, keine Vermarktung

Dass der Bagger auf dem geplanten Gewerbegebiet in Herbeck steht, hat einzig und allein mit der archäologischen Grabung zu tun. Bis „richtige“ Baubagger anrücken können, wird es noch ein Weilchen dauern (Foto: Michael Eckhoff)

Hagens Stadtbaurat Thomas Grothe begründete die Notwendigkeit der Untersuchungen zum jetzigen Zeitpunkt: „Erstens ist natürlich gerade die Stadt den Belangen des Denkmalschutzes verpflichtet. Zum anderen ist eine Vermarktung des Areals, egal ob als kleinteilige Gewerbegrundstücke oder als zusammenhängende Fläche vor Erkundung der eventuellen archäologischen Funde kaum möglich.“

Nach Abschluss der Untersuchung hätten potentielle Investoren die Sicherheit, in dieser Hinsicht von Überraschungen während der Bauzeit verschont zu bleiben.

Innerhalb von wenigen Tagen wurden über 30 prähistorische Befunde freigelegt, die anhand von Gebrauchskeramikfunden zeitlich zugeordnet werden konnten. Darunter befanden sich zahlreiche Gruben sowie ein Hausgrundriss.

Im Zeitplan

Die derzeitige Witterung erleichtert die Arbeiten nicht gerade. Um eine Gefährdung der Befunde zu vermeiden, wurde eine zweitägige Arbeitsunterbrechung erforderlich. Dennoch ist Grabungsleiter Markus Honold optimistisch: „Wir befinden uns im Augenblick voll im kalkulierten Zeitplan, obwohl in dem Bereich, in dem wir mit den Grabungen begonnen haben, die Oberschicht fast dreimal so mächtig wie erwartet war. Es kann nur besser werden.“

Die LWL-Archäologen Prof. Dr. Michael Baales und Dr. Eva Cichy erläuterten die bisher gemachten Funde. Die für den Laien eher unspektakulär wirkenden Reste von Bauten, Verfärbungen sowie Holzkohle- und Keramikreste sind für die Fachleute durchaus aufschlussreich. Die flächenmäßige Ausdehnung der gefundenen Siedlungsreste lässt auf eine größere Ansiedlung oder auf mehrere kleinere Gehöfte aus unterschiedlichen Zeiträumen schließen.

So lassen die bisherigen Befunde vermuten, dass von der vorrömischen Eisenzeit bis zum frühen Mittelalter hier gesiedelt wurde, also über einen Zeitraum von mehr als 700 Jahren. Spannend ist unter anderem eine zur Entsorgung genutzte Grube, deren Verfüllung aufgrund ihres Inhalts aus Holzkohle, Rotlehm und Keramikresten auf eine frühmittelalterliche Produktionsstätte für Drehscheibenkeramik in der unmittelbaren Umgebung hinweisen könnte. Es bleibt somit abzuwarten, ob die weiteren Untersuchungsergebnisse die Vermutung bestätigen, dass schon unsere Vorfahren Herbeck als Wohn- und sogar als Gewerbegebiet für sich entdeckt haben.