Ausbildungsangebot rückläufig: Mehr Jugendliche ohne Lehrstelle

Hagen/EN. Am Ende des Ausbildungsjahres zieht die Arbeitsagentur
Hagen/EN Bilanz.

„Ein massiver Rückgang bei den betrieblichen Ausbildungsstellen kennzeichnet
die ohnehin schwierige Situation in der Volmestadt. Abwanderungstendenzen großer
Ausbilder in der Region machen sich auch auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar“,
resümiert Marcus Weichert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für
Arbeit Hagen, die Entwicklung.
„Doch auch die Zahl der jungen Menschen, die eine betriebliche
Berufsausbildung anstreben, ist wegen der verlockenden Angebote von
Universitäten und Berufskollegs erneut gesunken. Ein Studium zu beginnen oder
weiterhin die Schule zu besuchen wünschen sich viele Jugendliche – und häufig
auch ihre Eltern. Jedoch merken einige nach ein paar Wochen, dass dieser Weg
nicht der richtige für sie war.“
Attraktiv und „unattraktiv“
Einerseits gibt es in Hagen eine hohe Nachfrage von gut qualifizierten
Bewerbern für anspruchsvolle Ausbildungsberufe, insbesondere im kaufmännischen
Bereich, die nicht ausreichend vorhanden sind. Nicht zum Zuge gekommene Bewerber
beginnen eher ein Studium, als dass sie auf einen weniger attraktiven
Ausbildungsberuf zurückgreifen.
Andererseits gibt es Besetzungsprobleme bei Berufen, die in den Augen der
Jugendlichen nicht so „sexy“ sind. Die Zahl der unbesetzten Stellen hat sich
mehr als verdoppelt. Fatal ist es, wenn diese Stellen unbesetzt bleiben. Für die
Wirtschaft bedeutet dies, dass sie in zunehmendem Maße auch „schwächeren“
Bewerberinnen und Bewerbern eine Chance geben muss. Hierfür empfiehlt die
Agentur für Arbeit den Unternehmen die „assistierte Ausbildung“.
Weniger gemeldete betriebliche Ausbildungsstellen
Die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt ist in den beiden Regionen Hagen und
Ennepe-Ruhr-Kreis inzwischen sehr unterschiedlich. Die Zahl der gemeldeten
betrieblichen Ausbildungsstellen ist in Hagen leider deutlich um 189 oder 17,8
Prozent auf 875 zurückgegangen. Hier ist der Unterschied zum EN-Kreis besonders
deutlich, da es dort eine Zunahme um 215 oder 13,2 Prozent auf 1845 gegeben
hat.
Stellen frei im Verkauf und Handwerk
Ende September waren in Hagen noch 47 und damit 26 Stellen mehr unbesetzt als
2015. Stellen im Verkauf, in der Nahrungsmittelbranche und im Handwerk können
sofort noch vermittelt werden. Ein Ausbildungsbeginn ist jetzt noch möglich.
Auch hier ist die Entwicklung in den Regionen vergleichbar, aber unterschiedlich
stark ausgeprägt. Im Ennepe-Ruhr-Kreis sind sogar 127 Ausbildungsstellen
übrig.
Weniger Bewerber bei Berufsberatung
In Hagen nahmen bis zum Ende des Beratungsjahres 2056 Bewerber die
Berufsberatung in Anspruch. Damit sank ihre Zahl im Vergleich zu 2015 leicht um
1,6 Prozent oder 33. Rund 18 Prozent der Bewerber haben einen
Hauptschulabschluss, 33 Prozent verfügen über den Realschulabschluss und 43
Prozent über Fachhochschul- oder Hochschulreife. Die Zahl der Bewerber sank in
Hagen mit 1,6 Prozent etwas weniger als im Ennepe-Ruhr-Kreis (2,7 Prozent).
Ein Fünftel mehr ohne Ausbildungsplatz
Die Zahl der unversorgten jungen Menschen ist in Hagen mit 119 um ein Fünftel
höher als im Vorjahr (im EN-Kreis mit 107 ein Fünftel niedriger). Hier verfügen
fast alle Jugendlichen mindestens über den mittleren Bildungsabschluss. Viele
werden aber erst nach den Sommerferien so richtig munter und wollen dann doch
noch eine Ausbildung beginnen. Zwar ist es dafür grundsätzlich noch nicht zu
spät, aber meistens zu spät für die Erfüllung bestimmter Berufswünsche.
Betriebe sollen Stellen melden
Auch für das nächste Ausbildungsjahr vermittelt die Agentur für Arbeit Hagen
Ausbildungsstellen. Sie hält eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten und
Alternativangeboten auch für „schwächere“ Jugendliche und für Arbeitgeber
bereit. So appelliert Weichert an die Unternehmen: „Jeder Ausbildungsplatz ist
wichtig. Wir arbeiten gemeinsam mit unseren Partnern daran, das Matching von
Angebot und Nachfrage zu optimieren. Dazu benötigen wir aber insbesondere die
Unterstützung der Wirtschaft in Hagen: Melden Sie der Agentur Ihre
Ausbildungsstellen!“
Das Resümee der Ausbildungsmarktpartner für die Region Hagen und
Ennepe-Ruhr-Kreis:
Anne Sandner, stellv. DGB-Regionsgeschäftsführerin Ruhr-Mark: „Trotz großem
und anzuerkennendem Engagement der Akteure ist leider festzustellen, dass die
gemeldeten Stellen statt der anvisierten Steigerung sogar noch im großen Maße
rückläufig sind. Zahlreiche Appelle und zusätzliches Akquisitionspersonal zur
Ansprache der Betriebe bringen anscheinend nicht die erhoffte Wirkung. Deshalb
können weder die proklamierte schlechte Schulbildung noch die
Akademisierungsdebatte darüber hinweg täuschen, dass es an der
Ausbildungsbereitschaft vieler Betriebe mangelt. Der oft zitierte
Fachkräftemangel scheint demnach wohl eher ein abstraktes Problem zu sein. Aber
tausenden jungen Menschen Jahr für Jahr keine berufliche Perspektive bieten zu
können, ist sowohl eine volkswirtschaftliche als auch eine soziale Katastrophe.
Es ist wohl wieder an der Zeit, über andere Modelle zur Steigerung der
Ausbildungsplätze zu diskutieren.“
Dr. Bettina Schwegmann, Geschäftsführerin des Märkischen
Arbeitgeberverbandes: „Die Bilanz des Ausbildungsjahres 2015/2016 in Hagen und
im Ennepe-Ruhr-Kreis ist aus Sicht des Märkischen Arbeitgeberverbandes
unbefriedigend. Die Zahl der Bewerber ist zwar demographisch bedingt im
Vergleich zu 2014/2015 leicht gesunken; im Gleichschritt ging aber auch die Zahl
der gemeldeten Berufsausbildungsstellen noch einmal zurück. Diese Entwicklung
ist problematisch. Trotzdem ist das Potenzial für mehr betriebliche Ausbildung
in unserer Region auf jeden Fall vorhanden. Das zeigt der Befund, dass im
Berichtsjahr 2015/2016 entgegen dem Trend die Zahl der betrieblichen
Ausbildungsplätze in der Gesamtregion leicht gestiegen ist.“
Kirsten Kling, Geschäftsführerin der Agentur Mark: „Wir möchten insbesondere
die Unternehmen, die unbesetzte Ausbildungsstellen haben, ermuntern, über die
Berufsfelderkundung Schüler und Schülerinnen bereits während der Schulzeit zu
sich zu holen und so Interesse an dem eigenen Unternehmen und den Berufen zu
wecken. Hierfür stellt die Region im Rahmen der Initiative „Kein Abschluss ohne
Anschluss“ ein Portal zur Verfügung: www.berufsfelderkundung-ha-en.de.
Unternehmen können sich dort über das Instrument Berufsfelderkundung informieren
und sich mit konkreten Angeboten registrieren. Im Stadtgebiet Hagen, weil
überdurchschnittlich von den sinkenden Zahlen betroffen, werden wir verstärkt
für 2017 werben.“
Thomas Haensel, Geschäftsführer Bildung der SIHK: „Die betriebliche
Berufsausbildung hat für die Schüler nicht an Strahlkraft verloren. Zum Stichtag
30.09.2016 konnten im Kammerbezirk der SIHK zu Hagen 3389 Ausbildungsverträge
neu eingetragen werden. Davon entfielen 1275 auf gewerbliche Berufe und 2114 auf
den kaufmännischen Bereich. Dies spricht für die große Stabilität des heimischen
Ausbildungsmarktes. Trotz der rückläufigen Schulabgängerzahlen ist es der SIHK
gelungen, durch gezieltes Ausbildungsmarketing die Jugendlichen für die duale
Berufsausbildung in den heimischen Unternehmen zu interessieren. Die vorzügliche
Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen findet ihren Ausdruck darüber hinaus
darin, dass im Rahmen der Endspurtaktion mehr als 110 noch unbesetzte freie
Ausbildungsplätze für das laufende Jahr 2016 zur Verfügung gestellt wurden.
Besonders positiv ist aus Sicht der SIHK, dass im Berichtsjahr 56 neue
Ausbildungsbetriebe gewonnen werden konnten.“