Autokauf mit Zündstoff

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern vor 100 Jahren – also am Vorabend des Ersten Weltkriegs – im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ abermals mit einem Blick in den April fort.

Autor dieses Beitrags ist abermals Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach. Er schreibt:

Ford-Modell T – das meistgebaute Auto der Welt bis 1972, als ihm der VW-Käfer den Rang ablief. War dies das „amerikanische Automobil“, das im April 1914 in Hagen die patriotischen Wogen hochgehen ließ? (Abbildung: Sammlung G. E. Sollbach)
Ford-Modell T – das meistgebaute Auto der Welt bis 1972, als ihm der VW-Käfer den Rang ablief. War dies das „amerikanische Automobil“, das im April 1914 in Hagen die patriotischen Wogen hochgehen ließ? (Abbildung: Sammlung G. E. Sollbach)

Ein politischer Auto-Skandal

Im April sorgte auch ein handfester politischer Skandal für Schlagzeilen und Zündstoff. Die Turbulenzen waren dadurch ausgelöst worden, dass ein amerikanisches Automobil als Dienstwagen für den Direktor des Städtischen Elektrizitätswerks angeschafft worden war. Zwar hatte der Oberbürgermeister das Automobil nicht selbst angeschafft, doch auf einer nachfolgenden Sitzung der Stadtverordnetenversammlung hatte er im Zusammenhang mit der Beantwortung einer entsprechenden Anfrage sich dahingehend geäußert, dass man auf Vorschlag des Direktors des Elektrizitätswerks einen Versuch mit diesem – erheblich preisgünstigeren als vergleichbare deutsche Autos – amerikanischen Wagen machen wolle, um zu sehen, ob das Fabrikat wirklich die Vorzüge besitze, die man ihm nachsage.

In der Öffentlichkeit wurde die Äußerung des Oberbürgermeisters aber so weitergegeben, als habe dieser behauptet, die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Autoindustrie sei viel besser als diejenige der deutschen. Das ließ aber die nationalen und patriotischen Gefühle nicht nur in Hagen hochgehen. Selbst in der Berliner Presse wurde das Thema aufgegriffen. Die „BZ am Mittag“ in Berlin nannte den Hagener Oberbürgermeister in einem entsprechenden Beitrag „einen sonderbaren Amerika-Schwärmer“ mit einem „von Sachkenntnis wenig getrübten“ Wissen über die deutsche Automobilindustrie.

Der Verein Deutscher Motorfahrzeug-Industrieller nahm die angeblich negative Äußerung über den deutschen Automobilbau sogar zum Anlass für eine energische offizielle Beschwerde. In der Stadtverordnetensitzung in Hagen am 27. April stand das amerikanische Automobil dann wieder auf der Tagesordnung. An Hand umfangreichen technischen Materials belehrte der Stadtverordnete Voormann zu Beginn der Sitzung den Oberbürgermeister ausführlich darüber, dass die deutsche Automobilindustrie mitnichten hinter der amerikanischen zurückstehe.

Leider ist nirgends gesagt, welches amerikanische Automobil damals von dem Städtischen Elektrizitätswerk angeschafft worden war. Auf Grund des vom Oberbürgermeister als ein Argument angeführten sehr günstigen Preises, könnte es sich um das berühmte Ford-Modell T gehandelt haben.

Um Hausfrauen zum Kauf von neuem technischen Küchengerät zu verlocken, waren Kaufleute in Hagen auch schon vor 100 Jahren nicht um Werbeideen verlegen. (Abbildung: Anzeige im „Westfälischen Tageblatt“ vom 21.4.1914)
Um Hausfrauen zum Kauf von neuem technischen Küchengerät zu verlocken, waren Kaufleute in Hagen auch schon vor 100 Jahren nicht um Werbeideen verlegen. (Abbildung: Anzeige im „Westfälischen Tageblatt“ vom 21.4.1914)

Vandalismus und Bismarck-Feier

Aber auch Vandalismus war damals in Hagen nicht unbekannt. So wurde z.B. von unbekannten Tätern die große Spiegelscheibe am Eingang des Warenhauses Kornblum an der Frankfurter Straße mutwillig zertrümmert. Der Besitzer des Warenhauses, Hermann Kornblum, setzte daraufhin eine Belohnung von 50 Mark für die Namhaftmachung des Täters bzw. der Täter aus und ließ dies auch in einer großen Anzeige in der „Hagener Zeitung“ vom 20. April bekannt machen. Ob er damit Erfolg hatte, ist nicht bekannt.

Aus Anlass der 99. Wiederkehr des Geburtstags des am 1. April 1815 geborenen und am 30. Juli 1898 verstorbenen Reichskanzlers Otto von Bismarck veranstalteten der Westfälische Bismarckbund und der Nationalliberale Verein Hagen am Samstag nach Ostern, nachmittags, in den Viktoria-Lichtspielen in der Körnerstraße eine gemeinsame Bismarck-Gedenkfeier. Wie die „Hagener Zeitung“ am folgenden Montag berichtete, feierte der Parteisekretär Schütz Bismarck in „markigen Worten“ und forderte die Versammlung dazu auf, „im Geiste des großen Kanzlers“ weiterzuleben und „sein Erbe hochzuhalten“. Der Bericht endet mit dem Satz, dass alle Gäste die Feier „hochbefriedigt“ verließen.

Menschenunwürdiges Wohnen

Weniger zufrieden waren die Mitglieder der städtischen Gesundheitskommission, die in der Woche nach Ostern wieder einmal die Wohnungen und Quartiere in den Arbeiter- und Kostgängervierteln der Stadt inspizierten. Dabei stellte sich heraus, dass es in Hagen noch Wohnungen gab, „die aller Beschreibung spotteten“. In Wehringhausen und Altenhagen traf man Wohnräume an, die nur noch als menschenunwürdig bezeichnet werden konnten. Solche bedenklichen Zustände fanden sich aber auch in von außen ganz ansehnlichen Wohnhäusern in der Kölner- und in der Elberfelder Straße.

Allerdings stellte die Kommission auch fest, dass es vielfach die Bewohner selbst waren, die ihre Wohnung derart verkommen ließen und „lieber wie Tiere hausen“. Auf Grund der Revision wurde die polizeiliche Schließung der schlimmsten beanstandeten Wohnungen veranlasst.

Weiter geht’s kommende Woche mit einem Blick in den Mai.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.