Bauarbeiten fördern Skelette zutage

Iserlohn. (lwl) Ein Verstorbener hatte einen Knochenfortsatz am Oberschenkel – vermutlich von einem Bruch oder einer Krankheit. Einem anderen war ein Menschenschädel auf die Brust gelegt worden. Ein weiterer hatte kaum noch Zähne im stark zurückgebildeten Unterkiefer. Die Bauarbeiten auf dem Fritz-Kühn-Platz in Iserlohn mit der so genannten Bauernkirche gaben den Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) jetzt interessante Einblicke in die Gesundheit und in das Alltagslebeben der Iserlohner im 18. Jahrhundert. Die Skelette werden demnächst anthropologisch näher untersucht.
Neu gestaltet wird das Areal, das mit der ehemaligen Kirche St. Pankratius zur Keimzelle der vorstädtischen Ansiedlung Iserlohns gehört. Da hier schon in Vergangenheit bei Bauarbeiten Skelettreste geborgen worden waren, sind die Archäologen auch bei den aktuellen Maßnahmen zur Stelle gewesen. Das Team einer Grabungsfirma begleitete die Arbeiten, bei denen jetzt die Rinne für ein Fließgewässer angelegt wurde. Dabei wurden sie wie erwartet nördlich der Bauernkirche fündig. Etwa einen Meter unterhalb des heutigen Geländeniveaus dokumentierten die Archäologen insgesamt zwölf gut erhaltene, weitgehend ungestörte Bestattungen. Denn auf dem Areal des 1213 erstmals erwähnten Gotteshauses und seiner Vorgängerbauten beerdigten die Iserlohner über viele Jahrhunderte hinweg ihre Toten.

Ein Menschenschädel auf der Brust

Bei den Bestattungen, deren Köpfe im Westen lagen, waren teils noch deutliche Reste von Holzsärgen mit eisernen Beschlägen und Griffen erhalten. Daneben gab es weitere Besonderheiten, die den Archäologen nicht jeden Tag begegnen. Darunter ein Skelett, dem noch ein Menschenschädel auf die Brust gelegt worden war. Möglicherweise war dieser beim Anlegen des Grabes in einer älteren Erdschicht freigegraben und auf diese Weise sofort wieder beerdigt worden. Ein anderer Verstorbener hat einen Knochenfortsatz mitten auf dem Oberschenkelknochen. Die Ursache dafür könnte ein Bruch oder auch eine Krankheit gewesen sein. Ein Unterkiefer weist überhaupt keine Backen- oder Vorbackenzähne mehr auf. Außerdem ist der Unterkieferknochen weit zurückgebildet. „Ganz offensichtlich waren die zahnmedizinischen Möglichkeiten damals weit weniger ausgereift, als die moderne Zahnhygiene und -heilkunde heutzutage – auch wenn niemand gern zum Zahnarzt geht“, sagt Prof. Dr. Michael Baales, Leiter der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen.
„Diese Entdeckung kam nicht unerwartet“, sagt Baales. „Bereits im vergangenen Jahr sind hier bei Bauarbeiten Bestattungen zu Tage gekommen – darunter ein mittelalterliches so genanntes Kopfnischengrab“. Diese Gräber imitierten in ihrer Form die Körpersilhouette, wobei getrennt davon eine eigene Nische für den Kopf angelegt wurde.

Skelette aus dem 18. Jahrhundert?

Die aktuellen Skelettfunde sind recht gut erhalten. „Vermutlich gehören die jetzt entdeckten Bestattungen in das 18. Jahrhundert, denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern verlegt“, sagt LWL-Archäologin Dr. Eva Cichy. Die jetzt freigelegten Bestattungen sollen nun anthropologisch näher untersucht werden. Dabei erhoffen sich die Archäologen weitere Erkenntnisse über das Alter, über das Geschlecht und den Gesundheitszustand der frühen Iserlohner.
Die archäologischen Ausgrabungen sind damit abgeschlossen. Die weiteren Arbeiten werden punktuell weiterhin von den Archäologen begleitet.