„Bella Westfalia“

Westfalen. (lwl) Heute fliegen viele im Urlaub mal eben nach Mallorca. Oder auf die Malediven. Vor 100 Jahren konnten sich nur wenige eine Erholungsreise leisten. Die Ziele lagen auch deutlich näher: Statt nach Bella Italia fuhr man nach „Bella Westfalia“ ins Sauerland. Die ersten Urlauber suchten nicht Sonne und Strand, sondern unberührte Natur und frische Luft. Das berichten Volkskundler des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), die sich damit beschäftigt haben, wie die Westfalen um 1900 Urlaub machten.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein bezeichnete der Begriff „Sommerfrische“ laut Grimmschem Wörterbuch „den Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“. Für einen längeren Sommerurlaub fehlte den meisten Menschen allerdings das Geld. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung konnten eine Urlaubsreise finanzieren. „Ein einfacher Metallarbeiter um 1910 konnte mit seinem Gehalt von maximal 92 bis 125 Mark kaum den Grundbedarf für sich und die Familie decken“, sagt Anna Maria Löchteken von der Volkskundlichen Kommission beim LWL. „Ein einwöchiger gemeinsamer Urlaub mit Familie hätte ihn einen ganzen Monatslohn gekostet und war damit nicht im Mindesten bezahlbar.“ Darüber hinaus gab es noch keinen gesetzlichen Urlaubsanspruch und somit kam eine Reise für die meisten nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus zeitlichen Gründen nicht in Frage.

Sommerfrische

Und dennoch: Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mehren sich die Touristen in den Seebädern und in den Mittelgebirgen. Das lag nicht zuletzt daran, dass viele Regionen von der Eisenbahn erschlossen wurden. Wohlhabende Familien leisteten sich am Urlaubsort einen Sommersitz, alle anderen bezogen Privatquartiere und Gästehäuser, die durch den touristischen Aufschwung immer zahlreicher wurden. Ein Mann aus Herscheid erinnerte sich, dass auch seine Mutter „schon vor dem Ersten Weltkrieg“ damit begann „im Sommer einige Feriengäste (Sommerfrischler) aufzunehmen. Es waren einige darunter die 20 Jahre und länger jedes Jahr wieder kamen.“

Das Verhältnis von Gastwirten und Gästen war oft sehr familiär, und es entwickelten sich langjährige Bekanntschaften. Wie er weiter berichtete, änderten sich Herkunft und Schicht der Sommerfrischler mit der Zeit: „Vor dem ersten Weltkriege waren es Beamte, Geschäftsleute und Handwerker, meist aus dem Kohlenpütt. In den 20er Jahren kamen dann Menschen aus vielen Berufen und allen Himmelsrichtungen: Lehrer, Studienräte, Professoren, Richter, Pfarrer, Künstler, Regierungsräte und so weiter.“

Vornehme Blässe nicht mehr gefragt

Vor allem die Städter sehnten sich nach unberührter Natur und frischer Luft. Für sie stand die Flucht aus der industrialisierten, automatisierten Arbeitswelt im Vordergrund und die Sommerfrische sollte der Erholung sowie der Entspannung dienen. Die Touristen strömten in den Sommermonaten aus dem Ruhrgebiet und den angrenzenden Städten in das ländliche und als besonders idyllisch beworbene Sauerland. Aktivitäten mit Natur-Bezug, wie Spazierengehen, Wandern und Radfahren, wurden sehr geschätzt und auch das Baden kam langsam in Mode. Die vornehme Blässe als Zeichen für Schönheit und Reichtum wich der gesunden Bräune, die als „Reisebeweis“ deutlich zeigte, dass man sich sowohl zeitlich als auch finanziell einen Erholungsaufenthalt leisten konnte.

„Wie man aus den Werbeplakaten für Unterkünfte und Freizeitangebote schließen kann, war die Zielgruppe für Urlaubsaufenthalte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in erster Linie die gut betuchte Bildungselite“, so Löchteken. Der Aufschwung des Massentourismus setzte erst in den 1960er Jahren mit dem Wirtschaftswunder ein und die „Sommerfrische“ im Sauerland bekam bald auch ausländische Konkurrenz.

Doch obwohl Mallorca scheinbar längst zum 17. Bundesland geworden ist und auch andere Traumziele in der Ferne locken, bleibt Deutschland nach wie vor das mit Abstand beliebteste Reiseziel der Deutschen.