Betreten verboten

Haspe. (anna, 08.05.10) Es waren zwei kräftige Explosionen, die am Freitag, 30. April, gegen 16.50 Uhr die Bewohner des Hauses Rolandstraße 27 in Haspe aus ihrer Normalität rissen. Zweimal, so die Bewohner, habe ein fürchterlicher Knall das Haus zum Beben gebracht, bevor dann das Feuer ausbrach…

In dem Sechsfamilienhaus, in dem eine deutsche und vier türkischstämmige Familien lebten, war eine Wohnung frei. Die Neumieter hatten sie zwar schon renoviert, aber noch nicht bezogen. Das war ihr Glück.

Als beim Eintreffen der Rettungskräfte weiterhin Gas austrat, mussten auch die umliegenden Häuser schnell evakuiert werden. 31 Menschen wurden erst in Bussen, später in Zelten versorgt. Sieben Menschen wurden durch die Explosion verletzt, alle anderen kamen mit dem Schrecken davon.

Amtliche Schließung

Noch während der Löscharbeiten stellte ein Statiker unmissverständlich fest: „Das Gebäude ist nach den Explosionen stark einsturzgefährdet.“ Das Bauordnungsamt verfügte deshalb noch am Freitagabend die sofortige Schließung, sperrte sogar das Gelände weiträumig ab. Nun kann weder die Polizei ihre Ermittlungen fortführen, noch können die Bewohner ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen. Immerhin schaffte es die Polizei am Mittwoch, die im Keller deponierten Propangasflaschen, die wahrscheinlich für die Explosion verantwortlich sind, von außen hervorzuholen.

Für die Bewohner besteht absolut keine Chance, ihr Hab und Gut zu retten. Das Haus müsse notgedrungen schon in den nächsten Tagen abgerissen werden, erklärte die GWG als Hausbesitzerin, die noch am selben Abend alles dafür getan hat, um ihre obdachlos gewordenen Mieter anderswo unterzubringen.

Keine Hausratversicherung

Da keiner der Haubewohner eine Hausratsversicherung hat, ist der Verlust der persönlichen Sachen und den Mobiliars doppelt schlimm. Vor allem der 50-jährigen Türkin Umuhan Cakmak verursacht die Sperrung große Kopfschmerzen. Sie wohnte in der ersten Etage des Explosionshauses und kam zum Glück mit einem Schrecken davon.

Es quält sie zum Zerreißen, dass sie nicht in ihre Wohnung zurückkehren darf. Zu viele Erinnerungen und persönliche Werte seien in ihrer Wohnung, die sie nicht einfach zurücklassen könne. Nur noch ein einziges Mal möchte sie in die Ruine, um zumindest die heißgeliebten Sachen und Wertgegenstände zu retten, bevor die beim Abbruch einfach im Bauschutt „verschwinden“. Mit dem Verlust kann und will sie sich nicht abfinden, sagt der Stiefsohn, der inzwischen einen Anwalt eingeschaltet haben will.

Seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren findet Umuhan Cakmak Unterstützung bei ihrem Stiefsohn. Der fordert nun vom Eigentümer, er solle eine ganz sanfte Abbruchfirma engagieren, die das Haus Zentimeter für Zentimeter abträgt, so dass alles Wertvolle, alles Persönliche gerettet werden kann. Ob es so etwas überhaupt gibt, weiß der Mann nicht. Überdies kritisiert der Stiefsohn, dass „meine arme Stiefmutter nun in einer völlig leeren Wohnung ohne Hilfe und Zuspruch irgendwie überleben muss“.

„Kann nicht sein“, meint GWG-Geschäftsführer Christoph Rehrmann, der noch am Abend der Explosion zig Mitarbeiter als Helfer abstellte. Bereits nach zwei Tagen seien alle wieder in Wohnungen untergebracht und zuerst mit Feldbetten, später mit Möbeln und Küchen vom Werkhof versorgt worden. Die reichhaltigen Sach- und Kleiderspenden aus der Bevölkerung hätten kaum „verarbeitet“ werden können. Auch Umuhan Cakmak habe bereits einen neuen Mietvertrag bei der GWG unterschrieben und sei mit ihrer neuen Wohnung zufrieden. Und im Übrigen sei die GWG nicht verantwortlich dafür, wenn ihre Mieter keine Hausratversicherung hätten, obwohl sie im Mietvertrag darauf hingewiesen würden. Da wurde von Familie Cakmak wohl am falschen Ende gespart…

Großes Lob für die Feuerwehr

Christoph Rehrmann ist es ferner wichtig, die Arbeit der Einsatzkräfte zu loben und zu schildern: „Da normalerweise Einsatzorte immer abgesperrt und kaum einsehbar sind, bleibt die Art und Weise, wie die Feuerwehr und die weiteren Einsatzkräfte ihre Aufgaben bewältigen, oft im Verborgenen. Einige GWG-Mitarbeiter konnten sich jetzt anlässlich der Gasexplosion im Haus Rolandstraße 27 ein Bild darüber verschaffen, wie die Einsatzkräfte die geeigneten Maßnahmen ergriffen haben, um die Gefahrsituation in den Griff zu bekommen.“

Besonnen, ruhig, kompetent und zielgerichtet, so der Geschäftsführer der GWG, sei das Vorgehen gewesen. „In mehreren Einsatzgesprächen unter der Leitung des Feuerwehrschefs Horst Wisotzki zeigte sich die professionelle Kooperation aller am Einsatz beteiligten Kräfte. Trotz der Gefahrsituation entstand keinerlei Hektik, mit dem Ergebnis, dass der Einsatz reibungslos und erfolgreich verlaufen konnte. Eindrucksvoll war zudem die präzise Logistik der Feuerwehr, Freiwilligen Feuerwehr, Polizei und des Deutschen Roten Kreuzes, die allesamt in kürzester Zeit ihre Positionen bezogen hatten.

Miteinander verflochten und ineinander verzahnt konnte man die Gasleitung kappen, das noch lodernde Feuer löschen, kümmerte sich um die betroffenen Bewohner, denen man das Gefühl vermitteln konnte, immer ’Herr der Lage’ zu sein. Warme Suppen, Getränke, Decken und viele tröstende und Mut machende Worte der Notfallseelsorger lösten im Laufe des Abends die Verkrampfungen der Evakuierten.“

Mit großer Umsicht

Nachdem feststand, dass die Verletzten versorgt waren, die Bewohner der Häuser Rolandstraße 25 und 27 eine warme Unterkunft für die Nacht hatten, konnten die restlichen Bewohner der angrenzenden Häuser zurück in ihre Wohnungen gebracht werden. „Auch dabei wurden sie nicht allein gelassen. Geordnet, aufgestellt nach ihren Häusern, begleiteten Feuerwehrmänner diese Menschen in ihre Wohnungen. So übernahm jede am Einsatz beteiligte Kraft große Verantwortung und trug dazu bei, dass aus der Tragödie keine Katastrophe wurde.“ Rehrmanns Fazit: „Feuerwehr und Polizei ist viel mehr als Retten, Löschen, Bergen und Schützen…“