Bilderbuch-Beispiel für verzahnte Ausbildung

Haspe/Volmarstein. (Red.) Dass Carina Krickhahn (21) einmal auf fremde Menschen zugeht und mit ihnen ein Gespräch beginnt, hätte sich die schüchterne junge Frau noch vor einigen Monaten nicht so recht vorstellen können. Carinas Behinderung ist nicht sichtbar. Bei ihr liegt eine Hirnleistungsminderung vor. Auch Jürgen Katzer, der junge körperbehinderte Menschen im Berufsbildungswerk (BBW) Volmarstein zu Bürokaufleuten ausbildet, kannte Carina bisher als eher introvertiert, ruhig und zurückhaltend. Trotzdem glaubte er an Carinas Entwicklungspotential und wagte das Experiment der „verzahnten Ausbildung“ mit seiner Auszubildenden.

Für diese „verzahnte Ausbildung“ hat sie sich als Bilderbuch-Beispiel erwiesen. Sie ist Auszubildende zur Bürokauffrau im ersten Ausbildungsjahr. Normalerweise arbeitet sie im BBW in der Abteilung Kiosk, wo sie Büroaufgaben und den Verkauf übernimmt.

Sehr gutes Angebot

Carina, deren Behinderung nicht sichtbar ist, arbeitet mittlerweile schon selbstständig an der Rezeption. (Foto: Carola Wolny-Hubrich)

Seit April absolviert Carina aber obendrein auch noch einen auf sechs bis zwölf Monate befristeten Ausbildungsabschnitt in einem Hasper Therapie-Center (TCT) und schwärmt von ihrer neuen Aufgabe: „Ich fühle mich hier sehr wohl und gut aufgehoben. Die Arbeit ist sehr interessant, vielseitig und macht Spaß. Ich werde hier gleichberechtigt behandelt und bin voll in den Arbeitsalltag integriert. Diese persönliche und berufliche Erfahrung möchte ich nicht missen.“

Auch für die TCT-Inhaber Ulrich und Andrea Terlau war diese Kooperation ein erster Versuch. Ihre Erwartungen, dass die Volmarsteiner Auszubildende mit der Zeit eigenständig und eigenverantwortlich arbeitet, dass sie Einfühlungsvermögen entwickelt und sowohl mit Patienten als auch mit Arztpraxen sicher kommunizieren kann, haben sich schnell erfüllt.

Die Carina arbeitet im Rahmen ihrer Ausbildung am Empfang des Therapie-Centers. Sie begrüßt die Patienten, die zu ihren Behandlungen erscheinen, vereinbart Termine, stellt Kontakt zu den behandelnden Ärzten her, denen sie auch die Patientenberichte faxt, rechnet die erbrachten Leistungen ab und kassiert die Rezeptgebühren. Dies macht Carina an drei Tagen in der Woche, jeweils für acht Stunden. „Wir sind begeistert. Carina ist eine Bereicherung für uns“, sagt Ulrich Terlau, seine Frau nickt zustimmend.

Positives Fazit

Für die persönliche Entwicklung der jungen Frau bedeutet die Arbeit in Haspe sehr viel. Durch das eigenständige Arbeiten und den Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen hat sie laut eigener Aussage eine Menge Selbstbewusstsein dazu gewonnen: „Am ersten Tag fühlte ich mich schon etwas komisch und hatte ein mulmiges Gefühl, was mich wohl erwarten würde. Aber bereits nach drei Tagen habe ich mich an meinem neuen Arbeitsplatz sehr wohl und gut aufgehoben gefühlt, da ich vollwertig in den Arbeitsalltag integriert und gleichberechtigt behandelt werde.“

Insofern kann Carina auch nur ein positives Fazit ziehen und sagt: „Ich bin froh und finde es toll, dass ich diese Möglichkeit für die Arbeit in der Praxis bekommen habe, und kann das Konzept der verzahnten Ausbildung nur weiterempfehlen!“

Gelebte Inklusion

Wie erwähnt, liegt bei Carina eine Hirnleistungsminderung vor. Diese Leistungsbeeinträchtigung hat aber für die Tätigkeiten in der TCT-Praxis so gut wie keine Auswirkungen. Vor Aufnahme der verzahnten Ausbildung wurde Carinas Behinderungsbild ausführlich mit den Mitarbeitern der Praxis und Ausbilder Jürgen Katzer erläutert.

Katzer: „Carina gewinnt in dem Therapie-Center kontinuierlich an Selbstvertrauen und Sicherheit. Es ist erstaunlich, wie sehr sie sich schon in dem recht kurzen Zeitraum entwickelt hat. Ich freue mich, dass die Verzahnung so reibungslos funktioniert. Ein derartig vorbildliches und vorbehaltloses Engagement hat maßgeblichen Anteil an der Integration von behinderten Arbeitskräften.“