Blind, einsam, verarmt

Durch ihren Umzug von Dortmund nach Hagen hat sich die 57-jährige Edeltraud Giesecke in die Katastrophe manövriert. Blind, einsam und ohne einen Cent in der Tasche braucht die gehbehinderte Frau dringend Hilfe, denn in der unfertigen Wohnung kann sie eigentlich nicht leben. Auch in der Kaffeedose und beim Tabak herrschen schon länger gähnende Leere. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Auf ein besseres Leben mit reduzierten Lebenshaltungskosten hatte die blinde 57-jährige Edeltraud Giesecke gesetzt, als sie im Februar dieses Jahres von Dortmund nach Hagen zog. In der Schillerstraße in Eckesey fand sie eine 47 Quadratmeter große und preiswerte Wohnung, die direkt gegenüber der Blindenwerkstatt liegt. Rasch zog sie ein. Seit 2003 vollblind, hoffte sie auf Hilfe aus der benachbarten Werkstatt, denn die behinderte Dortmunderin kann nicht einmal ihren Müll nach draußen bringen.

Ohne einen Cent

Momentan lebt die blinde Frau, die auch noch zwei Spitz- und Klumpfüße hat, unter katastrophalen Bedingungen und ohne einen Cent in der neuen Wohnung. Kisten, die Leute vom Dortmunder Sozialamt ohne System gepackt haben, stapeln sich immer noch bis zur Decke. Möbel sind notdürftig hingestellt, die Küche ist noch gar nicht intakt. Doch das Schlimmste: weil Edeltraud Giesecke sich in der kleinen Wohnung nur mühsam auf einem Schreibtischstuhl fort bewegen kann, ließ sie den Teppichboden entfernen und lebt jetzt auf seinen staubigen Resten. Überall in der Wohnung sieht man zentimeterhoch den feinen, roten Dreck, der an allen Sachen haftet.

Als der Verein „Senioren helfen Senioren“ von der Stadt den Auftrag erhält, ein paar Kisten der blinden Frau zu transportieren, fallen die ehrenamtlichen Helfer angesichts der Verwahrlosung vom Glauben ab. „Die Beseitigung dieser Zustände sind kein Fall für die Seniorenhandwerker“, schildert  Friedhelm Treczack vom Verein „Senioren helfen Senioren“ die schrecklichern Zustände, „da müssen erst einmal andere Hilfsleistungen erfolgen.“

Sperre aufgebrummt

Durch ihren Umzug nach Hagen und die Kündigung ihrer Anstellung im Mai hat sie obendrein die Behörden verärgert, die erst einmal die Geldzahlungen eingefroren haben. 15 Jahre im Bundesamt für Migration- und Flüchtlingshilfe beschäftigt, kündigte sie im beiderseitigen Einvernehmen den Arbeitsvertrag und bekam, wie es üblich ist, vom Arbeitsamt erst einmal eine dreimonatige Sperre aufgebrummt. Erst im Oktober wird der Rubel bei Edeltraud Giesecke wieder rollen.

Jetzt könnte sie zwar Übergangsgeld beantragen, dazu müsste sie die Kiste ausfindig machen, in denen die lebenswichtigen Papiere lagern. Warum auch das Blindengeld aus Münster nicht fließt, kann sie sich im Moment nicht erklären. „Ohne meinen Computer kann ich mich auch um nichts kümmern“, erklärt die blinde Frau, die keine Ahnung hat, in welcher Kiste sich das Teil wohl verstecken könnte.

Weil die vollblinde Edeltraud Giesecke auch noch zwei Klumpfüße hat, kann sie sich in ihrer Wohnung nur auf einem Schreibtischstuhl mühsam fortbewegen. Zu diesem Zweck ließ sie den Teppichboden entfernen und lebt jetzt auf staubigem Estrich. (Foto: Anna Linne)

Ohne Kaffee

Auch ihre Sommerkleidung findet sie nicht mehr. Aber das ist ihr fast egal: „Weil ich nicht viel zu essen habe, passen mir die Sachen sowieso nicht mehr richtig. Sie müssten dringend geändert werden“, klagt Edeltraud Giesecke, die auch schon länger auf ihren geliebten Kaffee und Tabak verzichten muss, was ihr nicht leicht fällt. Mittagessen bekommt Edeltraud Giesecke momentan noch vom DRK geliefert. „Die wenigen Kalorien halten mich am Leben“, berichtet die blinde Frau, die in ihrem Leben verdammt viel Pech gehabt hat.

Zweimal mit Alkoholikern verheiratet, gab sie unter der Belastung dieser Ehen den ersten Sohn zur Adoption frei und den zweiten in eine Pflegefamilie. Warum ihr dritter Mann sich von ihr scheiden ließ, weiß sie bis heute nicht. „Er hat mir nur gesagt, ich sei ihm zu selbstständig“, erzählt die Blinde, die ihren dritten Sohn beim Vater ließ. „Die wohnen in Hannover und wollen sich nicht um mich kümmern.“

Abgelehnt

2008 hat Edeltraud Giesecke in Dortmund einen Antrag auf Heimunterbringung gestellt. „Ich wollte aber nicht ins Pflege- oder Altenheim, sondern in einer Einrichtung für Blinde untergebracht werden. Das hat man damals abgelehnt und mir stattdessen eine Haushaltshilfe zugesagt. Gesehen habe ich jedoch niemanden.“

Jetzt hat Edeltraud Giesecke erst einmal einen Termin mit zwei Damen vom Pflegebüro, die ihr helfen wollen, die wichtigsten Papiere zu finden, damit sie wenigstens Übergangsgeld beantragen kann. Ob sich sonst noch Menschen finden, die der Blinden das Leben etwas erträglicher machen können…?