Blut gehört zu Hagen wie Phoenix und Volme

[1/2] Ein kleiner Pieks und los ging es: Einen Liter Blut haben Christina Schröer (l.) und Heiko Cordes bei ihrem Besuch beim Blutspendedienst gespendet. (Foto: Sabine Gräfe-Schmidt) [2/2] Zusammenspiel von Mensch und Maschine: Experten bedienen die hochm

[1/2] Ein kleiner Pieks und los ging es: Einen Liter Blut haben Christina Schröer (l.) und Heiko Cordes bei ihrem Besuch beim Blutspendedienst gespendet. (Foto: Sabine Gräfe-Schmidt) [2/2] Zusammenspiel von Mensch und Maschine: Experten bedienen die hochm

Hagen. (cs/hc) Wer an Hagen denkt, der hat vielleicht Basketball, die Volme und Wachholderschnaps vor Augen. Doch wer weiß schon, dass die Stadt zwischen Sauerland und Ruhrgebiet das „Blut-Zentrum“ im Westen der Republik ist? Am Loxbaum befindet sich das modernste Zentrallabor Europas. Dort wird die rote Flüssigkeit analysiert und kategorisiert – und das 365 Tage im Jahr, ohne Pause. Denn Blut wird immer gebraucht, auch an Ostern und zwischen den Weihnachtsfeiertagen.
42 Tage haltbar
Für gewöhnliche Blutkonserven sind spendenarme Zeiten nicht das größte Problem, ist eine Konserve doch 42 Tage haltbar. Problematisch wird es erst bei Thrombozytenspenden, die nur fünf Tage nutzbar sind. Gespendetes Blutplasma würde das gleiche Schicksal ereilen, wenn der Blutspendedienst-West nicht feste und flüssige Bestandteile trennen würde: so bleibt es länger haltbar.
Spende-Verhalten
Dennoch ist der klare Appell des Deutschen Roten Kreuzes: Spendet Blut!
Von Anfang des Jahres 2017 bis zur Mitte letzter Woche haben in Hagen insgesamt 4.341 Menschen Blut gespendet, 335 von ihnen wagten es zum ersten Mal. Allzu viel ist das nicht. Sabine Gräfe-Schmidt, Öffentlichkeitsreferentin des Blutspendedienst-West, geht von etwa 81.000 Hagenern aus, die theoretisch in der Lage wären, zu spenden.
Zahlreiche Spendetermine
Auch an Spendemöglichkeiten dürfte es ausgerechnet in Hagen nicht scheitern: Zwei Spende-Busse, acht weitere Spende-Fahrzeuge, die aus jeder Schützenhalle ein Spendezentrum zaubern, und 80 Mitarbeiter, die zur Blutentnahme im Außendienst tätig sind, ermöglichen jährlich knapp 300 Blutspende-Termine allein in der Volmestadt. Zur Ader lassen kann man sich auch während der Öffnungszeiten des Blutspendezentrums an der Feithstraße: dienstags bis freitags 11 bis 19 Uhr, und jeden ersten und dritten Sonntag von 10 bis 16 Uhr.
Problematisch: Junge Erwachsene
Und obwohl Hagen die Stadt mit den meisten Blutspendeterminen pro Jahr ist und das Thema Blut eigentlich ähnlich im Fokus stehen sollte wie Basketball oder Eversbusch, sinkt die Spendebereitschaft vor allem bei den 25- bis 36-Jährigen.
„In dem Alter erlauben sich viele junge Menschen Fernreisen oder planen eine Familie“, erklärt Sabine Gräfe-­Schmidt. Gründe, die die Möglichkeiten zur Blutspende einschränken. „Zudem wird den Menschen häufig erst bewusst, wie sinnvoll es ist, Blut zu spenden, wenn Freunde oder Familie urplötzlich schwer erkranken.“
Da dies vermehrt ab Ende dreißig, Anfang vierzig eintritt, ist in dieser Altersklasse wieder ein Spenderzuwachs zu beobachten.
Dem entgegen wirken wollten auch die beiden Wochenkurier-Volontäre Heiko Cordes und Christina Schröer, die im Rahmen ihrer Recherche beim Blutspendedienst West auch selbst Blut zurückließen. Sie erzählen:
Der Selbsttest
Auch wenn wir beide nicht zum ersten Mal Blut spendeten, war ein gewissen Kribbeln in der Magengrube zu verzeichnen, als wir mit dem offiziellen Pressetermin mit Sabine Gräfe-Schmidt „durch“ waren und es für uns in die erste Etage zum Blutspenden ging. Fragebogen ausfüllen, HB-Wert, Temperatur und Blutdruck von der diensthabenden Ärztin testen lassen – und bereit waren wir für den Aderlass.
Jederzeit ein Weg zurück
Dabei muss man festhalten: Bei jedem dieser Schritte bekommt man die Möglichkeit „Stopp“ zu sagen oder die Blutprobe zumindest unschädlich zu machen.
Wie das? Blutspender müssen einen umfassenden Fragebogen ausfüllen, in dem sie nicht nur Vorerkrankungen angeben, sondern auch nach ihrem Sexual- und Reiseverhalten befragt werden. Diese Fragen sind nicht jedem genehm, können vor allem für jüngere Menschen „peinlich“ sein. Damit man die Blutspende nicht abbrechen muss, falls man eins der Kriterien erfüllt, kann man einen Aufkleber mit einem Barcode auf den Fragebogen aufkleben, der eine Nutzung der Spende verbietet.
Im lichtdurchfluteten Raum für die Spender stehen mehrere Reihen mit Liegestühlen. Dort werden wir auch später Platz nehmen. Ein kleiner Snack und ein Getränk sind vorher aber Pflicht, seit dem Frühstück ist nämlich ordentlich Zeit vergangenen.
Positive Atmosphäre für entspannte Spender
Vom Tisch auf den Stuhl sind es nur ein paar Schritte. An der Decke flimmern die TV-Geräte, im Hintergrund hört man Musik. Was auffällt – die typische Krankenhausatmosphäre will nicht aufkommen, trotz zahlreicher Menschen in weißer Kleidung, Nadeln und dem allgegenwärtigen dunkelroten Blut. Das mag wohl vor allem an dem Geruch liegen. Der typisch Duft von Reinigungsmitteln, menschlichen Ausdünstungen und Medikamenten liegt nicht in der Luft. Vielmehr ist es angenehm.
Die diensthabenden Damen arbeiten mit sicheren Handgriffen, haben aber auch immer einen lockeren Spruch auf der Zunge. Vielleicht liegt es auch an dieser Kombination aus positiver Einstellung des Personals und dem Bewusstsein, hier Spender und nicht Patient zu sein, dass man mehr Lächeln als gestresste Blicke sieht. Egal ob der Handwerker im Blaumann, der Senior mit der Lesebrille oder die Sportskanone, die im grünen Fußballtrikot durch die Türen kommt – sie alle sind freiwillig erschienen und spenden Blut.
Körperlichen Belastung
So auch wir. „Ladies first“, so auch bei der Blutspende. In nicht einmal neun Minuten sind bei Christina Schröer die über 500 Milligramm Blut in den ständig bewegten Beutel geflossen. Füße hochlegen und ein Glas Cola gehören zum Pflichtprogramm nach der Spende, schließlich muss sich der Blutdruck erst einmal wieder anpassen. Wie sehr sich der Körper anstrengen muss, erfahren die beiden Volontäre übrigens erst nach der Spende: Knapp 1.000 Kalorien haben sie verbrannt – so viel wie bei einem 12-Kilometer-Lauf.
Gute Stimmung
Ein bisschen wackelig sind die ersten Schritte nach der Spende, doch auch jetzt gibt es etwas zwischen die Zähne: Bockwurst, Kuchen und die obligatorische Tafel Schokolade. Die Stimmung ist immer noch gut. Das liegt auch an dem guten Gefühl, etwas Wichtiges und Richtiges getan zu haben.
Unfallopfer oder kranke Menschen – sie alle sind darauf angewiesen, dass Blutspender den Weg in ein Spendemobil oder die Hagener Zentrale finden. Die Vorstellung, dass die Blutbanken auf Jahre gut gefüllt sind, ist ein Irrglaube. Deshalb sollte die regelmäßige Spende nicht nur zum guten Ton gehören, sondern eine immer wiederkehrende Selbstverpflichtung sein. Schließlich weiß man nie, wann es einen selbst treffen könnte. „Wir haben auf jeden Fall unseren nächsten Termin schon dick im Kalender angestrichen“, wissen die beiden Volontäre.