Böser Sturz im Schnee

Die Herdeckerin Ingrid Weimershauß stürzte auf dem Friedrich-Ebert-Platz im schneereichen Dezember des letzten Jahres schwer. Nun verlangt sie von der Stadt Hagen Schadensersatz, weil die ihrer Streupflicht nicht nachgekommen sei. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Es war der 4. Dezember 2010 gegen 18 Uhr als die 75-jährige Herdeckerin Ingrid Weimershauß auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken den Friedrich-Ebert-Platz überquerte. Wie sich viele Hagener sicher erinnern können, hatte es den ganzen Tag ununterbrochen geschneit. In Höhe des Coffee-Shops muss die Seniorin entgegenkommenden Fußgängern ausweichen. Und dieser Ausfallschritt bringt die Rentnerin ins Wanken. Sie stürzt mit dem Kopf auf eine eiserne Baumumrandung, die natürlich durch den hohen Schneebefall nicht zu erkennen war.

Blutüberströmt und unter Schock stehend erfährt Ingrid Weimershauß Hilfe von zwei Passanten, die das Unglück beobachtet haben. Da die Gleitsichtbrille der Seniorin bei dem Sturz zerbrochen ist, kann sie kaum noch etwas erkennen. Man bringt die alte Dame, der obendrein ein Polizist zu Hilfe eilt, ins Lokal und ruft den Rettungswagen, der die Verletzte in St.-Josefs-Hospital bringt.

Streupflicht verletzt?

Mit schweren Prellungen und dicken Blutergüssen im Gesicht musste die Seniorin vier Tage lang das Krankenhausbett hüten. „Im rechten Auge habe ich den grauen Star“, erklärt Ingrid Weimershauß, „durch den schweren Sturz hatte sich dieses Augenleiden verschlimmert, die Ärzte rieten mir zur sofortigen Operation.“

Nach einer 35 Euro teuren Taxifahrt wieder zu Hause in Herdecke angekommen, setzt sich die alleinstehende Seniorin gleich mit dem Rechtsamt der Stadt Hagen auseinander und bittet um Übernahme der ihr entstandenen Kosten. Die Stadt soll ihr die Brillen- und Taxikosten ersetzen, da sie die Streupflicht verletzt habe. Gleichfalls verlangt Ingrid Weimershauß von der Stadt Hagen ein angemessenes Schmerzensgeld.

Keine Anhaltspunkte

Doch die Antwort aus dem Rechtsamt fällt anders aus, als die Herdeckerin gehofft hat: Für die Verletzung der Streupflicht gebe es partout keine Anhaltspunkte, heißt es von dort. Es bestünde grundsätzlich keine Verpflichtung, die gesamte Fußgängerzone schnee- und eisfrei zu halten. Auch auf großen Plätzen reiche es, einen ausreichend breiten Streifen zu räumen und zu streuen. Der Friedrich-Ebert-Platz sei regelmäßig kontrolliert, geräumt und gestreut worden. Am Unfalltag sei um 6 Uhr um 9.20 Uhr und um 14 Uhr geschoben und gestreut worden. Durch den Winterdienst könnten zudem Schnee- und Eisreste nicht immer restlos beseitigt werden, so dass Fußgänger grundsätzlich mit glatten Flächen rechnen müssten. Deshalb weist das Rechtsamt die Schadensersatzforderung der alten Dame mit der Untermauerung eines Urteils des Landgerichts Stuttgart von 1996 zurück.

Zweierlei Maß?

Ingrid Weimershauß ist ziemlich entsetzt darüber, wie sich die Stadt aus der Verantwortung zieht und fragt sich: Wäre alles in gleicher Weise verlaufen, wenn sie vor einem Privathaus gestürzt wäre? Hätten sich private Hausbesitzer genauso aus der Affäre ziehen können?

„Ständig ging in dem harten Wintermonat Dezember durch die Presse, dass Hausbesitzer ihrer Räum- und Streupflicht dringend nachkommen müssten. Wenn nicht, drohten ihnen hohe Bußgelder sowie Schadensersatzansprüche bei Unfällen“, erinnert sich die Rentnerin. „Wird da möglicherweise mit zweierlei Maß gemessen?“