Burn-Out: Völlig ausgebrannt

Karsten Sprave gründete eine eigene Selbsthilfegruppe für Menschen mit Burn-Out. (Foto: ric)

Hagen. (ric) Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, wenn man aus einem Albtraum erwacht? Die Kehle ist wie zugeschnürt. Kalter Schweiß steht auf der Stirn. Puls und Herz rasen. „Dieses Gefühl“, erklärt Karsten Sprave, „hatte ich immer. Jeden Tag, jede Nacht.“ Der Hagener erinnert sich an die wohl schwerste Zeit in seinem Leben. Diagnose: Burn-Out.

Alles begann wohl 2009, aber da ist sich Sprave selbst nicht genau sicher. Zu diesem Zeitpunkt wurde er jedoch nach acht Jahren Betriebszugehörigkeit vom damaligen Arbeitgeber gekündigt. Eine neue Arbeitsstelle war zwar einigermaßen zügig gefunden und auch das Gehalt stimmte. Die neue Stelle war aber bei einer Zeitarbeitsfirma. „Mir war klar, dass das nicht sicher genug war. Ich habe mir ständig Sorgen um meinen Arbeitsplatz gemacht“, erinnert sich Sprave.

Keine Freizeit

Dann wendet sich das Blatt, die früheren Arbeitgeber melden sich Anfang 2010. In einer neuen Anlage soll ihr alter Mitarbeiter als Schichtmeister anfangen. Endlich hat der Hagener wieder einen Festvertrag. Ruhe kehrt aber nur scheinbar ein.

„Ich wollte mich beweisen, dem Chef zeigen, was ich kann und dass es richtig war, mich wieder einzustellen. Dafür habe ich hart gearbeitet.“ Ständig wurden die Arbeitszeiten immer länger. 14-Stunden-Dienste waren keine Seltenheit und auch die Wochenenden brachten schon lange keine Entspannung mehr. „Ich hatte keine Freizeit“, weiß Sprave heute. Früher war der Hagener passionierter Sportler, lief sogar zwei Mal beim Ruhr-Marathon mit. „Doch mit den zunehmenden Arbeitszeiten habe ich das Laufen als Erstes eingestellt.“ Und auch andere Aktivitäten wurden konsequent eingeschränkt, bis sie irgendwann gar nicht mehr stattfanden. „Ich wollte mich ja entspannen. Aktiv zu sein wäre aber anstrengend gewesen“, beschreibt der 39-Jährige sein damaliges Empfinden.

„Burn-Out? – Ich doch nicht!“

Die Situation verschlechterte sich zusehends, fand im Herbst 2010 ihren traurigen Höhepunkt. Karsten Sprave berichtet aus seiner schwersten Zeit: „Ich schlief nachts maximal zwei bis drei Stunden. Ich war immer müde, aber schlafen konnte ich nicht. Probleme mit dem Magen häuften sich. Und zur Arbeit musste ich mittlerweile Sachen zum Wechseln mitnehmen. Mir stand immer der Schweiß auf der Stirn. Dann, im Oktober, kam der Zusammenbruch. Ich war fertig, konnte nicht mehr arbeiten gehen. Aufstehen war schon schwer genug.“

Familie und Freunde sorgten sich, sprachen die Probleme offen an. Zum Arzt gehen wollte der Hagener aber nicht – schließlich war ja keine „greifbare“ Krankheit da. „Immer war da dieser Gedanke ’Burn-Out? Ich doch nicht!’“ Doch irgendwann ging Karsten Sprave dann doch zum Arzt. Der diagnostizierte sie dann sofort, diese Krankheit, die Sprave zuvor für eine reine Mode-Krankheit gehalten hatte.

Die nächsten Gänge führten zum Neurologen und in eine Reha-Einrichtung. Dort blieb der frühere Sportler sechs Wochen und merkte, wie sehr ihm die Gespräche zu anderen Betroffenen halfen. Kurz vor Weihnachten spürte der 39-Jährige eine Veränderung: Das Albtraum-Gefühl reduziert sich. „Seitdem fühle ich mich immer mehr wie ich selbst.“

Eine eigene Selbsthilfegruppe

Zurück in Hagen durchforstete er das Internet nach Selbsthilfegruppen. Aber ein Angebot für Menschen mit Burn-Out fand er nicht. Also wandte er sich an Kerstin Lohmann vom Hagener Selbsthilfebüro. Gemeinsam planten sie eine eigene Gruppe, deren erstes Treffen in der vergangenen Woche stattfand. Zwölf Betroffene kamen, lernten sich kennen, erzählten von sich. Jeder ist in einem anderen „Stadium“, manchen geht es schlecht, manche sind, wie Karsten Sprave, auf einem sehr guten Weg zurück in ein zufriedenes Leben. „Wir wissen noch nicht genau, wohin der Weg der Selbsthilfegruppe führt“, ist dem Familienvater klar. Das Ziel, sich gemeinsam zu helfen, zu unterstützen und Verständnis zu finden, haben die Teilnehmer jedoch klar vor Augen.

Die Gruppe trifft sich jeden zweiten Donnerstag um 19 Uhr im Turmzimmer des Matthäus-Gemeindehauses, Lützowstraße 113. Das nächste Treffen findet am 17. März statt.