„Carmen“, Don José und der Hauch von Reserviertheit

Eine beeindruckend gelungene Produktion, diese „Carmen“ im Hagener Theater. Das Foto zeigt Charles Reid und „Carmen“ Kristine Larissa Funkhauser inmitten der Damen und Herren des Chores und des Extrachores. (Foto: Kühle/Theater Hagen)
Eine beeindruckend gelungene Produktion, diese „Carmen“ im Hagener Theater. Das Foto zeigt Charles Reid und „Carmen“ Kristine Larissa Funkhauser inmitten der Damen und Herren des Chores und des Extrachores. (Foto: Kühle/Theater Hagen)

Hagen. (none) „Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.“ Die Sätze stammen von Max Frisch, zu lesen im klug aufgestellten Programmheft zu George Bizets Oper „Carmen“. Am Samstag, 8. Juni 2013, war die umjubelte Premiere. Frischs Worte geben Orientierung im schillernden Kosmos einer der faszinierendsten Frauengestalten der (Opern-)Literatur, Prosper Mérimées „Carmen“ von 1847, von Ludovic Halévy und Henri Meilhac zum Libretto umgeschrieben.

Carmen, eine Zigeunerin, schockiert, zieht an, stößt ab, ist weich, brutal, promiskuitiv wie egomanisch, rettet Leben – und stirbt am Ende selbst. Das Publikum der Uraufführung im März 1857 in der Pariser Opéra Comique war außer sich: So eine gab’s noch nie – und dann auch noch ein Mezzosopran! Das Meisterwerk fiel erst einmal durch. Uns trifft das heute nicht mehr so massiv. Wir haben ja mittlerweile unsere Genderstudies, unsere Debatten und Identitätszuschreibungen, wir wissen Bescheid über Sexualität, über Denken und Verhalten der Geschlechter, oder?

Ganz besondere Schmuckstücke

Kristine Larissa Funkhauser ist „Carmen“ – sie gestaltet diese Hammerrolle furios. Wie eh und je Rätselraten um die Partie: dramatischer Mezzo, dramatischer Alt oder etwa Charaktersopran? Dramatisch ist Funkhausers Stimme nicht, dafür glänzt ihr lyrisches Timbre farbenreich. Habanera und Seguidilla haben zauberischen „leggiero“-Charakter, „Les Triangles“ zum Beginn des zweiten Aktes rhythmische Raffinesse – und im zentralen Duett zum Ende des zweiten Aktes mit Don Jose zeigt Funkhauser dann doch kraftvolle Dramatik. Schließlich ist Carmen auch noch in die Tutti-Ensembles eingebunden. Ein Glanzstück an federnder Eleganz, Leichtigkeit und Perfektion: das Quintett „Nous avons “ mit Richard van Gemert (Dancairo), Maria Klier (Frasquita), Marilyn Bennett (Mercédès), Jeffery Krueger (Remendado) und eben Carmen. Maria Klier und Marilyn Bennett, Zigeunerinnen, sind zwei ganz besondere Schmuckstücke – stimmlich („Melons! Coupons!“) wie optisch.

Regie führt der international arbeitende Regisseur Anthony Pilavachi. Sein Hagener Debut mit Carmen gerät solide – bisweilen getrübt durch stereotype Muster beim gestisch-szenischen Spiel! Man steht sich halt gegenüber, wenn man sich ansingt; wobei die Herren Frank Dolphin Wong (Escamillo), Orlando Mason (Zuniga) und Charles Reid (Don José), die auf intensiveren Kontakt mit Carmen aus sind, meistens die hilf- und reaktionslosere Figur abgeben. Mehr inszenatorische Impulse hätten hier gut getan! Ein Hauch von Reserviertheit, gar Abstand liegt über Szenen – auch bei Don José (Reid) und Carmen, wo Anziehung und Körperlichkeit zur emotionalen Grundausstattung gehören. Daran ändern auch heftiges Getümmel auf Betten und Böden oder Griffe an Hosenschlitze wenig.

Ein schwarzer Overall frustriert

Ganz sicher frustriert der schwarze Overall, den José trägt. Der Gedanke an einen Vertreter aus der Schornsteinfeger-Innung kommt hoch. An stimmlicher Qualität mangelt es Reid jedenfalls nicht: Da brilliert ein Sänger von internationalem Format, jemand, der bereits an der MET, bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen auftrat. Da schwelgt auch Frank Dolphin Wong als präpotenter Macho in seinem Ohrwurm „Auf in den Kampf“ – hier auf deutsch, am Abend in französisch, mit Übersetzung. Ein besonderer Stern am strahlenden Hagener Sängerhimmel ist Jaclyn Bermudez, die Micaela. Ob im ersten Duett mit Jose oder in ihrer großen Arie „Je dis que“: Ihre Innigkeit, ihr Ausdruck berühren unmittelbar. Der Solist, der am Beginn der Oper als erster seine markante Stimme erhebt, ist Raymond Ayers (Sergeant Moralès).

Einen hervorragenden Eindruck hinterlassen die großen Chöre – der Opern- und Extrachor sowie der Kinder- und Jugendchor. Prächtiger Klang, farbig und präzise. Putzig der marschierende Kinderchor mit neckischen Mützchen – einmal hin, einmal her. Routiniert parkt der Regisseur die Chormassen in Blöcken bzw. Reihen.

„Das Orchester bestimmt Gebärde und Ausdruck“, sagte Bizet. So, nach des Meisters Willen autark und legitimiert, tun dies auch die Hagener unter ihrem Chef Florian Ludwig, und zwar in reifer, hörenswerter Weise. „Leitmotivisch“ – Achtung: Wagnerjahr 2013! – wird man gut geführt, klanglich jederzeit verwöhnt, der Generalmusikdirektor ist souveräner Sachwalter.

„Carmen“ – eine beeindruckend gelungene Produktion zum Ende der Spielzeit – mit Übernahme in die nächste.

Weitere Aufführungen in dieser Spielzeit: 14. und 28. Juni sowie 10. Juli 2013.