Caro (17) aus Südafrika

Hagen. (clau) Für die 17-jährige Südafrikanerin Caro war es die Reise ihres Lebens. Als Austauschschülerin konnte sie einige Sommerwochen in Westfalen verbringen. Im vorderen Sauerland teilte sie das Leben ihrer Gastschwestern Lilly (14) und Paula (17).
„Wie hell es hier abends noch ist, das glaubt mir zuhause kein Mensch“, sagte sie immer wieder. In ihrer Heimat Südafrika legt sich selbst im Sommer schon früh die Dunkelheit binnen Minuten über das Land.

Klischees im Gepäck

Caro spricht – wie viele weiße Südafrikaner – zuhause Afri­caans, das dem Niederländischen nahe verwandt ist. Das öffentliche Leben und der Schulalltag in ihrem Internat wird jedoch vom Englischen bestimmt. Von den weiteren neun Landessprachen weiß Caro kaum etwas.
In der Schule lernt sie seit drei Jahren aber Deutsch. Im Unterricht haben sie kurz vor der Reise noch über Klischees gesprochen. „Fahren alle Deutschen nur VW? Sind sie wirklich in allem so schrecklich direkt? Sind sie unromantisch und humorlos? – Diesen Fragen soll ich nun nachgehen“, lachte Caro, als sie ankam.
Sie habe befürchtet, in ein kleines Haus mit dunklen, niedrigen Zimmern zu kommen. Denn so stelle man sich eben in Südafrika typische deutsche Häuser vor. Und man glaube auch, dass es bei 80 Millionen Menschen auf so kleiner Fläche einfach überall völlig überfüllt sein müsse.

Ein Land voller Überraschungen

Noch am Bahnhof lernte sie, woran man Europa gleich erkennt: Am Glockenläuten. „Ich liebe es“, beschloss sie sofort.
Die zweite Lektion betraf die Sprache. Sie wollte jeden Tag mindestens zehn neue typische deutsche Wörter lernen. So baute sie eine Kollektion auf von „Bratwurst“ bis „Schuhlöffel“, von „Abseits“ bis „Bergfried“, „Kirmes“ und „Schützenkönig“.
Lektion drei: Der Fußball war Neuland für sie. In Südafrika spielt man lieber Rugby. Caro verfolgte mit ihrer Gastfamilie begeistert die Europameisterschafts-Spiele. Bald kannte sie die deutschen Nationalspieler auswendig, auch wenn ihr Namen wie „Schweinsteiger“ nicht leicht über die Lippen kamen.
Lektion vier: Caro stellte erstaunt fest, dass die Deutschen in Deutschland nur mit Deutsch bestens durchs Leben kommen: „Sogar alle amerikanischen Fernsehfilme sind ja synchronisiert! In Südafrika geht ohne Englisch dagegen fast gar nichts“, erzählt sie
Lektion fünf: „Dass man an einem einzigen Tag so viel unternehmen kann, hätte ich nie gedacht“, schnaufte sie atemlos und war doch immer sofort nur zu bereit, sich irgendwohin aufzumachen. Das Ruhrtal, das Sauerland, das Bergische Land, die Region am Nieder­rhein, das Münsterland und sogar Maastricht, die berühmte Stadt in der Heimat ihrer holländischen Vorfahren, hat sie besucht.

Wo anfangen, wo aufhören?

„Ich war im Kino, in einem wunderbaren Freibad, bei drei Konzerten, auf einem Trödelmarkt, fast jeden Tag kurz in einer anderen Kirche, auf ganz vielen Burgen und Ruinen, Shoppen mit meinen Gastschwestern, auf Familien- und Schulfesten, auf einer Party, am Phoenixsee in Dortmund, am Hengsteysee und auf der Hohensyburg“, berichtet sie strahlend. Die grüne Landschaft, die verwunschenen Wälder machten ihr die Märchenwelt der Gebrüder Grimm erlebbar. „Darüber habe ich vor kurzem noch ein Referat in unserer Schule gehalten.“
Sie hat Einblicke in den deutschen Schulalltag erhalten, einen Kindergarten, die Ruhr-Akademie in Schwerte, die Fernuni in Hagen und die Ruhr-Uni in Bochum besichtigt.
„Dieses Land ist so vielseitig“, bewundert sie. „Verträumte Fachwerkstädte wie Hattingen und Herdecke, die unglaublichen Überreste der Industriekultur wie Zeche Zollverein in Essen, das idyllische Ruhrtal, das Freilichtmuseum in Hagen oder der Römer-Park in Xanten, die Dechenhöhle in Letmathe – man weiß gar nicht, wo anfangen und wo aufhören.“
Lektion sechs: Die Deutschen können feiern und ihre Städte dabei „humorvoll auf links“ ziehen. Davon konnte Caro sich beim Gevelsberger Kirmeszug und beim Schützenfestzug des IBSV in Iserlohn gründlich überzeugen.
Lektion sieben: „Die Jugendlichen hier leben viel freier als wir. Wie die sich bewegen, mit Bus und Bahn zwischen den Städten hin und her sausen, das glauben mir meine Freunde zuhause niemals“, befürchtet Caro, die aus einer Kleinstadt nördlich von Lesotho stammt und alltags ihr Internat, wo alle Uniform tragen müssen, kaum verlassen darf.

Neue Heimat

Zum Abschied gab es dicke Tränen. „Ich komme wieder. Ich möchte hier studieren und später Lehrerin in Deutschland werden“, hofft Caro. Nicht nur das Herz war schwer am Bahnhof, auch der Koffer: In dem steckten dreizehn leere rote Cola-Dosen – eine Spezial-Edition mit den Portraits deutscher Fußball-Nationalspieler.
Mehr zum Austauschprogramm mit Südafrika unter www.fsa-youthexchange.de.