Damit das Gute triumphiert

Die ersten Proben in Kostümen haben begonnen. Das Foto zeigt die drei „Tiere“ aus der Kinder-Oper „Brundibár“: (v.l.) Karolin Kersting, Sarah-Theresia Dorn und Alina Lodri. Die zauberhaften Kostüme wurden übrigens vom Theater in Coburg zur Verfügung gestellt. (Foto: privat)

Hagen. (as) Manchmal läuft das Schicksal Umwege. „Eigentlich“, sagt Klaus Beermann, „wollten wir mit Schülern aus Hagen das Singspiel ’Der Igel als Bräutigam’ einstudieren.“ Doch kaum gedacht, bekamen der gestandene Opern- und Konzertsänger und all die Handwerker und Lehrer, mit denen er das ehrenamtliche Projekt stemmen wollte, Bauchschmerzen. So unpolitisch die, wie es heißt, „Oper für große und kleine Leute“ auch daherkommen mag. Dem Komponisten Cesar Bresgen werden doch allzu intensive Nazi-Verstrickungen nachgesagt. „Auf solch’ eine Ebene wollten wir uns nicht begeben“, sagt Klaus Beermann. Dann schon eher eine ganz andere. Eine, die kaum politischer sein kann. Seit Schulbeginn proben 50 Kinder der Liebfrauen-Grundschule, der Freiherr-vom-Stein-Grundschule und des Hildegardis-Gymnasiums „Brundibár“, die Oper für Kinder des später in Auschwitz ermordeten Komponisten Hans Krása, die 55-mal im nationalsozialistischen Ghetto Theresienstadt aufgeführt wurde.

Viermal wird „Brundibár“ in Hagen zu erleben sein. Am 14. und 15. März 2013 im Stadtteilhaus Hagen-Vorhalle an der Vorhaller Straße 36 und am 19. und 20. März 2013 im Forum des Sparkassen-Karrees an der Körnerstraße. Alle Vorstellungen beginnen um 18 Uhr. Eintrittskarten gibt es ab sofort zum Preis von fünf Euro für Erwachsene und drei Euro für Schüler in den beteiligten Schulen, im Pfarrbüro Liebfrauen in Vorhalle, in der Hagen-Information an der Körnerstraße und im Kiosk Vielhaber an der Badstraße.

Ausstellung und Zeitzeugen-Besuch

„Brundibár“ war der erste Schritt. Das Projekt ist mächtig gewachsen. Schülerinnen und Schüler der Hildegardis-Schule haben sich künstlerisch mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Ihre Arbeiten werden ab Mitte Februar im Rathaus zu sehen sein. Herbert Shenkmann, Auschwitz-Überlebender, wird von seiner Wahlheimat Berlin in seine Geburtsstadt Hagen reisen, um der Geschichte ein Gesicht zu geben. Er möchte in Schulen gehen und mit Schülerinnen und Schülern sprechen.

Das Projekt, ein klassisches Singspiel mit Kindern und Jugendlichen zu inszenieren, hat sich somit zu einer mehrwöchigen Veranstaltungsreihe gegen das Vergessen gemausert – eine Reihe von Hagenern für Hagener.

Doch zurück zu „Brundibár“. Auch hier beschränkt man sich nicht allein auf die Kinder-Oper. „Musik aus Theresienstadt“ ist auf den Plakaten zu lesen, mit denen für die Aufführungen geworben wird. Empfangen werden die Besucher von jiddischen Liedern, die von einem Drehorgelspieler und vom Ensemble Draj gespielt und gesungen werden. Und sie werden empfangen von einer Mauer, gekrönt von Stacheldraht.

Ein Appell an die Freundschaft

„Brundibár“ selbst erzählt eine märchenhafte Geschichte: Zwei Kinder wollen ihrer kranken Mutter Milch besorgen, damit sie wieder gesund werden kann. Doch sie haben kein Geld. Auf dem Marktplatz sehen sie jedoch den Leierkastenmann Brundibár. Spontan beschließen sie zu singen und damit genau wie der Leierkastenmann Geld zu verdienen. Doch niemand gibt ihnen Münzen. Schließlich werden sie sogar von Brundibár vertrieben. Als sich die beiden Kinder enttäuscht schlafen legen, bekommen sie Hilfe von einem Spatz, einer Katze und einem Hund. Gemeinsam mit den Tieren und vielen Kindern aus der Nachbarschaft gelingt es ihnen wiederum, Brundibár zu vertreiben. Der zornige Mann hat gegen das bedingungslose Zusammenhalten der Kinder und Tiere keine Chance. Das Gute triumphiert über das Böse.

Vermeintlich unpolitisch sollte die Oper für Kinder einst in Theresienstadt daherkommen. Doch natürlich verstanden alle Gefangenen die Botschaft. Brundibár, das war Hitler, die hässliche Fratze des Terrors, der verjagt werden sollte.

Marktplatz ist Hagener Kulisse

Die Hagener „Brundibár“-Inszenierung bietet auch einen Blick in die Geschichte der eigenen Stadt. Sie zeigt, das der Terror nicht irgendwo, sondern direkt vor der Haustür stattgefunden hat. Denn das Hagener Team hat nicht irgendeinen Marktplatz als Kulisse für das Märchen-Spiel ausgewählt. Die Schülerinnen und Schüler spielen auf dem Platz vor der im Jahr 1938 abgebrannten Hagener Synagoge in der Potthoffstraße.

50 Kinder und Jugendliche aus Hagen engagieren sich bei dieser Inszenierung. Das Orchester der Hildegardis-Schule wird verstärkt von Mitgliedern des Städtischen Musikvereins Gevelsberg. Die zwölf Gesangs-Solisten kommen zum Teil auch von anderen Schulen, zum Beispiel von der Gesamtschule Eilpe. 22 Mädchen und Jungen von Liebfrauen- und Freiherr-vom-Stein-Schule singen im Chor. Mit Herzenswärme erzählt Klaus Beermann von all diesen Kindern, viele davon mit Migrationshintergrund, die sich mit Begeisterung mit dem Schicksal der jüdischen Kinder auseinandersetzen. Und die mit ihrem Gesang das Gute gegen das Böse gewinnen lassen.

Geschaffen wurde von all den ehrenamtlichen Kreativen und den vielen Schülerinnen und Schülern ein Projekt, das seinesgleichen sucht. Es ist doch schön, wenn das Schicksal ab und zu einmal Umwege läuft.