Das Gefecht an der Ruhr-Brücke

Ruhrtal. (ME) Vor 250 Jahren tobte in Mitteleuropa der „Siebenjährige Krieg“ (von 1756 bis 1763). Es ging um die Vorherrschaft in Europa und insbesondere im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Gegenüber standen sich Preußen und Engländer auf der einen, Russen, Österreicher, Sachsen und Franzosen auf der anderen Seite. Im Mittelpunkt befanden sich ferner zwei Monarchen: der preußische König Friedrich II. und die österreichische Erzherzogin Maria Theresia (im Volksmund: Die Kaiserin“, weil sie mit dem – seit 1745 – Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verheiratet und die eigentliche Herrscherin war).

Detlef Klimke nimmt im wochenkurier das Gefecht an der Westhofener Brücke vor genau 250 Jahren „ins Visier“. Zwar wurde auch schon in der Vergangenheit hin und wieder über dieses Gefecht berichtet, „aber alles, was ich bislang darüber lesen konnte, war zumindest ungenau,“ weiß Detlef Klimke. (Foto: Michael Eckhoff)

Zu Schlachten und Gefechten kam es im Verlauf des Siebenjährigen Krieges an vielen Orten Zentraleuropas – auch in unserer Gegend, so am 3. Juli 1761 an der Westhofener Ruhr-Brücke.

Der 250. Jahrestag dieses Gefechts gibt Anlass, dieses Ereignis mal genauer unter die Lupe zu nehmen. „Zwar wurde auch schon in der Vergangenheit in Büchern und Zeitschriften hin und wieder über dieses Gefecht berichtet, aber alles, was ich bislang darüber lesen konnte, war zumindest ungenau. Manchmal waren die Schilderungen sogar völlig falsch,“ weiß Detlef Klimke. „So haben es einige Historiker in mehreren Veröffentlichungen nicht einmal vermocht, die beteiligten Streitkräfte korrekt darzustellen.“ Wichtige Quellen seien entweder gar nicht genutzt oder falsch verstanden worden.

Der Heimatforscher, von Beruf Diplom-Volkswirt, beschäftigt sich bereits seit geraumer Zeit mit der Auseinandersetzung an der Westhofener Brücke. Im nächsten „HagenBuch“ will der Holthauser darüber in einem Beitrag berichten. Der wochenkurier durfte bereits vorab in sein Manuskript schauen. Auf seinem Beitrag fußt unser Artikel:

Maria Theresia

Doch bevor wir auf das eigentliche Gefecht zu sprechen kommen, ist es ratsam zu schauen, warum es 1756 überhaupt zum Siebenjährigen Krieg gekommen ist. Zwischen 1740 und 1748 hatte es bereits den Österreichischen Erbfolgekrieg gegeben. Dabei ging es kurz gesagt um die Frage, ob Maria Theresia – eine Frau! – überhaupt den österreichischen Thron besteigen durfte.

Zahlreiche deutsche Fürsten – darunter Friedrich August von Sachsen – versuchten ihr dies streitig zu machen. Der junge preußische König Friedrich II. nutzte die Gunst der Stunde und besetzte mit seinen Truppen am 16. Dezember 1740 die Provinz Schlesien. Am Ende des Erbfolgekriegs stand der Friede von Aachen, wonach Maria Theresia als Thronerbin anerkannt und Schlesien tatsächlich Preußen zugesprochen wurde.

Probleme ungelöst

„Doch der Friede von Aachen ließ mehrere Probleme ungelöst, was den Keim eines neuen Krieges in sich barg“, weiß Detlef Klimke. Deutschland – oder genauer: das Heilige römische Reich deutscher Nation – war damals in wenige große und unglaublich viele Klein- und Kleinststaaten zersplittert. Beim Betrachten einer Landkarte sah alles eher nach einem „Flickenteppich“ aus. Vorherrschende Macht war Österreich. Doch auch Preußen meldete ab 1701 Großmachtansprüche an.

„Hinzu kam Englands Sorge um Hannover“, ergänzt Detlef Klimke. Der Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, dessen Residenz sich in Hannover befand, hatte 1714 als Georg I. den englischen Thron bestiegen. Das heißt: das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (im Volksmund oft als „Kurhannover“ bezeichnet) und das Königreich England waren fortan in einer sogenannten Personalunion miteinander verbunden. Das wiederum schmeckte den Franzosen – die den Engländern unter anderem in Nordamerika feindlich gegenüberstanden – in keinster Weise.

Einmarsch in Sachsen

Während nun England/Kurhannover und Preußen ein Bündnis schmiedeten, taten sich auf der anderen Seite Frankreich, Österreich und Russland zusammen. Dieser Dreier-Koalition traten unter anderem noch Schweden und Kursachsen bei. Preußen erfreute sich der Unterstützung beispielsweise von Hessen-Kassel und Schaumburg-Lippe.

Vor 255 Jahren waren die Fronten endgültig klar. Dass es dann zum Krieg kam, ist auf den Preußenkönig zurückzuführen. Am 26. August 1756 ließ Friedrich II. (den die Menschen bald „den Großen“ nannten) Truppen in Sachsen einmarschieren.

Ohne Chance

Vor 250 Jahren trafen im Siebenjährigen Krieg am Hellweg die Armeen der Alliierten (Preußen, Engländer) und der Franzosen aufeinander. Unsere Zeichnung versucht die diversen Vormärsche zu skizzieren. (Zeichnung: Klimke)

In den preußischen West-Provinzen Kleve und Mark sah hingegen die Lage düster aus: König Friedrich war sich darüber im Klaren, diese Gebiete im Falle eines französischen Angriffs kaum halten zu können. Die Festungen Wesel und Lippstadt wurden deshalb auch geräumt. Die Engländer hatten zwar 40.000 Mann in Hannover vor Ort, aber auch damit konnte man gegen die Franzosen nicht bestehen.

Prompt kam es 1757 zur Besetzung Hannovers und der Festung Wesel. „Der Wind“, erzählt Detlef Klimke, „drehte sich jedoch, als Herzog Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg, General in preußischen Diensten und naher Verwandter des englischen und des preußischen Königs, den Oberbefehl übernahm.“

Auf den westlichen Kriegsschauplätzen konnten Engländer und Preußen rasch mehrere Erfolge erzielen, so dass die Franzosen hier bald mit fast leeren Händen dastanden. Im fünften Kriegsjahr 1761 machte sich allgemeine Erschöpfung auf beiden Seiten bemerkbar. Auf dem westlichen Kriegsschauplatz hatte Frankreich letzten Endes nichts erreicht, musste aber trotz nachlassender Kräfte unbedingt Erfolge erringen, um seine Ausgangsposition bei den bevorstehenden Verhandlungen mit Österreich, Russland und Schweden zu verbessern.

Zwei Heerführer

Eine französische Armee unter dem Prinzen Soubise sollte Anfang Mai 1761 von Wesel aus nördlich der Lippe auf Münster marschieren, die Stadt erobern und schließlich Lippstadt einnehmen, gleichzeitig aber auch den wichtigsten Gegenspieler der Franzosen, den Herzog von Braunschweig, in Schach halten, sodass eine zweite Armee unter dem Herzog von Broglie von Hessen aus ab Mitte Mai nach Norden vorstoßen könnte, um sich hier mit der Armee unter Soubise zu vereinigen und Ferdinand zur Schlacht zu stellen. Hierfür sollte die Armee in Wesel insgesamt 100.000 Mann zur Verfügung haben, Broglies Armee 70.000 Mann. Problematisch war, dass beide Armeen nicht unter einem gemeinsamen Oberbefehl stehen sollten, sondern beide Feldherren als Ranggleiche ihr Vorgehen untereinander abzustimmen hatten.

Soubise und Broglie stellten im April fest, dass die Armee Broglies zahlenmäßig schwächer war als geplant, die Kampfkraft der neuen Truppen gegen die 80000 geübten, abgehärteten und erfahrenen Soldaten des Herzogs von Braunschweig eindeutig schwächer einzuschätzen war, die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen waren und der Feldzug von Hessen aus demnach nicht vor dem 20. Juni beginnen konnte. Auch Soubise stellte bei seiner Ankunft in Düsseldorf fest, dass zu wenig Soldaten und nur die Hälfte der Kanonen marschbereit waren. Zudem wehte ein ständiger Nordwind, der den Nachschub aus Koblenz rheinabwärts nach Düsseldorf und Wesel erschwerte.

Aufmarsch am Hellweg

Damit nicht genug. Der geteilte Oberbefehl führte zu langatmigen Diskussionen darüber, ob die Armee unter Soubise nördlich der Lippe oder südlich über den Hellweg vorgehen sollte. Soubise bevorzugte die Route über den Hellweg und setzte sich damit gegen Broglie durch. Man vereinbarte, dass er am 16. Juni von Wesel und Düsseldorf aus nach Osten vorrücken werde. Im Hinterland besaßen die Franzosen die Festungen Göttingen, Kassel und Ziegenhain.

Auch die Alliierten hatten sich auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereitet. Die Festungen Münster, Hameln und Lippstadt waren ausgebessert, die Truppen durch Rekrutierung aufgefüllt worden. 6000 Rekruten waren auch für die britischen Regimenter eingetroffen.

Preußen bei Nottuln

Die Grenadiere rücken vor. Ob es so wie auf diesem Gemälde, das aus der Zeit Friedrichs II. stammt, auch 1761 am Hellweg ausgesehen hat? (Repro: wk)

Als sich am 12. Juni die beiden französischen Marschsäulen von Wesel und Düsseldorf in Bewegung setzten, lagen die Truppen des Neffen Ferdinands, des Erbprinzen Carl Wilhelm Ferdinand, bei Nottuln westlich von Münster. Britische Regimenter lagen in Soest und Hamm, braunschweigisch-lüneburgische Truppen mit 5000 Mann unter General von Wangenheim bei Rüthen, weitere 15.000 Mann unter General von Spörcken auf der linken Diemelseite bei Warburg und ein weiterer großer Teil der alliierten Armee bei Osnabrück. Herzog Ferdinand selbst hatte die Schlüsselstellung im Paderbornschen bezogen, die es erlaubte, sich sowohl gegen Soubise im Westen wie auch gegen Broglie im Süden zu wenden. Die alliierten Truppen lagen so nahe beisammen, dass sie sich innerhalb weniger Tage gegenseitig verstärken konnten. Ferdinand musste Lippstadt und Münster halten, um sich nicht aus Westfalen hinausdrängen zu lassen. Da seine Truppen nur halb so stark waren wie die der Franzosen, beschloss er, Soubise anzugreifen, bevor dieser sich mit Broglie vereinigen konnte.

Die beiden französischen Marschsäulen gingen über Essen und erreichten Marten am 18. Juni. Leichte Truppen und Dragoner besetzten Dortmund und Schwerte, um den rechten Flügel und den Nachschub aus Düsseldorf über Elberfeld, Schwelm, Hagen und Westhofen zu decken. Am 22. Juni rückte Soubise weiter bis Brackel vor und ließ Kamen und Unna angreifen und besetzen. Er schlug das Lager zu Unna auf und blieb dort bis zum 3. Juli.

Ferdinand wagemutig

Der französische Vormarsch hatte bis jetzt, dem 22. Juni, zehn Tage in Anspruch genommen; weitere elf Tage sollten vergehen, ohne dass Soubise sich zu einer Entscheidung durchringen konnte, nämlich entweder sich mit Broglie zu vereinen oder Ferdinand anzugreifen oder nach Norden über die Lippe zu gehen und endlich Münster einzunehmen. Stattdessen handelte Ferdinand. Er rückte zusammen mit dem Korps seines Neffen nach Westen über Werl vor. Dort hatte der Feind aber eine zu starke Stellung, um angegriffen werden zu können. Jetzt änderte Ferdinand seinen Plan. Er schwenkte nach Norden auf Hamm und marschierte von dort aus unbemerkt nach Südwesten bis Dortmund. Damit schnitt er den französischen Nachschub aus Wesel über die Lippe-Route ab und umging den linken Flügel des Feindes. Am 1. Juli stand er in dessen Rücken. Von dort aus wollte er den Feind in Brackel angreifen. Ein Wolkenbruch in der Nacht weichte jedoch die Wege auf und machte sie unpassierbar; der Angriff musste verschoben werden.

Als Soubise am 2. Juli erfuhr, dass Ferdinand nach Norden abgeschwenkt war, nahm er an, dieser ziehe sich über die Lippe nach Nordosten zurück. Broglie wiederum überschritt die Diemel. Und so sonnten sich die beiden französischen Heerführer in der vermeintlichen Gewissheit, mit einem Schlage freien Weg nach Lippstadt und Münster zu haben. Soubise war zutiefst überrascht, als er erfuhr, dass die „ganze alliierte Armee nach einem ununterbrochenen, und sehr angestrengten Marsche von 36 Stunden in der Ebene von Dortmund angekommen wäre“ und in seinem Rücken stand. Er brach am 3. Juli nachmittags von Unna auf. In dieser Situation erhielt der Major von Scheither den Befehl, die Brücke von Westhofen einzunehmen, um den Nachschub der Franzosen über Hagen nach Unna zu unterbrechen.

(Darüber berichtet Detlef Klimke mehr am nächsten Mittwoch)