Das Glockentrio vom Paulusturm

von Anna Linne

Die Pauluskirchen an der Lange Straße in Wehringhausen wird im nächsten Jahr 100 Jahre alt. Zum regen Gemeindeleben tragen bei (v.l.): Paulus-Chefkoch und Presbyter Herbert Terweiden, Pastorin Elke Schwerdtfeger, Pastor Martin Schwerdtfeger, Küsterin Anke Littwin und Jugendreferent Markus Wessel. Mit der Pastorin und der Küsterin unternahm der wochenkurier einen Ausflug in den Glockenturm der Pauluskirche. (Foto: Anna Linne)

Wehringhausen. Wenn zur Weihnachtszeit die Glocken läuten, erscheint ihr Klang vielen Menschen festlicher als sonst. Sie klingen an den Festtagen irgendwie majestätischer und verheißungsvoller. Diesem Klang und seinem Geheimnis wollte der wochenkurier einmal nachgehen und stieg in den Glockenturm der Pauluskirche. Denn die Pauluskirche in Wehringhausen feiert im nächsten Jahr ihr 100-jähriges Bestehen – und das mit einem umfangreichen Veranstaltungsreigen. In der 4000 Mitglieder starken Gemeinde leisten allein 350 Menschen ehrenamtlich Arbeit und gestalten zusammen mit den Hauptamtlichen ein lebendiges Gemeindeleben.

Das altehrwürdige Gemäuer der Pauluskirche verfügt über einen 55 Meter hoch aufragenden, schlanken Glockenturm. Zwei Erkertürme mit 23 Metern Höhe am Haupteingang rahmen das zentrale Kirchenschiff ein. Der Glockenturm mit seinen drei ebenfalls hundert Jahre alten Glocken ist mein Ziel.

Innehalten

Pastorin Elke Schwerdtfeger und Küsterin Anke Littwin begleiten mich auf dem beschwerlichen Weg. Vom Gemeindehaus in der Borsigstraße aus gelangen wir durch einen Hintereingang in den Glockenturm, beziehungsweise ins Kirchenschiff. Dort müssen wir erst den Glockenschlag zur vollen Stunde abwarten, bevor wir auf steilen Stahltreppen die 55 Meter hoch in den Turm steigen. Direkt neben der Glocke sei ihr Läuten kaum zu ertragen, meint die Pastorin. Und während wir die Kirche besichtigen, erklärt Elke Schwerdtfeger den Sinn des Läutens.

Schon immer seien die Glocken ein wichtiges Mitteilungsorgan gewesen, die Zeit und Ereignisse verkündeten. Das heutige Tageszeitläuten, um 8, 12 und 18 Uhr soll die Menschen immer noch zum Innehalten bewegen, zum kurzem Stillstand im Alltagstrott. Dreimal am Tag soll der Mensch einfach Gott gedenken, um zu erfahren, dass es noch etwas anderes gibt als die eigene Existenz. Klingt gut, denke ich, als wir schlussendlich zum Glockenturm aufbrechen.

Tolle Belohnung

Nach zwei steilen Stahltreppen im bitterkalten, engen Turm mit Ziegelsteinmauern gelangen wir zuerst über eine Art Hühnerleiter, dann über eine einfache Sprossenleiter auf den sogenannten Boden der Pauluskirche, der über ein Gitternetz aus Holzplanken zu begehen ist. Schwindelfreiheit ist hier unerlässlich, denn viele Meter unter uns werden die Gewölbedecken der Kirche sichtbar. In diesem Bereich können auch die riesigen Kronenleuchter hochgezogen werden, wenn sie repariert werden müssen oder Glühlampen defekt sind.

Es ist dunkel, staubig und ungeheuer geheimnisvoll. Bloß keinen Fehltritt. denke ich, und balanciere mutig weiter. Am Ende der Holzplanken dann zwei kleine Dachfenster, die einen bezaubernden Blick auf die kleinen schneebedeckten Türme am Haupteingang freigeben. Eine tolle Belohnung für meine Mühen.

Faszinierend

Vom Dachstuhl der Pauluskirche hat man einen schönen Blick auf die beiden Türmchen, die das Hauptportal der Kirche zieren. (Foto: Anna Linne)

Weitere drei steile Stahltreppen gilt es zu bezwingen. Dann schließt Küsterin Anke Littwin die Gittertür zum Glockenturm auf. Wieder eine lange Stiege und das Geläut tut sich vor mir auf. Ein beeindruckendes Bild bieten die drei stummen Riesen, die noch aus dem Erbauungsjahr 1911 stammen und der Einschmelzung in Zweiten Weltkrieg entgangen sind. Sie wurden vom Bochumer Verein aus Stahl gegossen. Die größte Glocke mit einem Durchmesser von 1,88 m und einem Gewicht von 340 kg trägt die Inschrift: „Aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben“ (Epheser-Brief 2, Vers 8). Auf der mittleren Glocke ist zu lesen: „Wandelt in der Liebe“ (aus dem Epheserbrief 5, Vers 2). Sie hat einen Durchmesser von 1,57 m und wiegt 200 kg. Die kleinste Glocke schließlich wiegt 165 kg bei einem Durchmesser von 1,43 m. Sie verkündet: „Wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit“ (Römerbrief 5, Vers 2). Daher tragen die Glocken ihre Namen: Glaube, Liebe und Hoffnung läuten über Wehringhausen.

Ich bin tief beeindruckt, als ich die untere Glocke anfassen darf. Eiskalt und ehern wirkt der Stahlkoloss. Die Küsterin schaut gleich nach dem Rechten, ist sie doch für ihr richtiges Läuten verantwortlich. Sie programmiert den Computer, der dann zum Läuten den Hammer am Außenrand der Glocke bewegt, denn der Klöppel im Innern der Glocke bleibt regungslos. Als sie unter der größten Glocke steht, darf man sich nicht vorstellen, was passieren könnte…

Viele Höhenmeter

Ein beeindruckendes Bild bieten die drei stummen Riesen, die noch aus dem Erbauungsjahr 1911 stammen. Sie wurden vom Bochumer Verein aus Stahl gegossen. Die größte Glocke mit einem Durchmesser von 1,88 m und einem Gewicht von 340 kg trägt die Inschrift: „Aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben“. (Foto: Wippermann)

Ich darf an einem Metallseil ziehen, das einen Hammer bewegt und dadurch einen Glockenschlag auslöst. Ich wusste nicht, was ich tat – denn mit so einer Lautstärke und Vibration hatte ich nicht gerechnet. Der Klang erschütterte mich bis ins Mark. Bloß weg, bevor das nächste automatische Läuten ertönt…

Die Treppe entlang den drei Glocken wird immer steiler, so scheint es jedenfalls. Auf weiteren steilen Stufen gelangt man dann ganz oben in den Turm. Hier hat das Uhrwerk der Kirchturmuhr seinen Sitz. Um es zu reparieren oder die Uhr neu einzustellen, muss so mancher Höhenmeter überwunden werden

Gerade zur Adventszeit und besonders zur Weihnacht sind die Glocken von St. Paulus nicht aus den Feiern und Vorbereitungen zum Fest wegzudenken. Verkünden sie doch alle beide mit ihrem stimmungsvollen Geläute die Weihnachtsbotschaft der Engel aus dem Lukas-Evangelium – weit über Stadt und Land hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Übrigens: in der nächsten Ausgabe wollen wir in einem weiteren Glockenturm das „Oberstübchen“ besuchen – wir sind zu Gast in der katholischen Elisabethkirche.