Das Land, das Gott Kain gab: Labrador

Hagen. (ME) Der vor Ort für seine Forschungen zur Geschichte des Hagener Raums bekannte Professor Dr. Gerhard E. Sollbach ist auch ein begeisterter Naturfreund und Wanderer. Doch nicht nur das (nördliche) Sauerland ist sein regelmäßiges Wandergebiet. In der kanadischen Wildnis war er ebenfalls schon mehrmals mit Rucksack und Zelt und stets allein unterwegs. In diesem Herbst war von ihm das westliche Neufundland und das südöstliche Labrador als Ziel gewählt worden. Auf wk-Wunsch hat er eine kleine Reisereportage verfasst.

Heute folgt als letzter Teil noch der Besuch von Labrador:

Anfangs enttäuscht

Mein erster Eindruck von Labrador war enttäuschend, und das, obwohl die Sonne mal schien. Was für ein ödes Land, dachte ich. Links und rechts breiteten sich endlose von Steinen übersäte Flächen aus, die mit Moosen und vereinzelten Krüppelbäumen bewachsen waren -Taiga und Tundra eben. Mir fiel die Schilderung in dem Journal eines Engländers ein, der in den 1770er Jahren in Labrador als Fallensteller und Händler lebte. Er schrieb, dass man beim Anblick des Landes den Eindruck gewinne, Gott habe nach der Schöpfung festgestellt, dass noch einiges Material übriggeblieben war, das er aber als für sein Schöpfungswerk ungeeignet erachtet und weggeworfen hatte. Es handelt sich nämlich nur noch um Steine und schlechte Erde. Die nahm er nun und schuf daraus Labrador.

Der in englischen Diensten stehende Seefahrer John Cabot, der 1497 die Küste von Labrador sichtete, bezeichnete Labrador als „das Land, das Gott Kain gab“.

Viel Natur pur

Doch wenn man etwas länger in dem Land ist, stellt man fest, dass es eigentlich viele Gesichter hat: Große Teile sind dicht bewaldet. Und im Herbst verwandelt die arktische Bearberry-Bodenpflanze zusammen mit dem auch Huckleberry genannten Strauchgewächs die Tundra bzw. Taiga an vielen Stellen in einen strahlend roten Teppich. Ich bin an mehreren Tage kreuz und quer über ein solches Gebiet gewandert und konnte mich gar nicht genug daran sattsehen.
Außerdem gibt es hier zahlreiche Beerenarten, die alle essbar sind oder sein sollen. Ich habe als überzeugter Vegetarier auch alle probiert, die ich fand. Die meisten schmeckten jedoch entweder nach gar nichts – oder waren bitter. Lediglich die Blaubeeren waren schmackhaft.

Im Herbst gleicht die Tundra in Labrador an vielen Stellen einem roten Teppich. (Foto: Sollbach)
Im Herbst gleicht die Tundra in Labrador an vielen Stellen einem roten Teppich. (Foto: Sollbach)

Menschenleer

Ich habe mit dem Kompass mehrmals ganztägige Wanderungen durch die weglose Tundra gemacht. Dabei ergab sich aber stets die Notwendigkeit, entweder durch einen Fluss zu waten oder in einem riesigen Bogen einem der auch hier zahllosen Moore und Seen auszuweichen. Die klare Luft und die von keinem Zivilisationsgeräusch gestörte Stille, in der nur das Rauschen des Windes und das Rascheln der Vegetation zu hören war, wirkte zumindest auf mich unglaublich befreiend.

Ich habe diese Wanderungen in der Einsamkeit richtig genossen. Dass ich dabei zahllosen Tieren, u.a. Karibus, aber keiner einzigen Menschenseele begegnet bin, ist verständlich. Der zu Neufundland gehörende Provinzteil Labrador ist nämlich noch ca. 50.000 qkm größer als die alte Bundesrepublik. In der lebten etwas über 50 Millionen Menschen, im neufundländischen Labrador sind es aber nur ca. 20.000.

Noch ein Zittern

Wind und Regen verließen mich in Labrador ebenfalls nicht. Doch es gab auch einige sehr sonnige und sogar recht warme Herbsttage. Es wurde aber vor allem nachts schon empfindlich kalt. Als ich meine Rückfahrt nach Neufundland plante, meldete sich prompt der Sturm zurück und ich erfuhr, dass der Fährbetrieb erneut eingestellt war. Jetzt wurde es mir doch etwas warm, denn ich hatte einen festen Termin, an dem ich an einer Universität in Nova Scotia einen Vortrag halten sollte. Schon am nächsten Tag kam aber Entwarnung und am darauf folgenden Tag konnte ich übersetzen.

Die Überfahrt von Neufundland nach Nova Scotia verlief problemlos. Damit ging mein Neufundland-Labrador-Abenteuer zu Ende. Doch die vielen schönen Erlebnisse und vor allem die herrlichen Natureindrücke werde ich noch lange in Erinnerung behalten.

Alle Teile der Serie:

  1. Auf dem Gros Morne Mountain
  2. Doppelt Glück gehabt
  3. „Highway“ zum Fürchten
  4. Das Land, das Gott Kain gab