Deerth-Kontroverse: „Standhaft bleiben!“

Wilhelm Schmidt

Wilhelm Schmidt, Vorsitzender des Awo-Bundesverbandes (l.), verschaffte sich zusammen mit Astrid Schröder, therapeutische Klinikleitung Deerth (r.), Birgit Buchholz, Geschäftsführerin des Awo-Unterbezirks Hagen-Märkischer Kreis (Mitte), Jürgen Reiß, Renat

Hagen. (cs) Vierzig neue „geschlossene Plätze“ sollen neben der jetzigen Klinik Am Deerth entstehen – Anwohner, Kommune und Politik diskutieren bereits seit Monaten kontrovers über den möglichen Bau einer Entzugsklinik im Stadtwald. Der Awo-Bundesvorsitzende Wilhelm Schmidt rät nun seinen Hagener Kollegen: „Bleiben Sie standhaft!“ Die Sorgen der Bürger müsse man aber selbstverständlich ernst nehmen.. Jede Einrichtung, die Probleme bereiten könnte, müsse sorgfältig diskutiert werden – und zwar unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Beteiligten.

Ein Zaun muss her
Zahlreiche Leserbriefe und Unterschriftenaktionen gegen den geplanten Bau gab es bereits, Angst habe man um die Kinder des benachbarten Waldkindergartens, heißt es. Vom Kindergarten selbst gibt es jedoch keine konkreten Einwände.
„Es wird bei der Menge an Patienten bleiben, die sich auch bisher schon im Umfeld der Klinik bewegt“, so Birgit Buchholz, „die Patienten der neuen Einrichtung wären allemal durch einen Zaun von der Gesellschaft getrennt.“ – Plante man zuvor noch eine fünf Meter hohe Plexiglas-Wand, sprechen die Verantwortlichen inzwischen von einem Zaun aus Draht, der nach spätestens fünf Jahren bewuchert sein dürfte. „Das Gelände wird zudem seit 2014 vom Umweltbüro in Essen kontrolliert, um der hiesigen Natur gerecht zu werden“, erklärt Buchholz weiter.
Fachlich einwandfrei
Doch auch die strengstens nach den Statuten des Landes ausgerichtete Planung des Projekts reicht dem ein oder anderen Hagener nicht, um dem Bau seinen Segen zu geben. Vorwürfe gehen vor allem in die Richtung, dass die Awo sich das angrenzende Baugrundstück günstig „erschlichen habe“, um nun Profit daraus zu schlagen. „Die Menschen vergessen dabei offenbar, dass wir gemeinnützig sind und gar keinen Gewinn erwirtschaften können“, so Klinikleiterin Astrid Schröder.
Gekauft hat die Awo bisher tatsächlich nur die Waldfläche zum üblichen Preis. Würde dem Bau einer Klinik stattgegeben, kämen selbstverständlich noch die regulären Kosten für das dann entstehende Bauland hinzu. Wilhelm Schmidt ist sich zudem sicher, dass es fachlich keinerlei Einwände für den Bau der Klinik gibt: „Es gibt nur sehr selten derart gute Bedingungen wie hier.“
Anderer Standort nicht sinnvoll
Ein anderer Standort sei zudem aus therapeutischer Sicht wenig sinnvoll und würde den ein oder anderen Kritiker wohlmöglich viel mehr auf die Palme bringen. Denn: Würde die Awo die geplante Entzugsklinik mit 40 Plätzen an einem anderen Standort unterbringen, würde sich dieser wirtschaftlich nicht selbst tragen können.
Ergo müsste sowohl ein neues Gebäude für die neue, als auch die vorhandene Einrichtung geschaffen werden. Es würden Kosten entstehen, die den bisherigen Etat deutlich übersteigen würden.
Positive Stimmen
Abgesehen von den wirtschaftlichen Aspekten vermisst der Gesamtleiter des Behandlungszentrums Deerth, Markus Stremmel-Thora, die Menschlichkeit in der Betrachtung des Projekts. „Es gibt natürlich auch positive Stimmung zum Bau der Klinik, aber die verpackt niemand in einen Leserbrief oder startet eine Unterschriftenaktion“, beklagt er, „unsere Patienten lesen ja auch Zeitung und fragen sich, warum sie keiner haben möchte.“
„Mindestens noch ein Jahr“
Bis es nun aber zur einer entgültigen Entscheidung über den Bau kommt, wird laut Birgit Buchholz noch ein wenig Zeit ins Land gehen: „Wenn es gut läuft, dauert die Prüfung aller Voraussetzungen noch etwa ein Jahr.“ Bekommt die Awo dann grünes Licht, wird bald ein hoher Zaun im Hagener Stadtwald stehen.
Und was noch? Insbesonderewird Menschen dabei geholfen, wieder auf den richtigen Weg zu gelangen, wieder zum vollwertigen (und Steuern zahlenden) Mitglied der Gesellschaft zu werden. Und ganz „nebenbei“ entsteht auch noch der ein oder andere neue Arbeitsplatz.